Gruppenporträt der Korporation der Amsterdamer Schützen. Dirk Jacobsz. (um 1497–1567).
Gruppenporträt der Korporation der Amsterdamer Schützen. Dirk Jacobsz. (um 1497–1567). – Mit freundlicher Genehmigung von: hermitageru / Eremitage-Museum St. Petersburg

Wann: 09.12.2025 - 29.03.2026

Die Porträtkunst gehört zu den ältesten und zugleich wandlungsfähigsten Bildformen der Menschheit. Seit über vier Jahrtausenden dient sie als Medium der Erinnerung, der Macht, der Selbsterkenntnis und der kulturellen Verortung. In ihr verdichten sich gesellschaftliche Normen, religiöse Vorstellungen, politische Ansprüche und individuelle Identität. Kein anderes Genre erlaubt einen derart präzisen Blick auf das Verhältnis zwischen Individuum und Epoche, zwischen innerem Selbstbild und äußerer Darstellung.

Büste des Kaisers Lucius Verus. Antikes Rom. 244–249 n. Chr. © Staatliches Eremitage-Museum.
Porträt einer jungen Frau (vier Fragmente eines Fayum-Porträts). Ägypten. Zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr.
Büste des Kaisers Lucius Verus. Antikes Rom. 244–249 n. Chr. © Staatliches Eremitage-Museum. • Porträt einer jungen Frau (vier Fragmente eines Fayum-Porträts). Ägypten. Zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. – Mit freundlicher Genehmigung von: hermitageru / Eremitage-Museum St. Petersburg

Im Staatliches Eremitage-Museum wird dieser lange Weg der Porträtkunst in einer außergewöhnlichen Gesamtschau sichtbar gemacht. Mehr als 750 Werke aus unterschiedlichen Kulturräumen und Jahrhunderten entfalten ein Panorama, das von den frühesten Bildnissen des Alten Ägypten bis zu den experimentellen Positionen der Gegenwart reicht. Die Porträtkunst erscheint hier nicht als lineare Stilgeschichte, sondern als fortwährender Dialog zwischen Kulturen, Medien und Weltbildern.

Zentral ist die Frage nach dem Wesen des Porträts selbst. Die Ausstellung zeigt, wie sich die anfängliche Scheu vor der bildlichen Verdopplung des Menschen allmählich auflöste und das Porträt sich von rituellen und religiösen Bildformen emanzipierte. Früheste Herrscherbildnisse, römische Kaiserbüsten, höfische Repräsentationen, bürgerliche Selbstbilder und moderne Dekonstruktionen stehen einander gegenüber und machen sichtbar, wie sich der Blick auf das menschliche Antlitz im Laufe der Geschichte veränderte.

Maske auf dem Kopf einer Frau. Tashtyk-Kultur. Gräberfeld Oglakhty VI. 3.–4. Jahrhundert n. Chr.
 Porträt einer Frau im Profil. Unbekannter lombardischer Künstler. Italien. Holz, Tempera. © Staatliches Eremitage-Museum.
Maske auf dem Kopf einer Frau. Tashtyk-Kultur. Gräberfeld Oglakhty VI. 3.–4. Jahrhundert n. Chr. • Porträt einer Frau im Profil. Unbekannter lombardischer Künstler. Italien. Holz, Tempera. © Staatliches Eremitage-Museum. – Mit freundlicher Genehmigung von: hermitageru / Eremitage-Museum St. Petersburg

„Only an encyclopaedic museum on the scale of the Hermitage could create such an exhibition, presenting through the portrait all of world art and almost the entire history of humanity. Brilliant masterpieces tell many stories about why and how the inner psychological prohibition on creating a double, reproducing or stealing a person’s image and soul was overcome, and how a portrait differs from a ritual religious image. The exhibition prepares us for the next twist in the plot – how to distinguish a portrait from an avatar and a ‘deepfake’, and whether we should distinguish them. A classical type of exhibition, it is in fact burning with relevance,“ erklärt Mikhail Borisovich Piotrovsky, Generaldirektor der Eremitage.

Die Porträtkunst wird hier als universelle Bildsprache lesbar. Antike Masken, byzantinische Ikonen, höfische Miniaturen, Renaissance-Medaillen und großformatige Gemälde der Neuzeit verdeutlichen, wie unterschiedlich Kulturen das menschliche Abbild interpretierten. Werke von Rembrandt Harmensz van Rijn, Diego Velázquez, Anthony van Dyck, Pablo Picasso und Henri Matisse markieren Wendepunkte, an denen sich psychologische Tiefe, malerische Freiheit und gesellschaftlicher Wandel miteinander verschränken.

Porträt der Lydia Delectorskaya. Henri Matisse (1869–1954).
„Selbstporträt“. Chaim Soutine (1894–1943). Frankreich, um 1920–1921.
Porträt der Lydia Delectorskaya. Henri Matisse (1869–1954). • „Selbstporträt“. Chaim Soutine (1894–1943). Frankreich, um 1920–1921. – Mit freundlicher Genehmigung von: hermitageru / Eremitage-Museum St. Petersburg

Gleichzeitig öffnet die Ausstellung den Blick auf außereuropäische Traditionen. Chinesische Ahnenbilder, persische Herrscherporträts und fernöstliche Bildkonzepte erweitern das Verständnis von Porträtkunst als globalem Phänomen. Die Gegenüberstellung von Cleopatra VII und Elizabeth II, von antiken Totenmasken und zeitgenössischer Fotografie, macht sichtbar, wie konstant das menschliche Bedürfnis nach bildlicher Selbstvergewisserung geblieben ist.

Sharbat Gula. Afghanisches Mädchen, Flüchtlingslager Nasir Bagh nahe Peshawar. Steve McCurry. © Staatliches Eremitage-Museum
Porträt von O. E. Schuwalowa. Franz Xaver Winterhalter (1806–1873). © Staatliches Eremitage-Museum.
Sharbat Gula. Afghanisches Mädchen, Flüchtlingslager Nasir Bagh nahe Peshawar. Steve McCurry. © Staatliches Eremitage-Museum • Porträt von O. E. Schuwalowa. Franz Xaver Winterhalter (1806–1873). © Staatliches Eremitage-Museum. – Mit freundlicher Genehmigung von: hermitageru / Eremitage-Museum St. Petersburg

Die Moderne und Gegenwart führen diese Tradition radikal weiter. Künstler wie Francis Bacon oder Andy Warhol zerlegen das klassische Porträt, während Videokunst und Fotografie neue Formen der Identitätsdarstellung entwickeln. Arbeiten von Bill Viola, Annie Leibovitz und Steve McCurry zeigen, wie das Porträt im Zeitalter globaler Medien zwischen Intimität, Ikonisierung und medialer Überhöhung oszilliert.

Andy Warhol (mit Blume). Dennis Hopper (1936–2010). USA, 1963. © Staatliches Eremitage-Museum.
Selbstporträt mit Schirmmütze. Paul Cézanne. Frankreich. Um 1872.
Andy Warhol (mit Blume). Dennis Hopper (1936–2010). USA, 1963. © Staatliches Eremitage-Museum. • Selbstporträt mit Schirmmütze. Paul Cézanne. Frankreich. Um 1872. – Mit freundlicher Genehmigung von: hermitageru / Eremitage-Museum St. Petersburg

So wird die Porträtkunst in dieser Ausstellung zu einem Spiegel der Menschheitsgeschichte. Jedes Bild erzählt von Macht und Verletzlichkeit, von Nähe und Distanz, von Selbstbehauptung und Zweifel. Die Ausstellung eröffnet damit nicht nur einen kunsthistorischen Überblick von seltener Dichte, sondern auch eine zeitlose Reflexion über das Bild des Menschen – gestern, heute und im digitalen Morgen.

Die Ausstellung ist bis 29. März 2026 im Hauptkomplex der Eremitage zu sehen und richtet sich an alle Besucher mit Ticket für das Museum.

Porträt eines Beamten. Porträt der Ehefrau eines Beamten. China, nach 1898. © Staatliches Eremitage-Museum.
Porträt eines Beamten. Porträt der Ehefrau eines Beamten. China, nach 1898. © Staatliches Eremitage-Museum. – Mit freundlicher Genehmigung von: hermitageru / Eremitage-Museum St. Petersburg
Tags: Porträtkunst, Kunstgeschichte, Menschen, Antike Kunst, Renaissance, Barock, Zeitgenössische Kunst, Ikonografie, Henri Matisse, Chaïm Soutine, Sharbat Gula, Franz Xaver Winterhalter, Andy Warhol, Paul Cézanne

Das Eremitage-Museum ist in der Regel von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Die Öffnungszeiten liegen meist zwischen 11:00 und 18:00 Uhr, am Mittwoch und Freitag ist das Museum üblicherweise bis 20:00 Uhr zugänglich. Montag ist regulärer Schließtag.