„Einer Kunst vor dem Beginn der akademischen Tradition“ verdankten viele Künstler zwischen 1875 und 1925 jene kreative Freiheit, die ihnen ein Neubeginn ermöglichte. In der ALBERTINA treten Meisterwerke der Moderne in direkte Konfrontation mit ikonischen Gemälden, Skulpturen und Grafiken des Spätmittelalters. Die Gegenüberstellung zeigt, dass die Moderne nicht nur zerstörte, sondern aufnahm, verwandelte, neu belebte. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Liebe und Sexualität, Tod und Trauer, Glaube und Zweifel, gesellschaftlichen Rollen und Identitäten genügte nicht der Romantik oder dem Historismus; die Moderne suchte keine nostalgische Rückkehr, sondern die unverfälschte Ausdruckskraft einer als roh und echt empfundenen Kunst.
In religiösen Darstellungen des Mittelalters fanden van Gogh, Munch, Klimt, Schiele, Kollwitz oder Modersohn-Becker jene seelischen Tiefenschichten, die sie in ihren eigenen Werken freilegen wollten. Ebenso weckten alte Techniken wie Holzschnitt, Buchkunst, Glasfenster oder Tapisserien neue künstlerische Impulse. Besonders im deutschsprachigen und nordeuropäischen Raum gewann der Rückgriff auf die Gotik enorme Bedeutung. Wien um 1900 war dabei ein vibrierender Knotenpunkt: Hier kreuzten sich Wege, Gedanken und Leidenschaften, von Akseli Gallen-Kallela bis Edvard Munch, von Käthe Kollwitz bis Max Beckmann.