Leonora Carrington, Artes 110, 1944, huile sur toile, 40,6 x 60,9 cm, collection privée © Adagp, Paris, 2026 © NSU Art Museum Fort Lauderdale.webp
Leonora Carrington, Artes 110, 1944, huile sur toile, 40,6 x 60,9 cm, collection privée © Adagp, Paris, 2026 © NSU Art Museum Fort Lauderdale.webp – Mit freundlicher Genehmigung von: museeduluxembourg / Musée du Luxembourg

Wann: 18.02.2026 - 19.07.2026

Surrealismus, Mythologie und Visionen einer „Femme de Vitruve“

Es gibt Künstler, deren Leben ebenso außergewöhnlich ist wie ihr Werk. Leonora Carrington gehört zu jenen seltenen Stimmen, die Grenzen überschreiten, Realitäten verwandeln und eine Bildwelt erschaffen, in der Mythos und Erinnerung, Schmerz und Befreiung zu einem neuen, vibrierenden Kosmos verschmelzen. Man tritt in diese Ausstellung ein wie in ein geheimes Buch, dessen Seiten noch warm sind von der Hand der Autorin – einer Frau, die nie aufgehört hat, sich neu zu erfinden.

Leonora Carrington – Double Portrait (Self-Portrait with Max Ernst), 1938 © Estate of Leonora Carrington / ADAGP Paris Courtesy Gallery Wendi Norris, San Francisco
Leonora Carrington – Double Portrait (Self-Portrait with Max Ernst), 1938 © Estate of Leonora Carrington / ADAGP Paris Courtesy Gallery Wendi Norris, San Francisco – Mit freundlicher Genehmigung von: museeduluxembourg / Musée du Luxembourg

Double Portrait (Doppelporträt) entstand zwischen 1937 und 1940 und gilt als das einzige bekannte Gemälde, auf dem Leonora Carrington gemeinsam mit Max Ernst dargestellt ist, mit dem sie in dieser Zeit eine enge Beziehung verband.

Links im Bild steht ein brauner Hengst mit dunkler Mähne, teilweise von einem tiefgrünen, mantelartigen Umhang umgeben. Davor sitzt Leonora Carrington in einem langen, hellen Kleid mit leicht gespreizten Beinen auf dem Boden. Ihre Figur wirkt skizzenhaft und fragil, während ihr Gesicht deutlich ausgearbeitet ist. Rechts erscheint das Profilporträt von Max Ernst, eingebettet in ein blau-türkises, organisch geschwungenes Gewächs oder Federkleid, das sich bis zum unteren Bildrand herabzieht.

Die Kuratoren erinnern daran, wer sie war: „Artiste, féministe et écologiste d’avant-garde, femme, mère, migrante, touchée par la maladie mentale et chercheuse spirituelle en constante évolution, Leonora Carrington a laissé derrière elle un héritage aussi extraordinaire que radical.“ In diesen Worten liegt bereits die Essenz einer Persönlichkeit, die nicht einfach Kunst schuf, sondern eine Welt.

Portrait noir&blanc vertical de Leonora Carrington Portrait de Leonora Carrington © BPK, Berlin, Dist. GrandPalaisRmn  image Archiv Landshoff
Portrait noir&blanc vertical de Leonora Carrington Portrait de Leonora Carrington © BPK, Berlin, Dist. GrandPalaisRmn image Archiv Landshoff – Mit freundlicher Genehmigung von: museeduluxembourg / Musée du Luxembourg
Geboren 1917 im englischen Lancashire, begann Carrington früh, den Weg des inneren und äußeren Reisens zu gehen. Die Stationen ihres Lebens – „De Florence à Paris, du Sud de la France à l’Espagne, jusqu’au Mexique“ – sind nicht nur geografische Punkte, sondern Kapitel eines fortwährenden Abenteuers, das ihr Werk geprägt hat. Mexiko wurde zu ihrem Zufluchtsort, ihrem Laboratorium, ihrem Mythos. Hier formte sich jene Kunst, die an der Kreuzung von Surrealismus, Esoterik und uralten Mythen steht.

Diese Ausstellung, die erste, die ausschließlich ihr Schaffen in Italien und Frankreich würdigt, präsentiert Carrington als „Femme de Vitruve“ – als einen vollkommenen künstlerischen Organismus, der Menschliches und Tierisches, Männliches und Weibliches verschmelzen lässt. Ein Bild des Gleichgewichts, das dennoch immer in Bewegung bleibt. Ein Modell der Freiheit, der Imagination, der radikalen Innovation.

Mythologie, Transformation und innere Reisen

Der Rundgang folgt einem klugen Rhythmus. Chronologisch und zugleich thematisch strukturiert, eröffnet er das Verständnis jener Fäden, aus denen Carrington ihr Universum spann. Die Entdeckung der italienischen Kunst in Florenz während ihrer Jugend, die Faszination für die Renaissance, die keltischen und post-viktorianischen Wurzeln, ihre entscheidenden Jahre innerhalb des Surrealismus in Frankreich – all dies erscheint hier wie ein Mosaik, das zum ersten Mal vollständig sichtbar wird.

 

Leonora Carrington – Fenêtre à Saint-Martin-d’Ardèche, 1938. Peinture sur verre. © Estate of Leonora Carrington / ADAGP, Paris 2026 © Michel Tissot dit Daubery
Leonora Carrington – Retrato del Dr. Urbano Barnés, 1946. © Estate of Leonora Carrington / ADAGP, Paris 2026 © GrandPalaisRmnEditions
Leonora Carrington – Fenêtre à Saint-Martin-d’Ardèche, 1938. Peinture sur verre. © Estate of Leonora Carrington / ADAGP, Paris 2026 © Michel Tissot dit Daubery • Leonora Carrington – Retrato del Dr. Urbano Barnés, 1946. © Estate of Leonora Carrington / ADAGP, Paris 2026 © GrandPalaisRmnEditions – Mit freundlicher Genehmigung von: museeduluxembourg / Musée du Luxembourg

Besonders eindrucksvoll ist die Präsentation ihrer visionären Werke, die selten zusammen gezeigt werden. Die Besucher tauchen ein in eine Welt der Metamorphosen, in der Symbole sich verwandeln wie Wesen der Nacht. Die Ausstellung erzählt die Geschichte einer permanenten Suchenden, einer Reisenden, für die Kunst ein Weg der Erkenntnis war: „L’exposition met ainsi en lumière l’héritage exceptionnel de cette voyageuse perpétuelle, toujours en quête de connaissance d'elle-même.“

Der kuratorische Blick wird von zwei herausragenden Experten getragen.
Tere Arcq, Historikerin des mexikanischen Surrealismus, lenkt mit ihrer tiefen Kenntnis der künstlerischen Netzwerke Mexikos den Blick auf Carringtons spirituelle und intellektuelle Dimension. Carlos Martín, Spezialist für moderne Kunst und ehemaliger Konservator der Fundación Mapfre, verleiht der Schau eine präzise historische Struktur. Gemeinsam entfalten sie ein Porträt, das so klar wie poetisch ist.

Diese Ausstellung im Musée du Luxembourg ist mehr als eine Hommage. Sie ist ein Manifest – eine Einladung, Leonora Carrington neu zu sehen: nicht als Exotin des Surrealismus, sondern als eine der bedeutendsten Stimmen der modernen Kunst, deren visionäre Bildwelten und radikale Vorstellungskraft heute aktueller erscheinen denn je.

 

Tags: Surrealismus, Malerei, Leonora Carrington, Esoterik, Feministische Kunst, Psychologie, Mythos, Max Ernst

Täglich von 10:30 Uhr bis 19:00 Uhr

Montagabend gibt es eine verlängerte Öffnung bis 22:00 Uhr.

Das Museum ist geschlossen am 1. Mai und am 25. Dezember.