Wassily Kandinsky, Das bunte Leben, 1907 – eines der ikonografisch bedeutendsten Gemälde Kandinskys, Hans K. Roethel
Wassily Kandinsky, „Das bunte Leben“, 1907 – „Iconographically, Das bunte Leben is one of Kandinsky’s most important paintings.“ – Hans K. Roethel – Mit freundlicher Genehmigung von: christies / Christie's

Was: Auktion

Wann: 14.10.2026

Kandinskys „Das bunte Leben“ kehrt auf den Kunstmarkt zurück – Christie’s versteigert Meisterwerk in London

Ein Gemälde, das über ein halbes Jahrhundert zum vertrauten Bild des Münchner Lenbachhauses gehörte, steht plötzlich wieder vor dem Auktionspult: Wassily Kandinskys monumentales Das bunte Leben von 1907 wird am 14. Oktober 2026 bei Christie’s in London versteigert. Nach seiner Restitution an die Erben von Hedwig Lewenstein-Weyermann beginnt damit ein neues Kapitel in der außergewöhnlichen Geschichte eines Schlüsselwerks der frühen Moderne.

Mit einer Größe von rund 130 × 163 Zentimetern gehört Das bunte Leben zu den bedeutenden großformatigen Arbeiten aus Kandinskys frühen Jahren. Christie’s präsentiert das Gemälde als Höhepunkt der Londoner 20th/21st Century Evening Sale während der Frieze Week. Eine öffentliche Schätzung nennt das Auktionshaus nicht.

Bevor das Werk in London unter den Hammer kommt, führt sein Weg noch einmal durch mehrere internationale Kunstmetropolen. Präsentationen sind bei Christie’s in Zürich, New York und Hongkong vorgesehen, bevor das Gemälde in London öffentlich zu sehen sein wird.

Ein ganzes Leben auf einer Leinwand

Schon der erste Blick erklärt, warum dieses Gemälde seinen Titel trägt. Das bunte Leben ist kein stilles Bild, sondern eine dicht bevölkerte Welt. Über die gesamte Fläche verteilen sich Menschen, Reiter, Paare, Kinder, Geistliche und märchenhaft anmutende Figuren. Manche scheinen zu feiern, andere miteinander zu sprechen oder einfach ihren eigenen Weg durch diese eigentümliche Landschaft zu nehmen.

Kandinsky ordnet diese Vielzahl nicht um einen einzigen Mittelpunkt. Das Auge wandert vielmehr von Szene zu Szene: über kräftige Farbflächen, leuchtende Gewänder und dunkle Konturen, hinauf zu Hügeln und Gebäuden am Horizont. Einzelne Figuren treten hervor und verschwinden im nächsten Augenblick wieder im Gewimmel.

Gerade darin liegt die Faszination des Bildes. Aus der Entfernung entsteht eine große, beinahe ornamentale Komposition; aus der Nähe zerfällt sie in zahllose kleine Geschichten.

Die Landschaft und ihre Bewohner tragen deutliche Anklänge an russische Märchen, Volkskunst und religiöse Bildwelten. Kandinsky schöpfte aus Erinnerungen und kulturellen Traditionen seiner russischen Heimat, ohne daraus eine konventionelle Erzählung zu formen. Realität, Erinnerung und Imagination beginnen sich bereits miteinander zu vermischen.

Kandinsky an der Schwelle zur Abstraktion

Als Das bunte Leben 1907 entstand, befand sich Kandinsky an einem entscheidenden Punkt seiner künstlerischen Entwicklung. Die sichtbare Welt ist noch vorhanden: Menschen lassen sich erkennen, Häuser stehen in einer Landschaft, Wege und Hügel strukturieren den Raum.

Doch die Farbe beginnt bereits, sich von ihrer rein beschreibenden Aufgabe zu lösen.

Blau, Rot, Grün, Gelb und Violett müssen nicht mehr einfach wiedergeben, wie etwas in der Wirklichkeit aussieht. Sie entwickeln ein Eigenleben. Formen werden vereinfacht, Perspektiven verdichtet und einzelne Motive beinahe zu Zeichen.

Damit steht Das bunte Leben an einer faszinierenden Schwelle. Noch erzählt Kandinsky mit Figuren – doch Farbe, Rhythmus und Komposition gewinnen zunehmend jene Selbstständigkeit, die wenige Jahre später zu einem der großen Umbrüche der europäischen Kunst führen sollte.

Das Gemälde entstand während Kandinskys Pariser Zeit und wurde noch im selben Jahr im Pariser Herbstsalon gezeigt. Heute gilt es als ein Schlüsselwerk seiner frühen Schaffensperiode.

Von Amsterdam nach München

Auch die Geschichte hinter dem Gemälde ist bemerkenswert.

1927 erwarben die Amsterdamer Sammler Emanuel und Hedwig Lewenstein das Werk. Nach Emanuel Lewensteins Tod 1930 verblieb es bei Hedwig Lewenstein-Weyermann und gehörte zu einer bedeutenden niederländischen Kunstsammlung.

Nach der deutschen Besetzung der Niederlande gelangte das Gemälde 1940 in eine Auktion beim Amsterdamer Auktionshaus Frederik Muller & Co. und wurde dort verkauft. Später befand sich Das bunte Leben in der Sammlung des niederländischen Kunstsammlers Salomon B. Slijper.

1972 verkaufte dessen Familie das Werk an die Bayerische Landesbank. Ein Jahr später kam es als Dauerleihgabe in das Lenbachhaus.

Dort sollte es für Jahrzehnte bleiben.

Mehr als 50 Jahre im Lenbachhaus

Für Generationen von Museumsbesuchern wurde Das bunte Leben dadurch eng mit München und dem Lenbachhaus verbunden. Das ist besonders bemerkenswert, weil das Museum mit seiner herausragenden Sammlung des Blauen Reiter ohnehin zu den zentralen Orten für die Auseinandersetzung mit Kandinskys Werk gehört.

Doch hinter der bekannten Museumspräsenz blieb die Frage nach der Geschichte des Gemäldes vor und während des Zweiten Weltkriegs bestehen.

Die Nachfahren der Familie Lewenstein forderten schließlich seine Rückgabe. Im Zentrum stand insbesondere die Frage, unter welchen Umständen Das bunte Leben 1940 zur Versteigerung gekommen war.

Nach langjährigen Untersuchungen und einem Restitutionsverfahren entschied die Bayerische Landesbank 2023, das Gemälde an die Erben von Hedwig Lewenstein-Weyermann zurückzugeben.

Damit endete nach rund einem halben Jahrhundert auch seine Präsenz als Dauerleihgabe im Lenbachhaus.

Nun entscheidet der Markt

Drei Jahre später folgt der nächste außergewöhnliche Abschnitt seiner Geschichte.

Mit der Christie’s-Auktion wird Das bunte Leben erstmals seit seiner Restitution einem internationalen Käuferpublikum angeboten. Dass ein Werk dieser kunsthistorischen Bedeutung und mit einer derart langen musealen Präsenz überhaupt auf den freien Markt gelangt, macht die Londoner Versteigerung zu einem der bemerkenswerten Ereignisse des Auktionsherbstes 2026.

Und vielleicht liegt gerade darin die besondere Spannung dieser Auktion: Kandinskys Gemälde erzählt von Menschen, Erinnerungen, Traditionen und einer Welt in ständiger Bewegung – und hat selbst eine Geschichte durchlaufen, die es von Paris über Amsterdam und München nun nach London führt.

Am 14. Oktober wird sich zeigen, welchen Preis der internationale Kunstmarkt diesem „bunten Leben“ beimisst.

Tags: Wassily Kandinsky, Malerei, Kunstauktion, Moderne Kunst, Klassische Moderne, Provenienzen, Provenienzforschung, Hedwig Lewenstein-Weyermann, Kunstmarkt, Der Blaue Reiter, Russische Kunst, Expressionismus

Christie’s London – Vorbesichtigung
9.–14. Oktober 2026

Auktion
14. Oktober 2026
20th/21st Century: London Evening Sale

Ort
Christie’s London
8 King Street, St James’s
London SW1Y 6QT