„Shifting the Silence. Die Stille verschieben“ im Lenbachhaus München – Eine poetische Reflexion über Kunst und Sprache
Das Lenbachhaus in München widmet seine neue Ausstellung „Shifting the Silence. Die Stille verschieben“ der letzten Buchveröffentlichung von Etel Adnan, die 2021 erschien und 2022 posthum in deutscher Übersetzung herauskam. Es ist ein Werk, das – erkennbar am Ende ihres Lebens verfasst – von melancholischer Tiefe und poetischer Klarheit geprägt ist. Adnan reflektiert darin die großen Themen des Daseins: Vergänglichkeit, Erinnerung, Liebe und das Staunen über die Schönheit der Welt. In kurzen Prosastücken, ohne chronologische Ordnung, verdichtet sie Alltagsbeobachtungen, Gefühle und Anekdoten zu einem eindrucksvollen Mosaik des Lebens.
„Shifting the Silence“ ist weit mehr als eine literarische Meditation über den Tod. Es ist, wie Etel Adnan schreibt, eine Feier des Lebens – ein leises, doch kraftvolles Plädoyer gegen das gesellschaftliche Verstummen. Der Text stammt von einer Künstlerin, die als Philosophin und Schriftstellerin begann und später in der Malerei ihre zweite Ausdrucksform fand. Ein ganzer Raum der Ausstellung ist daher ihren Gemälden gewidmet, die in leuchtenden Farben das Unsagbare sichtbar machen.
Die Ausstellung greift ein zentrales Anliegen des Buches auf: das Nachdenken über die Schwierigkeit, bildende Kunst in Worte zu fassen. „Eine Versprachlichung – also eine Übersetzung von Kunstwerken und ästhetischen Erfahrungen in Worte und in Sprache – stellt in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung dar“, heißt es im Ausstellungstext. Sprache, so führt das Lenbachhaus weiter aus, sei zwar ein Mittel der Verständigung, aber zugleich begrenzt – und manchmal hinderlich, wenn es darum geht, komplexe Empfindungen und Wahrnehmungen zu vermitteln. Etel Adnan schlägt deshalb vor, die Stille zu „verschieben“: die Grenzen des Sagbaren zu erweitern und das Poetische der Kunst nicht zu rationalisieren, sondern als Eigenwert zu verstehen.
In diesem Geist vereint die Schau Arbeiten von Etel Adnan, Saâdane Afif, Nevin Aladağ, Harold Ancart, Leilah Babirye, Mel Bochner, Thea Djordjadze, Simone Fattal, Amy Feldman, Dan Flavin, Isa Genzken, Adrian Ghenie, Giorgio Griffa, Candida Höfer, Jenny Holzer, Goshka Macuga, Nick Mauss, Marcel Odenbach, Anri Sala, Sung Tieu, Nicole Wermers und vielen weiteren international renommierten Künstlern. Die Werke treten miteinander in einen stillen Dialog, der die Vielschichtigkeit von Sprache, Material und Wahrnehmung erfahrbar macht.
„Shifting the Silence. Die Stille verschieben“ öffnet Assoziationen, lädt zum Innehalten ein und steht der gesamten Ausstellung als leitender Gedanke zur Seite – als poetisches Fundament, das die Kunstwerke begleitet und erhellt.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Eva Huttenlauch und Matthias Mühling.