Ausstellungsansicht Gemäldegalerie, Die Sammlung betrachten & The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves An Insert by Ana Torfs, Foto: Iris Ranzinger
Ausstellungsansicht Gemäldegalerie, Die Sammlung betrachten & The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves An Insert by Ana Torfs, Foto: Iris Ranzinger – Mit freundlicher Genehmigung von: akbild / Akademie der Künste Wien

Wann: 03.10.2025 - 30.08.2026

Die Ausstellung in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien entfaltet sich nicht als Bruch, sondern als leise, beharrliche Verschiebung der kunsthistorischen Perspektive. Im Zentrum steht ein Motiv, das die europäische Bildgeschichte seit der Antike begleitet und immer wieder neu aufgeladen wurde: die Sibylle als Figur der Weissagung, der Ungewissheit und der fragilen Vermittlung zwischen Gegenwart und Zukunft. Dieser kunsthistorische Anker wird zum Resonanzraum für das zeitgenössische Werk der belgischen Künstlerin Ana Torfs, deren Insert die barocke Sammlung nicht kommentiert, sondern durchdringt.

Unter dem Titel „The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves“ wird erstmals ein geschlossener Zyklus von 28 Jacquard-Tapisserien gezeigt. Ausgangspunkt ist eine alltägliche, fast beiläufige Handlung: das Sammeln von Herbstlaub während der Corona-Pandemie. Doch dieses Laub verweist auf eine lange ikonografische und literarische Tradition. In Vergils Aeneis schreibt die Sibylle von Cumae ihre Weissagungen auf Blätter, die vom Wind verweht und unlesbar werden. Torfs überträgt dieses Bild der prekären Erkenntnis in die Gegenwart, indem sie das gesammelte Laub zwischen internationalen „Tagblättern“ trocknet, fotografiert und schließlich – ergänzt um persönliche Anaphern und versartige Denksprüche – in großformatige Tapisserien übersetzen lässt.

Das textile Bild wird dabei zum paradoxen Medium. Es verleiht dem Flüchtigen eine scheinbare Dauer und macht zugleich die Brüchigkeit von Information sichtbar. Die Nachrichten, die zwischen den Blättern eingeschlossen sind, verlieren ihre Eindeutigkeit. „Wie der Wind die Blätter mit den Weissagungen der Sibylle durcheinanderwirbelt, so scheint es unmöglich, verlässliche Handlungsperspektiven aus dem nicht abreißenden Fluss von medialen Übertragungen abzuleiten.“ Die Gegenwart erscheint sibyllinisch, rätselhaft, durchzogen von Unsicherheit und Manipulierbarkeit.

Ausstellungsansicht Gemäldegalerie, Die Sammlung betrachten & The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves An Insert by Ana Torfs, Foto: Iris Ranzinger
Ausstellungsansicht Gemäldegalerie, Die Sammlung betrachten & The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves An Insert by Ana Torfs, Foto: Iris Ranzinger
Ausstellungsansicht Gemäldegalerie, Die Sammlung betrachten & The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves An Insert by Ana Torfs, Foto: Iris Ranzinger • Ausstellungsansicht Gemäldegalerie, Die Sammlung betrachten & The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves An Insert by Ana Torfs, Foto: Iris Ranzinger – Mit freundlicher Genehmigung von: akbild / Akademie der Künste Wien

Diese Erfahrung wird kunsthistorisch rückgebunden. Pandemische Katastrophen wie der Schwarze Tod haben die Bildwelten seit Jahrhunderten geprägt, oft unter dem Zeichen endzeitlicher Eschatologien. Sibyllendarstellungen wiederum markieren eine wechselvolle Geschichte weiblicher Prophetie zwischen Verehrung, Skepsis und Instrumentalisierung. In der Gemäldegalerie treten Torfs’ Tapisserien in einen stillen Dialog mit barocken und frühneuzeitlichen Werken aus den Kunstsammlungen der Akademie und dem Kunsthistorischen Museum Wien. Die Beziehungen sind nicht illustrativ, sondern atmosphärisch und gedanklich, verteilt über vier Sektionen, die jeweils sieben Tapisserien mit Gemälden aus unterschiedlichen Jahrhunderten verschränken.

So begegnen die textilen Tableaus historischen Werken von Anthonis van Dyck, Rembrandt, Rubens oder Murillo nicht als Kontrast, sondern als zeitversetzte Spiegel. Das barocke Interesse an Illusion, Vanitas und Erkenntnis findet in den gewebten Bildern eine zeitgenössische Entsprechung. Die Produktion der Tapisserien erfolgte in Kollaboration mit TextielLab, der Fachwerkstatt des TextielMuseums Tilburg, was dem Werk eine zusätzliche materielle und historische Tiefe verleiht.

Kuratiert von Sabine Folie und Synne Genzmer fügt sich das Insert präzise in das Format „Die Sammlung betrachten …“ ein. Es macht sichtbar, dass kunsthistorische Bedeutung nicht allein aus Chronologie entsteht, sondern aus Wiederkehr, Verschiebung und Neuinterpretation. Die Sibylle bleibt dabei eine offene Figur. Ihre Blätter sprechen nicht in klaren Antworten, sondern in Andeutungen. Gerade darin liegt ihre Aktualität.

Tags: Textilkunst, Zeitgenössische Kunst, Tapisserien, Kunstgeschichte, Ana Torfs, Barock

Öffnungszeiten täglich außer Montag 10–18 h