Giacomettis künstlerisches Leben spielte sich zwischen zwei Welten ab. Da war einerseits die stille Strenge des Bergtals, wo er 1901 als Sohn des bedeutenden Malers Giovanni Giacometti geboren wurde. Andererseits das pulsierende Paris, wohin er 1922 aufbrach, um sich von der Provinz zu lösen. Bereits frühe Werke aus den Jahren ab 1918 zeigen seine Faszination für den menschlichen Körper. Zarte Zeichnungen der Eltern, geschaffen mit erst 17 Jahren, stehen neben weiten, klaren Landschaften. Sie bilden das Fundament, auf dem sich sein gesamtes Werk erhebt.
Diese Basis entwickelte sich weiter, inspiriert vom Vater und seinen postimpressionistischen Einflüssen. Ein frühes Selbstbildnis von 1920 oder das Gemälde „Monte del Forno“ (1923) zeigen bereits den Versuch des jungen Künstlers, die strukturelle Strenge Cézannes mit der Monumentalität Hodlers zu verbinden. Und doch drängte es ihn fort – in die Stadt, in die Avantgarde, in jene geistige Freiheit, die ihn zu Kubismus, archaischen Formen und schließlich zum Surrealismus führte.
Der Zweite Weltkrieg brachte ihn nach Genf zurück, später erneut nach Paris, doch die Reisen nach Stampa rissen nie ab. Dort entstanden bronzene Porträts seines Bruders Diego wie „Tête au long cou (Head with Long Neck)“ (ca. 1949) oder intime Zeichnungen seiner Mutter und Annette. Hier spiegelte sich der ewige Dialog zwischen Aufbruch und Heimkehr.
Stampa blieb sein Refugium, ein Ort der Stille, an dem er las, dachte und arbeitete. Die einzige Person, die diese private Welt mit Paris verband, war Scheidegger. Seine Fotografien – etwa Annette Giacometti 1961 im Atelier von Stampa – fangen jene leisen Zwischenmomente ein, die Giacometti menschlich nahbar machen.
In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens kehrte er immer häufiger zurück. Seine Bergzeichnungen aus dieser Zeit zeigen einen Künstler, der den Kreis schließt, der dorthin zurückkehrt, wo Licht, Formen und Stille zu ihm gesprochen hatten. Scheideggers Bilder aus dem Bergell und dem Engadin wiederum erzählen von Wegen, Hängen und Schatten, die Giacomettis Blick prägten. Gemeinsam bilden sie eine Brücke zwischen dem modernen Künstler von Montparnasse und dem Sohn der Alpen.
Ausstellungsdaten:
13. Dezember 2025 – 28. März 2026
Hauser & Wirth St. Moritz, Via Serlas 22, 7500 St. Moritz
Dienstag – Sonntag, 11–19 Uhr
Eine Ausstellung wie diese ist ein seltenes Geschenk: ein Blick in die Seele eines Künstlers, der den Menschen neu definierte – und der doch immer wieder zu jenem Ort zurückkehrte, den er Heimat nannte.