Als Neuentdeckung darf das Tommaso Salini (Rom, um 1575 - 1625 Rom) zugeschriebene Gemälde mit dem Motiv „Der Apfeldieb" gelten. Nach Aussage von Caravaggio-Experte John F. Spike ist es „ein schönes Beispiel für eine Gruppe von Bildern, die allgemein unter dem Namen Tommaso Salini zusammengefasst werden. Diese Gruppe umfasst hauptsächlich Schäferjungen (ähnlich der Figur des Apfeldiebes) und Schafe oder Vieh".
Salini war Figuren- und Stillleben-Maler und könnte, so John F. Spike, sowohl den Apfeldieb wie auch die Äpfel gemalt haben. Das Gemälde steht stilistisch ganz unter dem Einfluss von Caravaggio, der seinen Zeitgenossen als arroganter, aufbrausender Künstlertyp bekannt war. Auch mit Salini kam es zu einer unerfreulichen Situation. Wie aus alten Prozess- und Gerichtsakten hervorgeht, hatte er am 2. Oktober 1601 wegen einer Attacke gegen ihn eine eine Beschwerde eingelegt (Maße 108,5 x 145 cm, Schätzung 20.000 €).
Antonio Gianlisi d.J. (Rizzolo di San Giorgio 1677 - 1727 Cremona) zugeschrieben ist ein großes Stilleben mit Türmchenuhr und Obst auf einer reich bestickten Draperie. Der Sohn des gleichnamigen Stillebenmalers ließ sich nach einem Aufenthalt in Venedig in Cremona nieder. Er schuf dekorative Stilleben vor allem für ausländische Auftraggeber in Frankreich, Spanien und Österreich (Maße 140,5 x 199 cm, Schätzung 15.000 €).
Aus der neapolitanischen Schule stammt ein Gemäldepaar mit aufwändiger Figurenstaffage in Fantasiearchitektur des 17./18. Jahrhunderts. Die Szenen zeigen die „Hochzeit zu Kanaa" und den „Bethlehemitischen Kindermord" (Maße 72 x 86,5 cm, Schätzung 40.000 €).
Bei den Gemälden deutscher Maler ragt ein bislang unbekanntes Selbstbildnis des Johann Anton Friedrich Tischbein (Maastricht 1750 - 1812 Heidelberg) heraus. Auf dem Gemälde, welches offenbar von der jüngeren Tischbein-Tochter Betty in die Familie des Einlieferers vererbt wurde, trägt der Künstler die „Werther-Tracht" mit gelber Weste und blauem Rock.
„Das Werk ist ein schönes und ausdrucksvolles Zeugnis von des Malers Bildniskunst", sagt Martin Franke, Verfasser des Tischbein-Werkverzeichnisses. Das Bildnis dürfte seiner Meinung nach in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts entstanden sein. Abgesehen von den Bildnissen, die den Künstler zusammen mit seiner Familie darstellen, sind fünf Selbstbildnisse von seiner Hand überliefert. Zwei befinden sich in musealem Besitz, drei weitere Gemälde sind nicht mehr auffindbar. Letztere sind Franke zufolge nicht mit dem vorliegenden Selbstbildnis identisch (Maße 57 x 46 cm, Schätzung 9.000 €).
Auch Daniel Seiters (Wien 1677 - Turin 1727) Gemälde mit der Darstellung von „Apoll und Daphne" ist eine Entdeckung. Es stammt aus einer alten württembergischen Privatsammlung und wird von Matthias Kunze, Kunsthistoriker und Experte für Barockmalerei, in die Turiner Schaffensperiode des Künstlers datiert. Seiter war 1688 von Rom an den Turiner Hof berufen worden, um für Herzog Vittorio Amedeo II den Ostflügel des Palazzo Reale mit einem aufwendigen Bildprogramm auszustatten.
Seiter gehörte in Rom zum engsten Künstlerkreis um Carlo Maratta und sollte nun in Turin ein prachtvolles, dem neuesten Stand der römischen Raumdekoration entsprechendes Werk schaffen. Ziel war die Darstellung der Apotheose des Vittorio. Das zentrale Fresko zeigt „Apoll auf dem Sonnenwagen", zu dessen Seiten befindet sich eine monochrom gemalte Szene mit „Apoll und Daphne". Das bei Nagel angebotene Leinwand-Gemälde ist mit dieser Darstellung nahezu identisch (Maße 174 x 148 cm, Schätzung 15.000 €, siehe Abb. oben).
Ein für die niederländische Malerei charakteristisches Bild stammt aus dem Kreis des Geertgen tot Sint Jans (Leiden? - nach 1490 Haarlem) und zeigt die „Beweinung Christi" auf einer Eichenholztafel. Geertgen tot Sint Jans wird als erster großer Maler der nördlichen Niederlande angesehen und dieses Tafelbild, aus altem belgischem Privatbesitz stammend, darf als bedeutendes wie gut erhaltenes Zeugnis eines Haarlemer Künstlers gelten, der in Kontakt mit Geertgen tot Sint Jans und der Ordensbruderschaft der Johanniter stand (Maße 96 x 73,5 cm, Schätzung 69.000 €).
Außerdem werden mehrere hochwertige Gemälde niederländischer Meister aus einer alten holländischen Privatsammlung veräußert, darunter Werke von Joos van Cleve (Kreis), Jan Baptist Weenix (zugeschrieben) und Aert de Gelder (zugeschrieben).
Bei den Skulpturen stehen die 135 cm hohe Stein-Skulptur einer stehenden Heiligen aus der Zeit um 1510-15 (Schätzpreis 6.000 €) sowie ein großes Kruzifix aus der Schule des Daniel Mauch, um 1510-15, zum Verkauf (Schätzpreis 8.000 €). In Bronze gegossen ist der „Knieende Putto" aus dem Umkreis des Hermann Vischer d.J., 2. Viertel 16. Jahrhundert. Die Figur zeichnet sich durch die ausdrucksstarke Gestaltung des Gesichts und der Locken aus (Höhe 17,5 cm, mit späterem Marmorsockel 20 cm, Schätzung 50.000 €).
Aus Marmor ist der „Merkur auf Pegasus", der nach der Skulptur des Antoine Coysevox in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert vollrund gearbeitet wurde. Der originale „Mercure" aus dem Jahr 1702 befand sich einst im Jardin des Tuileries und ist heute im Louvre zu besichtigen. Mit seinem Gegenstück „La Renommée" stellen die beiden Figuren den Ruhm des Königs unter friedlichem wie auch kriegerischem Aspekt dar. Das bei Nagel zum Verkauf stehende Stücke zeigt nur wenig Unterschiede zur Skulptur von Coysevox (Höhe 93 cm, Schätzung 5.000 €).
Das klassische Angebot der 409. Kunst- und Antiquitätenauktion von Nagel enthält europäisches Kunsthandwerk, Möbel und Gemälde des 19. Jahrhunderts.
An erster Stelle zu erwähnen ist die Sammlung von Dr. Wolfgang und Sigrid Berner aus Frankfurt am Main. Die Eheleute hatten eine Vorliebe für das Land Bayern und hielten sich oft in München auf, um an kulturellen Höhepunkten der Landeshauptstadt teilnehmen zu können. Dabei stöberten sie auch durch die Antiquitätengeschäfte in München und erwarben Gemälde bayerischer Maler. Tiere und Landschaften gehörten zu ihren bevorzugten Motiven. Ein zweiter Standort des Ehepaares war am Chiemsee, von wo aus sie oft nach Salzburg fuhren. Dort und in München erwarben sie Fayencen und Porzellane, vor allem frühe Meissen-Stücke. Zu den Höhepunkten der Sammlung gehören ein Gemälde von Alexander Koester („Entenbesprechung", Maße 74 x 120 cm, Schätzung 20.000 €) und eine Meissener Prunkdeckelterrine der Zeit um 1740 mit Kauffahrtei-Szenen (Schätzung 25.000 €). Der Erlös aus der Versteigerung ihrer Sammlung fließt direkt in die Dr. Wolfgang und Sigrid Berner Stiftung, die im Dezember 2002 errichtet wurde. Sie unterstützt kranke und behinderte Kinder und Jugendliche im Raum Frankfurt am Main.
Die Silber-Abteilung kann mit einer Silbersammlung aufwarten, die Stücke vom 16. bis 20. Jahrhundert enthält. Der Schwerpunkt liegt auf Silber für den kirchlichen Gebrauch, überwiegend aus dem österreichisch-ungarischen und italienischen Raum. Herausgegriffen seien verschiedene Messkelche, darunter ein prunkvolles römisches Exemplar aus gegossenem, getriebenen und teilvergoldetem Silber (Höhe 30,5 cm, Schätzung 7.800 €) und ein in Malta 1775 bis 1797 hergestellter Messkelch der Familie Chigi-Zondadari (Höhe 28 cm, Schätzung 6.500 €). Die Familie Chigi-Zondadari ist eine alteingesessene Sieneser Familie, aus der unter anderem Papst Alexander VII. hervorging. Aus Brig in Schlesien stammt ein bereits 1569 datierter Messkelch (Schätzung 6.500 €). Erwähnenswert ist außerdem ein Flaschenkühler mit dem Wappen der Pfalzgrafen von Pfalz-Birkenfeld aus der Mitte des 18. Jahrhunderts (Höhe 17,5 cm, Schätzung 1.900 €). Darüber hinaus enthält die Sammlung schöne Silber-, Schildpatt- und Messing-Tabatieren aus dem 18. Jahrhundert und einige Silber-Stücke der Zeit um 1800.
Zu den ausgefallenen und seltenen Sammlerstücken der Auktion gehört ein Büttenmännchen mit Silbermontierung. Die Untersuchung ergab, dass es sich um eine Ulmer Arbeit der Zeit um 1600 handelt, welche aufgrund der im Ulmer Museum bewahrten Meistertafel dem 1603 als Lehrherrn erwähnten Goldschmied Michael Paulus Schmid zuzuweisen ist. Auch die Ergebnisse der analytischen Untersuchung sprechen nachhaltig für die Authentizität der Montierung (Höhe 22,5 cm, Schätzpreis 2.000 €).
Bei den Möbeln sind ein klassizistischer Aufsatzschrank aus Ligurien und ein Breslauer Schrank hervorzuheben. Das ligurische Möbel vom Ende des 18. Jahrhunderts besticht durch reichen Bronze-Zierat und die verwendeten Hölzer, darunter Rosenholz und Mahagoni (Schätzpreis 8.000 €). Der barocke Dielenschrank aus Breslau, ebenfalls 18. Jahrhundert, ist reich marketiert, teils graviert und brandschattiert (Schätzpreis 25.000 €). Eine authenthische Arbeit ist auch der Egerer Kabinettschrank, der die typischen Reliefintarsien aufweist (2. Hälfte 17. Jahrhunderts, Schätzpreis 18.000 €). Außerdem ist eine Rokoko-Kommode des Matthäus Funk im Angebot. Das um 1765 in Bern gearbeitete Nussbaum-Möbel weist die originalen Beschläge, Marmorplatte und Tapetenauskleidung auf (Schätzpreis 5.000 €).
Bei den Gemälden des 19. Jahrhunderts fällt das großformatige Gemälde der „Heiligen Irmengard von Chiemsee" von Karl Raupp (Darmstadt 1837-1918 München) auf. Irmengard war die Tochter von Ludwig dem Deutschen und der Welfenfürstin Hemma. Als fromme Prinzessin trat sie ins Kloster ein und wurde später Äbtissin von Frauenwörth, wo sie 866 im Alter von 34 Jahren starb. Durch ihre guten Taten gegenüber den Armen und Entrechteten soll es rund um den Chiemsee keine Armut und kein Elend gegeben haben. Nach ihrem Tod wurde Irmengard rund um den Chiemsee wie eine Heilige verehrt. Sie soll im Laufe der Zeit einigen Nonnen im Kloster erschienen sein und wurde nach mehr als tausend Jahren selig gesprochen. Der Schrein mit ihren Reliquien wurde in die Apostelkirche gebracht, die man seitdem Irmengardkapelle nennt. Der Maler Karl Raupp wurde auch "Chiemsee-Raupp" genannt. Er gründete eine Malerkolonie auf der Fraueninsel und war Mitherausgeber der im Jahr 1918 erschienenen Künstlerchronik von Frauenchiemsee. In seinem Schaffen verbindet Karl Raupp ein genaues Studium der Landschaft, wie es bereits im Biedermeier gepflegt wird, mit dem gründerzeitlichen Genrebild. (Maße 124 x 211 cm, Schätzpreis 10.000 €).
Im Anschluss an die Hauptauktion findet am 22./23. September 2008 die 82. Nagel Collect statt. In dieser Auktion kommen preisgünstige Kunstwerke und Antiquitäten zum Aufruf, bei denen im Unterschied zur großen Auktion keine Aussagen zu Authentizität, Alter, Echtheit und Zustand gemacht werden. Die Besichtigung wird empfohlen, was von zahlreichen Sammlern und Schnäppchenjägern gerne wahrgenommen wird.
Vorbesichtigung 12. bis 15. September 2008, 11 bis 18 Uhr
Stuttgart, 25. Juli 2008
bkb
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