FERDINAND HODLER, Studie zu Fröhliches Weib, um 1911 © Musée Jenisch Vevey, Schenkung Rudolf Schindler | Foto: Musée Jenisch Vevey/Julien Gremaud • HUGO HÖPPENER (FIDUS), Lichtgebet, 1894 © Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv. 1990/2490 | Foto: Deutsches Historisches Museum/A. Psille – Mit freundlicher Genehmigung von: leopoldmuseum / LEOPOLD MUSEUM
Die Begeisterung für das Werk des Komponisten Richard Wagner drang in alle Be- reiche des Kulturlebens ein. Die Oper Parsifal wurde als Manifest des Vegetaris- mus und Pazifismus gedeutet. Hans Makart, der „Malerfürst“ des Historismus, bannte Szenen aus dem Ring des Nibelungen auf die Leinwand. Ein weiterer Maler und Wagner-Verehrer, Karl Wilhelm Diefenbach – Künstlerprophet und Pionier der Freikörperkultur –, gründete 1897 mit der Lebensgemeinschaft Himmelhof in Wien-Hietzing eine der weltweit ersten Landkommunen; sein Schüler Fidus entwarf Tempelgebäude, in welchen der Mensch Erkenntnisse der höheren Wahrhei- ten erlangen sollte. Das von Wagner proklamierte Ideal des Gesamtkunstwerkes war für die Wiener Secessionisten von maßgebender Bedeutung.
Ausstellungsansichten "Verborgene Moderne" © Leopold Museum, Wien, Foto: Oliver Ottenschläger – Mit freundlicher Genehmigung von: leopoldmuseum / LEOPOLD MUSEUM
Im Gegensatz zu Paris oder Prag zählte Wien nicht zu den Zentren des Okkultismus in Europa. Nichtsdestotrotz gelangte die Theosophie der Schriftstellerin Helena Blavatsky über den Autor und Denker Franz Hartmann zu den Stammtischen der Wiener Vegetarier. Ein zentraler Protagonist dieses Kreises war der Polyhistor Friedrich Eckstein, der mit den Komponisten Gustav Mahler und Hugo Wolf, dem Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner, dem Sozialdemokraten Victor Adler oder dem Mathematiker Oskar Simony verkehrte. Neben dem Café Griensteidl und den ersten vegetarischen Lokalen in Wien waren die von dem Architekten Max Fabiani umgebaute Villa des yogaaffinen Industriellen Carl Kellner in Döbling, das „Bellevue“ am Cobenzl, oder etwa die Burgruine im oberösterreichischen Werfenstein an der Donau, ein Refugium der radikal antisemitischen, deutschnationalen „Neutempler“, weitere Brennpunkte der Szene. Der schwedische Schriftsteller August Strindberg, der mit Letzteren Beziehungen pflegte und einen besonderen Hang zur Esoterik hatte, versuchte sich als Maler düsterer Visionen.
ALBERT VON KELLER, Die Traumtänzerin Magdeleine, um 1905 © Kunsthaus Zürich, Geschenk aus dem Nachlass Dr. Oskar A. Müller, 2007 | Foto: Kunsthaus Zürich • OSKAR KOKOSCHKA, Veronika mit dem Schweißtuch, 1909 © Museum of Fine Arts Budapest – Hungarian National Gallery | Foto: Museum of Fine Arts, Budapest 2025 © Fondation Oskar Kokoschka/Bildrecht, Wien 2025 – Mit freundlicher Genehmigung von: leopoldmuseum / LEOPOLD MUSEUM
Für viele der Frauen bot die theosophische Lehre eine Möglichkeit Geschlechterschranken zu überwinden. Die Frauenrechtlerin Marie Lang, eine frühe Promoterin der sozialreformerischen Settlement-Bewegung, kam aus einem theosophischen Umfeld; ihr Sohn, der Maler Erwin Lang, übersetzte den Ausdruckstanz der Schwestern Wiesenthal in expressive Bildschöpfungen. Auch der Spiritismus schien neue künstlerische Nischen anzubieten, wenngleich er vielfach als bloße Salonunterhaltung wahrgenommen wurde. Ähnlich wie die Künstlerinnen aus dem Umkreis der Schwedin Hilma af Klint ließ sich die Wiener Zeichnerin Gertrude Honzatko-Mediz, Tochter des symbolistischen Künstlerpaares Emilie Mediz-Pelikan und Karl Mediz, ihre Bilder von den Stimmen aus dem Jenseits diktieren.
FRANTIŠEK KUPKA, Le Rêve, um 1909 © Sammlung Kunstmuseum Bochum | Foto: Presseamt Stadt Bochum/Lutz Leitmann © Bildrecht, Wien 2025 • KOLOMAN MOSER, „Der Liebestrank“ (Tristan und Isolde), 1913/15 © Privatsammlung, mit freundlicher Genehmigung von Leopold Fine Arts | Foto: Leopold Museum, Wien – Mit freundlicher Genehmigung von: leopoldmuseum / LEOPOLD MUSEUM
Die fluiden Gestalten des norwegischen Wegbereiters des Expressionismus Edvard Munch, der Mesmerismus, der Glaube an die Existenz der Lebenskraft spendenden Od-Strahlen und die Entdeckung der Röntgenstrahlen lieferten einer ganzen Generation von Kunstschaffenden in Wien neue künstlerische Impulse. Die österreichischen Expressionisten Richard Gerstl, Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Max Oppenheimer legten sezierende Innenschauen an den Tag und begriffen gleichzeitig ihre Bildprotagonist*innen als auratische Erscheinungen. Es galt, analytisch wie Wissenschaftler*innen vorzugehen und dennoch traumwandleri- sche Eingebungen gelten zu lassen. Zudem wäre die Entstehung der abstrakten Malerei ohne die Einflüsse des okkultistischen Schrifttums und der synästheti- schen Erfahrungen kaum denkbar.
ERIKA GIOVANNA KLIEN, Studie zum Tänzerinnen-Fries, 1923/24 © Ernst Ploil, Wien | Foto: Galerie Sylvia Kovacek – Mit freundlicher Genehmigung von: leopoldmuseum / LEOPOLD MUSEUM
EGON SCHIELE, „Selbstseher“ II („Tod und Mann“), 1911 © Leopold Museum, Wien | Foto: Leopold Museum, Wien • WASSILY KANDINSKY, Landschaft mit Kirche (Landschaft mit roten Flecken I), 1913 © Museum Folkwang, Essen | Foto: Museum Folkwang Essen – Artothek – Mit freundlicher Genehmigung von: leopoldmuseum / LEOPOLD MUSEUM
VERBORGENE MODERNE. FASZINATION DES OKKULTEN UM 1900 Herausgeber: Matthias Dusini, Ivan Ristić, Hans-Peter Wipplinger Autor*innen: Karl Baier, Matthias Dusini, Laura Feurle, Kira Kaufmann, Astrid Kury, Therese Muxeneder, Ivan Ristić, mit einem Vorwort von Hans-Peter Wipplinger 23,5 × 28 cm, 295 Seiten, ca. 230 Abbildungen Verlag: Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln Verkaufspreis: EUR 39,90 Erhältlich im Leopold Museum Shop: leopoldmuseum.org/shop Weitere Infos unter: https://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/146/verborgene-moderne
Ausstellungsansichten "Verborgene Moderne" © Leopold Museum, Wien, Foto: Oliver Ottenschläger – Mit freundlicher Genehmigung von: leopoldmuseum / LEOPOLD MUSEUM