LYONEL FEININGER – „NUN MALE EINER EIN SOLCHES BILD“
Werke aus einer Berliner Privatsammlung zum 70. Todestag
Berlin erinnert sich. In den Räumen der Berliner Repräsentanz entfaltet sich eine Sonderausstellung, die nicht nur dem 70. Todestag Lyonel Feiningers gewidmet ist, sondern auch einer außergewöhnlichen Privatsammlung, deren Qualität und historische Dichte selten geworden sind. Die Schau vereint Werke, die tief mit der Stadt Berlin verbunden sind – jenem Ort, der über Jahrzehnte hinweg Lebensmittelpunkt, Experimentierfeld und geistige Heimat des Künstlers war.
Es ist eine Sammlung, die „nicht nur durch ihre Qualität, sondern auch in ihrer Relevanz für Berlin, dem langjährigen Lebensmittelpunkt des Künstlers, größte Anerkennung verdient“. Sie erlaubt einen konzentrierten Blick auf das Werk eines Künstlers, dessen Bedeutung weit über nationale Grenzen hinausreicht. Achim Moeller, Leiter des Lyonel-Feininger-Archivs in New York, spricht von einer „Weltklasse-Kollektion, geprägt von der Leidenschaft, der Entschlossenheit und dem anspruchsvollen Auge ihres Sammlers“.
Lyonel Feininger, 1871 in New York geboren als Sohn eines Komponisten und einer Konzertsängerin, kam bereits 1888 nach Berlin. Hier studierte er an der Akademie, arbeitete als Karikaturist für Zeitungen und populäre Humormagazine und entwickelte früh jene unverwechselbare Bildsprache, in der Ironie, Struktur und Rhythmus einander durchdringen. Berlin wurde zum Resonanzraum seiner künstlerischen Reife.
1919 folgte der Ruf an das neu gegründete Bauhaus in Weimar. Feininger gehörte zu den prägenden Meistern und Lehrern dieser Institution, deren geistige Strahlkraft bis heute nachwirkt. Auch nach dem Umzug des Bauhauses nach Dessau 1925 blieb er der Schule eng verbunden. Noch 1931 widmete ihm die Nationalgalerie Berlin eine Retrospektive – ein später Höhepunkt, bevor sich der politische Horizont verdunkelte.
Als die Nationalsozialisten ihn als „entartet“ diffamierten und aus seinem Meisterhaus in Dessau vertrieben, kehrte Feininger für einige Jahre nach Berlin zurück. 1937 emigrierte er endgültig in die USA. Was blieb, war eine tiefe innere Bindung an Landschaften, Erinnerungen und Motive, die sein Werk ein Leben lang durchzogen.
Das Meer, insbesondere die Ostsee, wurde für Feininger zu einem Ort der Selbstreflexion und Inspiration. Gemeinsam mit seiner Frau Julia Berg entdeckte er in und um Weimar jene Bildmotive, die sich wie ein leiser Grundton durch sein gesamtes Schaffen ziehen. Licht, Horizont und Architektur verdichten sich bei ihm zu inneren Landschaften von zeitloser Klarheit.
Rund fünfzig Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Holzschnitte zeigen nun den Facettenreichtum dieses Werks. Überraschend wirkt die Gruppe der hölzernen Spielzeughäuser und Figuren, die Feininger ab etwa 1919 für seine Kinder schnitzte und bemalte. Sie führen zurück zu seinen frühen Jahren als Karikaturist, geprägt von feinem Humor und liebevollem Spott.
Der Sammler, der anonym bleiben möchte, erinnert sich an seine erste Begegnung mit Feiningers Meereslandschaften im Jahr 1982 in der Kunsthalle Kiel. Die Bilder hätten auf magische Weise widergespiegelt, was er als junger Mensch an den Ufern der Ostsee empfunden habe. Erst Jahrzehnte später konnte er ein erstes Aquarell erwerben – ein spontaner Kauf, der den Beginn einer lebenslangen Leidenschaft markierte, einer „Sammel-Sucht“, wie er selbst sagt.
Für ihn sind diese Werke bis heute „eine Quelle der Ruhe, des Trostes und der Inspiration“. Und genau das ist es, was diese Ausstellung vermittelt: nicht nur kunsthistorische Bedeutung, sondern eine stille, nachhaltige Präsenz. Lyonel Feininger erscheint hier nicht als Monument, sondern als lebendiger Begleiter – klar, poetisch und von ungebrochener Aktualität.