Jean Tinguely, „Fatamorgana – Méta-Harmonie IV“, 1985, kinetische Skulptur, Museum Tinguely Basel
Jean Tinguely, „Fatamorgana – Méta-Harmonie IV“, 1985, kinetische Skulptur, Museum Tinguely Basel – Mit freundlicher Genehmigung von: tinguely / Museum Tinguely

Wann: 08.02.2023 - 03.01.2027

Jean Tinguely entfaltet im Museum Tinguely eine Welt aus Rädern, Geräuschen und Widerständen, in der Bewegung nicht Effekt, sondern Haltung ist – ein künstlerischer Kommentar zur Moderne, der bis heute nachwirkt.

Ein kleines Rad gibt einen Impuls, kaum sichtbar.
Der Riemen spannt sich und überträgt, was er selbst nicht besitzt: Bewegung.
Das größere Rad nimmt sie auf, schwerer, träger, aber wirksamer.
Es dreht sich langsamer – und gerade deshalb mit Gewicht.

Über eine Achse greift die Bewegung weiter,
setzt ein noch größeres Rad in Gang.
Die Stange stößt, zieht zurück, stößt wieder –
wie bei einer alten Dampflokomotive: vor, zurück, vor.
Kein Kreis ohne Widerstand. Kein Fortschritt ohne Reibung.

Und so ist es auch im Leben.
Nicht der große Moment setzt alles in Gang,
sondern der kleine Impuls am Anfang.
Eine Entscheidung, ein Gedanke, ein leiser Mut.

Manches wirkt verloren im Mechanismus,
doch nichts geht verloren.
Alles wird weitergegeben –
verwandelt, verlangsamt, verstärkt.

Und irgendwann bewegt sich etwas Großes,
und man weiß nicht mehr genau,
welches kleine Rad es einmal war.

„Laut Tinguely leben wir in einer Räderzivilisation.“ Aus dieser prägnanten Beobachtung entwickelt sich eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine, mit Abhängigkeiten, Beschleunigung und Kontrollverlust – Themen, die Jean Tinguely lustvoll dekonstruierte und die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Jean Tinguely bei der Materialsuche, Paris, 1960. Foto: unbekannt
Jean Tinguely, Méta-Matic No. 6, 1959. © ProLitteris, Zürichnguely, „Méta-Matic No. 6“, 1959, kinetische Zeichenmaschine
Jean Tinguely bei der Materialsuche, Paris, 1960. Foto: unbekannt • Jean Tinguely, Méta-Matic No. 6, 1959. © ProLitteris, Zürichnguely, „Méta-Matic No. 6“, 1959, kinetische Zeichenmaschine – Mit freundlicher Genehmigung von: tinguely / Museum Tinguely

Erstmals seit der Gründung des Museums wird die gewachsene Werksammlung des Künstlers wieder umfassend in der grossen Halle präsentiert. Die Sammlungspräsentation eröffnet einen weitgespannten Parcours, der das filigran-poetische Frühwerk ebenso einschliesst wie die explosiven Aktionen und Kollaborationen der 1960er Jahre sowie die musikalischen, monumentalen und düsteren Spätwerke. Der Rundgang lädt nicht nur zur Betrachtung ein, sondern auch zur aktiven Teilnahme – ganz im Sinne eines Künstlers, der Bewegung stets als offenen Prozess verstand.

Erstmals seit der Eröffnung des Museums 1996 wird die stetig wachsende Sammlung in dieser Dichte gezeigt. Ergänzt durch ausgewählte Leihgaben zentraler Schlüsselwerke entsteht ein umfassender Überblick über Jean Tinguelys Schaffen. Seine Aussage „La roue = c’est tout“ dient dabei als roter Faden: Das Motiv des Rads durchzieht alle Werkphasen und steht zugleich für Tinguelys Überzeugung, dass der fortwährende Wandel der Zeit in der Kunst sichtbar werden müsse.

Aufbau von HON im Moderna Museet, Stockholm, 1966, Foto: Hans Hammarskiöld, © Hans Hammarskiöld Heritage.
Aufbau von HON im Moderna Museet, Stockholm, 1966, Foto: Hans Hammarskiöld, © Hans Hammarskiöld Heritage. – Mit freundlicher Genehmigung von: tinguely / Museum Tinguely

Nach seiner Tätigkeit als Schaufensterdekorateur in Basel, die an seine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule anschloss, vollzog Jean Tinguely 1952 einen entscheidenden Schritt. Der Umzug nach Paris öffnete ihm neue Inspirationsquellen und brachte ihn in Kontakt mit der internationalen Kunstszene. Bereits im ersten Raum der Sammlungspräsentation wird sein Erfindungsreichtum sichtbar. Die frühen kinetischen Drahtskulpturen und Reliefs der 1950er Jahre markieren den Beginn einer künstlerischen Sprache, mit der er sich als Pionier der kinetischen Kunst etablierte.

Der Durchbruch gelang 1959 mit der Erfindung der Méta-Matic-Zeichenmaschinen. Durch die bewusste Einbeziehung des Publikums stellte Tinguely nicht nur traditionelle Vorstellungen von Kunstwerk und Autorenschaft infrage, sondern auch die starren Mechanismen des kapitalistischen Kunstmarkts. Bewegung wurde bei ihm zur Denkfigur – unberechenbar, spielerisch und zugleich von radikaler Konsequenz.

Und so schliesst sich der Kreis. Aus der frühen Geste der Bewegung entsteht ein Werk, das bis heute weiterdreht. Jean Tinguely verstand das Rad nicht als Symbol des Fortschritts, sondern als Zeichen des fortwährenden Werdens. Seine Kunst bleibt in Bewegung – offen, widerständig und gegenwärtig.

Redaktion findart.cc

Jean Tinguely, Hanniball II, 1967. Creditline: Dauerleihgabe von Basel Tourismus © 2024 ProLitteris, Zürich, Museum Tinguely, Basel. Fotocredit: Daniel Spehr.
Jean Tinguely, Hanniball II, 1967. Creditline: Dauerleihgabe von Basel Tourismus © 2024 ProLitteris, Zürich, Museum Tinguely, Basel. Fotocredit: Daniel Spehr. – Mit freundlicher Genehmigung von: tinguely / Museum Tinguely
Tags: Installation, Jean Tinguely, Malerei, Skulptur, Kinetische Kunst, Maschinenkunst, Nachkriegskunst, Moderne Kunst

Dienstag – Sonntag: 11:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen