Ein durchgehendes Movens der Malerei Guttusos ist der Eros. Der weibliche Körper erscheint als Ort von Begehren, Verletzlichkeit, Unruhe und Wahrheit. Er ist keine idealisierte Figur, sondern eine existentielle Präsenz, die anzieht und verstört. In dieser Spannung zwischen Intimität und gesellschaftlicher Realität verdichtet sich das neorealistische Denken Guttusos zu einer zutiefst menschlichen Bildsprache, die den Betrachter nicht entlässt.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem zeichnerischen Werk, das als primäre Form der Annäherung an das Reale verstanden wird. Zeichnung ist für Guttuso Analyse, Vorbereitung und zugleich autonomer Ausdruck. In Blättern wie den dramatischen „Emigranti“ oder den „Falsari“ von 1960, in der allucinierenden Vision des Menschlichen, im Meereslandschaftsblatt „Senza titolo“ (1954), in „Studio per l’edicola“ (1963), in der „Natura morta con telefono e bottiglie“ (1964) oder in den späten Arbeiten der 1980er Jahre zeigt sich eine konzentrierte, oft introspektive Dringlichkeit, die den Kern seines Realismus freilegt.
Den Abschluss bildet eine Sektion zur Grafik, entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Drucker Alberto Caprini. Auch hier verbinden sich Natur, weibliche Figur und ziviles Engagement zu einem präzisen, oft farbintensiven Zeichensystem, das den Gedanken der Verantwortung in eine andere mediale Form überführt.
Die Ausstellung steht im Dialog mit der parallel gezeigten Präsentation „Anthology“ von Giuseppe Veneziano, kuratiert von Luca Nannipieri. Zwischen Erinnerung an das 20. Jahrhundert und kritischer Lesart der Gegenwart entsteht ein Spannungsfeld, das die Aktualität des neorealistischen Denkens unterstreicht. Ergänzt wird die Sarzaner Ausstellungssaison durch die Präsentation des „Bambin Gesù delle Mani“ von Pinturicchio im Museo Diocesano.
Als Teil der Bewerbung von Sarzana zur Kulturhauptstadt 2028 wird diese Ausstellung zu einem programmatischen Statement. Sie zeigt, dass Neorealismus nicht Stil, sondern Haltung ist – und dass Malerei dort ihre größte Kraft entfaltet, wo sie Wirklichkeit nicht beschönigt, sondern ernst nimmt.