L’abbraccio (Il garibaldino e la ragazza), 1971. Acrilici su carta intelata, cm 95×78. Collezione privata © Renato Guttuso, by SIAE 2025
L’abbraccio (Il garibaldino e la ragazza), 1971. Acrilici su carta intelata, cm 95×78. Collezione privata © Renato Guttuso, by SIAE 2025 – Mit freundlicher Genehmigung von: fortezzafirmafede.it / Fortezza Firmafede Sarzana

Wann: 19.12.2025 - 02.06.2026

Im Zentrum dieser Ausstellung steht der italienische Neorealismus als künstlerische Haltung, als moralische Entscheidung und als bildnerische Sprache, die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern ergreift. In den Räumen der Fortezza Firmafede wird diese Position vom 19. Dezember 2025 bis zum 2. Juni 2026 an einem der konsequentesten Protagonisten des 20. Jahrhunderts entfaltet: Renato Guttuso. Kuratiert von Lorenzo Canova, folgt die Ausstellung einem Weg, der die Malerei als Ort der Verantwortung begreift und damit eine Linie fortsetzt, die in Sarzana zuletzt mit Gian Carozzi und der großen Ausstellung zu Giorgio de Chirico 2025 sichtbar wurde.

Caminetto, 1984. Olio su tela, cm 150,5×125. Collezione privata © Renato Guttuso, by SIAE 2025
Stretto di Messina: Scilla, 1949. Olio su tela, cm 65×92. Collezione privata © Renato Guttuso, by SIAE 2025
Caminetto, 1984. Olio su tela, cm 150,5×125. Collezione privata © Renato Guttuso, by SIAE 2025 • Stretto di Messina: Scilla, 1949. Olio su tela, cm 65×92. Collezione privata © Renato Guttuso, by SIAE 2025 – Mit freundlicher Genehmigung von: fortezzafirmafede.it / Fortezza Firmafede Sarzana

Guttusos Kunst wurzelt tief in der Realität seiner Zeit. Sie ist geprägt vom Glauben an Malerei als Erkenntnisinstrument und als Form des Handelns. Nichts ist hier dekorativ, nichts beiläufig. Farbe wird zur Haltung, Komposition zur Entscheidung, das Bild zur Stellungnahme. Schon 1934 sprach Guttuso vom „cuore della pittura“, vom inneren Kern der Malerei, der sich nur dort zeigt, wo persönliches Erleben und kollektive Erfahrung untrennbar ineinander greifen. Diese Spannung durchzieht die gesamte Ausstellung, die vier Jahrzehnte politischer, ziviler und kultureller Auseinandersetzung sichtbar macht.

Der Rundgang entfaltet die Entwicklung einer Sprache, die sich aus der Auseinandersetzung mit der europäischen Moderne formt und zugleich deren Grenzen überschreitet. Die frühen und mittleren Werke der 1940er Jahre zeigen die intensive Auseinandersetzung mit Pablo Picasso, insbesondere mit postkubistischen Strukturen, wie sie in „Figure sedute“ (1946), „Figura nell’interno“ (1946), „Brocche“ (1947) oder „Stretto di Messina: Scilla“ (1949) sichtbar werden. Diese formale Strenge bleibt jedoch nie Selbstzweck, sondern dient der Verdichtung von Erfahrung. Auch der bewusste Dialog mit Giorgio de Chirico wird als Teil eines reflektierten Traditionsverständnisses lesbar, das Vergangenheit nicht zitiert, sondern befragt.

  Raccoglitore di olive, 1951. Olio su tela, cm 53,5×64,3. Collezione privata. © Renato Guttuso, by SIAE 2025
Raccoglitore di olive, 1951. Olio su tela, cm 53,5×64,3. Collezione privata. © Renato Guttuso, by SIAE 2025 – Mit freundlicher Genehmigung von: fortezzafirmafede.it / Fortezza Firmafede Sarzana

Ein durchgehendes Movens der Malerei Guttusos ist der Eros. Der weibliche Körper erscheint als Ort von Begehren, Verletzlichkeit, Unruhe und Wahrheit. Er ist keine idealisierte Figur, sondern eine existentielle Präsenz, die anzieht und verstört. In dieser Spannung zwischen Intimität und gesellschaftlicher Realität verdichtet sich das neorealistische Denken Guttusos zu einer zutiefst menschlichen Bildsprache, die den Betrachter nicht entlässt.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem zeichnerischen Werk, das als primäre Form der Annäherung an das Reale verstanden wird. Zeichnung ist für Guttuso Analyse, Vorbereitung und zugleich autonomer Ausdruck. In Blättern wie den dramatischen „Emigranti“ oder den „Falsari“ von 1960, in der allucinierenden Vision des Menschlichen, im Meereslandschaftsblatt „Senza titolo“ (1954), in „Studio per l’edicola“ (1963), in der „Natura morta con telefono e bottiglie“ (1964) oder in den späten Arbeiten der 1980er Jahre zeigt sich eine konzentrierte, oft introspektive Dringlichkeit, die den Kern seines Realismus freilegt.

Den Abschluss bildet eine Sektion zur Grafik, entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Drucker Alberto Caprini. Auch hier verbinden sich Natur, weibliche Figur und ziviles Engagement zu einem präzisen, oft farbintensiven Zeichensystem, das den Gedanken der Verantwortung in eine andere mediale Form überführt.

Die Ausstellung steht im Dialog mit der parallel gezeigten Präsentation „Anthology“ von Giuseppe Veneziano, kuratiert von Luca Nannipieri. Zwischen Erinnerung an das 20. Jahrhundert und kritischer Lesart der Gegenwart entsteht ein Spannungsfeld, das die Aktualität des neorealistischen Denkens unterstreicht. Ergänzt wird die Sarzaner Ausstellungssaison durch die Präsentation des „Bambin Gesù delle Mani“ von Pinturicchio im Museo Diocesano.

Als Teil der Bewerbung von Sarzana zur Kulturhauptstadt 2028 wird diese Ausstellung zu einem programmatischen Statement. Sie zeigt, dass Neorealismus nicht Stil, sondern Haltung ist – und dass Malerei dort ihre größte Kraft entfaltet, wo sie Wirklichkeit nicht beschönigt, sondern ernst nimmt.

Tags: Renato Guttuso, italienischer Neorealismus, Neorealismus, italienische Kunst, Politische Kunst, Realismus

Freitag: 10:00–12:00 und 15:00–19:00
Samstag, Sonntag und Feiertage: durchgehend 10:00–19:00