Mit fast wehmütiger Begeisterung fasste Nerly im Jahr 1845 seine tägliche künstlerische Erfahrung zusammen: „Venedig und immer Venedig, von allen Seiten, groß und klein, zur alten und jetzigen Zeit“. Dieser Satz, wie eine Liebeserklärung an die Lagune, fiel zu einem Zeitpunkt, als der Künstler bereits sieben Jahre in der Stadt lebte, nachdem er zuvor in Rom gewirkt hatte. Der Wechsel von der römischen Antike zur venezianischen Romantik schien seine Kunst neu beflügelt zu haben. Durch die Heirat mit einer Venezianerin aus gutem Hause war Nerly gesellschaftlich hervorragend eingebettet, und sein Atelier im Palazzo Pisani wurde zu einem lebendigen Treffpunkt der Reisenden, die Venedig damals in immer größerer Zahl erreichten.
Nerly verstand es, die Sehnsucht dieser Besucher zu lesen – und zu bedienen. Mit seinen pittoresken Ansichten schuf er Bilder, die wie visuelle Souvenirs der Lagunenstadt dienten. Zu seinen beliebtesten Kompositionen gehörten die Piazzetta und die Markussäule im silbrigen Schein des Mondes, ein Motiv, das er mehr als 30-mal wiederholte und das sich zu einem seiner größten Erfolge entwickelte. Es ist jene Mischung aus Melancholie, Eleganz und architektonischer Strenge, die seinen Venedig-Bildern den besonderen Zauber verleiht.