Louise Bourgeois und die Abstraktion
Louise Bourgeois und die Abstraktion – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Wann: 06.11.2025 - 18.04.2026

Über mehr als sieben Jahrzehnte hinweg hat Bourgeois Figuration und Abstraktion niemals als Gegensätze behandelt, ebenso wenig wie sie Materialien hierarchisierte. Doch gerade ihre Abstraktion entzieht sich den gängigen Narrativen der Nachkriegsmoderne. Sie ist weder formalistisch noch programmatisch, sondern zutiefst psychologisch grundiert, entstanden aus inneren Spannungen, Erinnerungen und emotionalen Zwangslagen.

Die Ausstellung verfolgt diese abstrakte Sprache anhand später Skulpturen, Reliefs und Arbeiten auf Papier, die vielfach erstmals gezeigt werden, und konfrontiert sie mit früheren Werken. Dadurch wird sichtbar, wie konsequent Bourgeois über Jahrzehnte hinweg an einem persönlichen Symbolsystem gearbeitet hat. Formen, Wiederholungen und räumliche Setzungen fungieren nicht als ästhetische Spielerei, sondern als Träger existenzieller Erfahrungen, in denen sich Angst, Abhängigkeit, Begehren und Kontrolle materialisieren.

Le Défi II  1992, Louise Bourgeois
Subliminal II  1986, reworked 2004, Louise Bourgeois
Le Défi II 1992, Louise Bourgeois • Subliminal II 1986, reworked 2004, Louise Bourgeois – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Gleich zu Beginn wird mit der monumentalen Installation Twosome von 1991 ein zentrales Motiv eingeführt: die unauflösliche Bindung und gleichzeitige Bedrohung der Nähe. Zwei stählerne Körper, ein kleiner und ein größerer, bewegen sich mechanisch ineinander hinein und wieder hinaus. Für Bourgeois stand dieses endlose Kreisen für die Mutter-Kind-Beziehung. In unmittelbarer Nähe dazu erscheint ein Filmdokument der Performance „A Fashion Show of Body Parts“ aus dem Jahr 1978, in dem Suzan Cooper das Lied „She Abandoned Me“ singt. Die Angst vor Trennung, die hier explizit benannt wird, bildet den emotionalen Untergrund jener abstrakten Mechanik, die Twosome antreibt. Figuration und Abstraktion entspringen derselben psychischen Quelle.

Der Begriff „Gathering Wool“, dem eine Arbeit von 1990 ihren Namen gibt, verweist auf einen Zustand des Abschweifens, des gedanklichen Umherstreifens jenseits zielgerichteten Denkens. Genau diesem Zustand vertraute Bourgeois im Atelier. Gedankenreste, Traumfragmente, Ahnungen und Intuitionen durften sich verdichten, ohne dass ihre Logik vollständig erklärbar wurde. Die Skulptur selbst, sieben hölzerne Kugeln im Kreis vor einer hohen, halbkreisförmigen Wand aus vier Paneelen, ist zugleich Objekt und Raum. Sie kündigt jene späteren Cells an, in denen Bourgeois das Verhältnis von Innen und Außen, Schutz und Bedrohung räumlich zuspitzte.

Immer wieder taucht in den Arbeiten das Motiv des Hervortretens auf. Körperteile, Flüssigkeiten, Licht oder organische Formen drängen aus Behältnissen hervor, als ließe sich das Verdrängte nicht dauerhaft einschließen. In Mamelles von 1991 fließt Wasser aus einer Reihe bronzener Brüste, in Untitled (With Hand) aus dem Jahr 1989 wächst ein kindlicher Arm aus einer massiven Kugel, in Le Défi II von 1992 strahlt Licht aus Glasobjekten, die in einem Metallkabinett angeordnet sind. Diese Werke verhandeln die instabile Grenze zwischen Behälter und Inhalt, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen rationalem Bewusstsein und zeitlosem Unbewussten.

Untitled (With Hand)  1989, Louise Bourgeois
Ray of Hope  2006  Watercolor and pencil on embossed paper, suite of 24
Untitled (With Hand) 1989, Louise Bourgeois • Ray of Hope 2006 Watercolor and pencil on embossed paper, suite of 24 – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

In den höher gelegenen Räumen verdichtet sich die Abstraktion zu vertikalen Stapelungen und seriellen Formfolgen. Das Stapeln bedeutete für Bourgeois Ordnung, ein Versuch, dem inneren Chaos Regelmäßigkeit aufzuzwingen. Wiederholung wird hier zum Zeichen von Obsession, fragile Balance zum Bild emotionaler Instabilität, ineinandergreifende Formen zu Schutzmechanismen gegen Verlassenwerden. Selbst geometrische Grundformen tragen psychische Bedeutung. Dreiecke erscheinen als Ausdruck von Eifersucht, massive Blöcke als Bollwerke gegen Angst. Aus pathologischen Wurzeln entsteht ein eigenwilliges abstraktes Vokabular, das keiner äußeren Schule verpflichtet ist.

Diese innere Autonomie hat Bourgeois selbst präzise formuliert: „I am the author of my own world with its internal logic and with its value that no one can deny.“ In dieser Selbstermächtigung liegt der Schlüssel zum Verständnis ihrer Abstraktion. Sie ist kein Rückzug ins Formale, sondern eine radikale Übersetzung innerer Zustände in Material, Raum und Rhythmus. Damit verankert sich das Werk von Louise Bourgeois dauerhaft im kunsthistorischen Diskurs – nicht als Randphänomen, sondern als singuläre, unverwechselbare Position innerhalb der Moderne und darüber hinaus.

Tags: Louise Bourgeois, Abstraktion, Nachkriegskunst, Skulpturen, Installation, Kunstgeschichte

Gallery hours:Monday to Friday, 11 am – 6 pmSaturday, 11 am – 5 pm