„Sabotage“ versteht sich nicht als Gegenentwurf zur Geschichte, sondern als präziser Eingriff in ihre Bildproduktion. Andreanis Werke unterlaufen die vermeintliche Objektivität des fotografischen Dokuments und öffnen neue Bedeutungsschichten für die Gegenwart. Ihre Gemälde erzählen keine abgeschlossenen Geschichten, sondern legen Brüche frei. Sie zeigen Geschichte als etwas Fragiles, als Konstruktion, die jederzeit neu gelesen werden muss.
Die Ausstellung ist bewusst in einen erweiterten Sammlungsdialog eingebettet. Andreanis Arbeiten treten in Beziehung zu Werken aus der Antikensammlung, dem Kunstgewerbemuseum, dem Museum Europäischer Kulturen und dem Kupferstichkabinett. Diese Konstellation verschiebt den Blick auf historische Objekte und macht sichtbar, wie sehr ihre Bedeutung von zeitgenössischen Perspektiven abhängt. Die Ausstellungsarchitektur verweist dabei auf Sigmar Polkes legendäre Präsentation „Drei Lügen der Malerei“ von 1997 im Hamburger Bahnhof und schreibt die institutionelle Selbstbefragung des Hauses fort.
Giulia Andreani, geboren 1985 in Mestre, studierte Malerei an der Accademia di Belle Arti in Venedig sowie Kunstgeschichte der Gegenwart an der Sorbonne in Paris. 2018 war sie Stipendiatin der Villa Medici in Rom, 2022 stand sie auf der Shortlist für den Prix Marcel Duchamp. Ihre Werke befinden sich heute in internationalen Sammlungen wie dem Centre Pompidou, dem Musée National de l’Histoire de l’Immigration, der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, dem MASI in Lugano und dem MASP in São Paulo. Die Präsentation im Hamburger Bahnhof ist ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland.
Kuratiert von Sam Bardaouil und Till Fellrath gemeinsam mit Emily Finkelstein, fügt sich „Sabotage“ in das Jubiläumsprogramm „30 Jahre Hamburger Bahnhof“ ein, das den Bogen von der Geschichte des Ortes bis in zukünftige Formen des Sammlungsmuseums spannt. Andreanis Ausstellung zeigt eindrücklich, wie Malerei heute als kritisches Werkzeug funktionieren kann: nicht illustrativ, sondern forschend, nicht erklärend, sondern hinterfragend. In dieser stillen Konsequenz entfaltet „Sabotage“ ihre nachhaltige Wirkung