Über ihr damaliges Umfeld sagte Tilley:
„Alle um mich herum wollten einfach nur Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu vielen Menschen, mit denen ich damals unterwegs war, wollte ich nichts sein.“
Die Aussage beschreibt treffend die besondere Rolle, die sie innerhalb der Londoner Kulturszene jener Jahre einnahm. Während viele Akteure nach öffentlicher Wahrnehmung strebten, blieb Tilley eine eher zurückhaltende Beobachterin einer Zeit, die heute als eine der kreativsten Phasen des kulturellen Lebens in London gilt.
Die Geschichte von Sue Tilley ist untrennbar mit jener von Leigh Bowery verbunden. Bowery war nicht nur eine Schlüsselfigur der Clubkultur, sondern auch eine zentrale Inspirationsquelle für Lucian Freud. Zahlreiche Gemälde und Zeichnungen entstanden nach seinen Sitzungen. Seine außergewöhnliche Erscheinung und seine kompromisslose künstlerische Haltung faszinierten den Maler über Jahre hinweg.
Mit den Porträts von Bowery und Tilley schuf Freud einige der eindringlichsten Werke seiner Karriere. Die Gemälde verzichten auf jede Idealisierung und konzentrieren sich stattdessen auf die physische Präsenz des Menschen. Gerade diese direkte und unverstellte Darstellung machte die Arbeiten zu Ikonen der britischen Gegenwartskunst.
Das nun angebotene Gemälde stammt aus der Sammlung des Unternehmers Joe Lewis und wird im Rahmen der Auktion „Masterpieces from the Lewis Collection“ präsentiert. Die Versteigerung vereint bedeutende Werke des 20. Jahrhunderts und zählt bereits im Vorfeld zu den meistbeachteten Ereignissen des internationalen Kunstmarktes.
Auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung haben die Bilder nichts von ihrer Wirkung verloren. Sie dokumentieren nicht nur die außergewöhnliche Beziehung zwischen Künstler und Modell, sondern auch eine kulturelle Epoche, in der sich Kunst, Mode, Performance und Nachtleben auf einzigartige Weise miteinander verbanden.
Mit einem Schmunzeln erinnerte sich Sue Tilley später an die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihr durch die Gemälde zuteil wurde:
„Ich war die einzige nackte Frau, die jemals auf der Titelseite der Financial Times zu sehen war.“