Zum Höhepunkt dieses Gedankens werden die „Großen Musiksoli“ von Johann Christian Friedrich Wilhelm Beyer. Sechs Musiker bilden ein kleines Ensemble, doch jede Figur besitzt ihre eigene körperliche Spannung. Violine, Cello und weitere Instrumente sind nicht bloß Attribute. Sie erklären die Haltung der Körper und machen sichtbar, was eigentlich unsichtbar ist: Musik.
Man hört nichts. Und doch scheint Musik im Raum zu liegen. Ein erhobener Arm, ein geneigter Körper, die Spannung zwischen Instrument und Spieler – das Porzellan hält die Bewegung nicht an. Für einen Augenblick lässt es sie weitergehen.
Die Sammlung Jansen besitzt nach Angaben von Lempertz die einzige bekannte vollständig erhaltene Ausformung dieser sechsteiligen Gruppe in Privatbesitz. Eine weitere Ausformung befindet sich im Landesmuseum Württemberg. Mit einem Schätzpreis von 30.000 bis 40.000 Euro gehören die „Großen Musiksoli“ zu den wichtigsten Losen der Auktion.
Beyer war dafür außergewöhnlich vorbereitet. Carl Eugen schickte ihn zunächst zum Studium nach Paris und später nach Rom, wo er unter anderem Johann Joachim Winckelmann begegnete. Nach seiner Rückkehr wurde er Modellmeister in Ludwigsburg. Später führte ihn sein Weg nach Wien, wo er zahlreiche Skulpturen für den Schlosspark Schönbrunn schuf. In seinen Ludwigsburger Figuren begegnen sich deshalb höfisches Porzellan und ein bildhauerischer Anspruch, der weit über das Dekorative hinausgeht.
Das höfische Leben wird zur Bühne
Doch der Hof wollte sich nicht nur musizierend und tanzend sehen. Auch das Theater fand seinen Weg ins „weiße Gold“. Johann Wilhelm Götz werden die Modelle einer Gruppe von fünf Figuren der „Französischen Komödie“ um 1760 zugeschrieben. Nach Lempertz handelt es sich um die einzige bislang bekannte Gruppe dieser fünf Porzellanfiguren.
Hier zeigt sich, weshalb diese Objekte mehr sind als liebenswerte Rokokofiguren. Sie übersetzen die Kultur ihrer Zeit in ein dauerhaftes Material. Theater endet mit dem letzten Vorhang, Musik mit dem letzten Ton und Tanz mit der letzten Bewegung. Porzellan dagegen bleibt.
Auch der nach einem Entwurf von Götz entstandene Apolloleuchter führt diesen Gedanken weiter. Apollo, Gott des Lichts und der Künste, wird selbst zum Bestandteil höfischer Repräsentation. Das Stück wird mit 4.000 bis 6.000 Euro taxiert.
Als der Gärtner zum Künstler wurde
Eine andere Geschichte erzählt die Gärtnergruppe von Johann Christoph Haselmeyer. Hier verlässt Ludwigsburg für einen Moment Bühne und Konzertsaal und wendet sich der Natur zu. Doch auch diese Natur ist nicht zufällig gewählt.
Der Gärtner begann im 18. Jahrhundert anders wahrgenommen zu werden: nicht mehr allein als Handwerker, sondern als jemand, der Landschaft gestaltet und Natur nach menschlichen Vorstellungen formt. Gleichzeitig gehörten Schäfer-, Gärtner- und Landidyllen zu jener höfischen Sehnsucht nach einem vermeintlich einfachen Leben, die später bis zu Marie-Antoinettes Hameau im Park von Versailles reichen sollte.
Haselmeyers Figuren besitzen dabei eine ungewöhnliche körperliche Präsenz. Lempertz verweist auf seine Vergangenheit als Wachsbildner und Porträtspezialist: Die Figuren wirken weniger wie austauschbare Typen als wie konkrete Menschen. Die Gärtnergruppe mit Vase aus der Sammlung Jansen ist nach Angaben des Auktionshauses die bislang einzige bekannte Ausformung dieses Werkes. Der Schätzpreis liegt bei 10.000 bis 15.000 Euro.
Eine Manufakturgeschichte in einer Sammlung
Genau an diesem Punkt wird verständlich, weshalb die Sammlung Reinhard Jansen für den Kunstmarkt interessant ist. Jansen sammelte nicht einfach möglichst viele hübsche Porzellanfiguren. Ihm gelang es laut Lempertz, die Geschichte der Ludwigsburger Manufaktur nahezu vollständig anhand seiner Sammlung nachzuzeichnen. Tanz und Musik stehen neben Theater, höfischer Mythologie, Schäfern, Jägern, Fischern und Gärtnern. Ergänzt wird der Bestand durch eine umfangreiche Fachbibliothek zum Ludwigsburger Porzellan, die ebenfalls versteigert wird.
So wird aus einer Online-Auktion beinahe eine kleine Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts.
Denn hinter all diesen zerbrechlichen Figuren steckt letztlich derselbe Wunsch: einen Augenblick festzuhalten, der eigentlich nicht festzuhalten ist. Musik verstummt, Tänzer bleiben stehen, Schauspieler verlassen die Bühne und höfische Welten verschwinden. Das Porzellan aber trägt ihre Gesten mehr als zweieinhalb Jahrhunderte später noch immer weiter – und vielleicht liegt genau darin sein erstaunlichstes Kunststück.
Auf der Bühne von Lempertz versammelt sich noch einmal eine höfische Welt des 18. Jahrhunderts: Herren mit gepuderten Perücken und weit fallenden Mänteln, Damen in ausladenden Röcken und eng geschnürten Miedern, Musiker, Tänzer und Schauspieler. Für einen letzten Augenblick treten ihre Gesten aus dem Porzellan hervor und erzählen von einer längst vergangenen Gesellschaft – bevor mit dem Ende der Auktion der Vorhang fällt und sich ihre Wege nach mehr als zweieinhalb Jahrhunderten wieder trennen.