Vincent van Gogh: Kopf eines Skeletts mit brennender Zigarette, 1886 32,3 × 24,8 cm, Öl auf Leinwand (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation))
Vincent van Gogh: Kopf eines Skeletts mit brennender Zigarette, 1886 32,3 × 24,8 cm, Öl auf Leinwand (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)) – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien

Wann: 16.09.2025 - 11.02.2026

In der großen Herbstausstellung der ALBERTINA trifft Moderne auf Gotik – ein Dialog, der wie ein Funken in der Kunstgeschichte wirkt. Die Schau „Gothic Modern“ spannt einen Bogen vom Symbolismus bis zum Expressionismus und zeigt, wie tief die Moderne im Schatten und im Licht der Gotik verwurzelt ist. Moderne Künstler suchten jene rohe Wahrhaftigkeit, die sie in der akademischen Tradition nicht fanden, und entdeckten in der mittelalterlichen Kunst eine expressive Kraft, die ihren eigenen inneren Kämpfen näherkam als jedes gelehrte Formideal.

„Im Fokus stehen Meisterwerke vom Symbolismus bis Expressionismus, die durch die emotionale Ausdruckskraft mittelalterlicher Kunst inspiriert sind.“ Dieser Satz umreißt präzise das Herzstück der Ausstellung: die ästhetische Verwandtschaft zweier Epochen, die sich oft fremd erscheinen, aber in Wahrheit seelenverwandt sind. Die Moderne, die gemeinhin als radikaler Bruch gefeiert wird, zeigt sich hier als Bewegung, die in die Tiefe der Zeit griff, um neue Wege zu finden. Die gotische Kunst bot ihr Motive, Sujets und visuelle Intensität, die weit mehr als historische Referenzen waren – sie waren emotionale Leitfäden.

Max Beckmann: Adam und Eva, 1917 79,8 × 56,7 cm, Öl auf Leinwand (Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie) © Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / André van Linn
Hans Baldung Grien: Maria mit Kind und Papageien, 1533 91,5 × 63,3 cm, Mischtechnik auf Lindenholz (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg) © Foto: Germanisches Nationalmuseum, Foto: Dirk Meßberger
Max Beckmann: Adam und Eva, 1917 79,8 × 56,7 cm, Öl auf Leinwand (Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie) © Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / André van Linn • Hans Baldung Grien: Maria mit Kind und Papageien, 1533 91,5 × 63,3 cm, Mischtechnik auf Lindenholz (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg) © Foto: Germanisches Nationalmuseum, Foto: Dirk Meßberger – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien

„Einer Kunst vor dem Beginn der akademischen Tradition“ verdankten viele Künstler zwischen 1875 und 1925 jene kreative Freiheit, die ihnen ein Neubeginn ermöglichte. In der ALBERTINA treten Meisterwerke der Moderne in direkte Konfrontation mit ikonischen Gemälden, Skulpturen und Grafiken des Spätmittelalters. Die Gegenüberstellung zeigt, dass die Moderne nicht nur zerstörte, sondern aufnahm, verwandelte, neu belebte. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Liebe und Sexualität, Tod und Trauer, Glaube und Zweifel, gesellschaftlichen Rollen und Identitäten genügte nicht der Romantik oder dem Historismus; die Moderne suchte keine nostalgische Rückkehr, sondern die unverfälschte Ausdruckskraft einer als roh und echt empfundenen Kunst.

In religiösen Darstellungen des Mittelalters fanden van Gogh, Munch, Klimt, Schiele, Kollwitz oder Modersohn-Becker jene seelischen Tiefenschichten, die sie in ihren eigenen Werken freilegen wollten. Ebenso weckten alte Techniken wie Holzschnitt, Buchkunst, Glasfenster oder Tapisserien neue künstlerische Impulse. Besonders im deutschsprachigen und nordeuropäischen Raum gewann der Rückgriff auf die Gotik enorme Bedeutung. Wien um 1900 war dabei ein vibrierender Knotenpunkt: Hier kreuzten sich Wege, Gedanken und Leidenschaften, von Akseli Gallen-Kallela bis Edvard Munch, von Käthe Kollwitz bis Max Beckmann.

Egon Schiele: Männlicher Akt, 1912 48,2 × 31,7 cm, Bleistift und Aquarell auf Papier (Wien Museum) © Foto: Wien Museum
Hans Baldung Grien: Die drei Lebensalter und der Tod, ca. 1509/1510 Maße: 48,2 × 32,8 cm, Lindenholz (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie) © Foto: KHM-Museumsverband
Egon Schiele: Männlicher Akt, 1912 48,2 × 31,7 cm, Bleistift und Aquarell auf Papier (Wien Museum) © Foto: Wien Museum • Hans Baldung Grien: Die drei Lebensalter und der Tod, ca. 1509/1510 Maße: 48,2 × 32,8 cm, Lindenholz (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie) © Foto: KHM-Museumsverband – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien

Die Ausstellung vereint rund 200 Werke und zeigt eine Epoche der Selbstbefragung und Neuerfindung. Die Moderne tritt mit Holbein, Dürer, Cranach oder Baldung Grien in einen Dialog, der weder nostalgisch noch historisierend wirkt, sondern zutiefst gegenwärtig. Die Begegnung mit der mittelalterlichen Ästhetik rief große Gefühle hervor – und sie öffnete Wege zu einer Kunst, die existenzielle Krisen nicht nur darstellt, sondern durchdringt.

Geleitet wird die Ausstellung von Kurator Ralph Gleis, gemeinsam mit Julia Zaunbauer und ihrem Team. Entstanden ist „Gothic Modern“ in Zusammenarbeit mit der Finnish National Gallery / Ateneum Art Museum in Helsinki und dem National Museum of Art, Architecture and Design in Oslo, basierend auf einem 2018 initiierten Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Juliet Simpson. Begleitend erscheint im Hirmer Verlag ein umfassender Katalog mit 292 Seiten und zahlreichen Beiträgen ausgewiesener Expertinnen und Experten.

„Gothic Modern“ ist vom 19. September 2025 bis 11. Jänner 2026 in der ALBERTINA zu sehen – ein künstlerischer Urknall, der Vergangenheit und Moderne verschränkt und zeigt, dass große Gefühle nie an eine Epoche gebunden sind.

Nach Hans Holbein d.J.: Der tote Christus im Grab, 17. Jahrhundert 37,8 × 207,6 cm, Öl auf ungrundiertem Tannenholz (Stiftsbibliothek St. Gallen) © Foto: Stiftsbibliothek St. Galle
Nach Hans Holbein d.J.: Der tote Christus im Grab, 17. Jahrhundert 37,8 × 207,6 cm, Öl auf ungrundiertem Tannenholz (Stiftsbibliothek St. Gallen) © Foto: Stiftsbibliothek St. Galle – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien
Matthias Grünewald: Moses unter dem brennenden Dornbusch, ca. 1516 36,2 × 29,2 cm, Kohle weiß gehöht, auf gelbgrau laviertem Papier (ALBERTINA, Wien)
Marianne Stokes: Melisande, um 1895 87 × 52 cm, Tempera auf Leinwand (Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln) © Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Wolfgang F. Meier, RBAd000064
Matthias Grünewald: Moses unter dem brennenden Dornbusch, ca. 1516 36,2 × 29,2 cm, Kohle weiß gehöht, auf gelbgrau laviertem Papier (ALBERTINA, Wien) • Marianne Stokes: Melisande, um 1895 87 × 52 cm, Tempera auf Leinwand (Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln) © Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Wolfgang F. Meier, RBAd000064 – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien
Tags: Gotik, Symbolismus, Expressionismus, Vincent van Gogh, Egon Schiele, Max Beckmann, Hans Baldung Grien

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