Diese Erfahrung wird kunsthistorisch rückgebunden. Pandemische Katastrophen wie der Schwarze Tod haben die Bildwelten seit Jahrhunderten geprägt, oft unter dem Zeichen endzeitlicher Eschatologien. Sibyllendarstellungen wiederum markieren eine wechselvolle Geschichte weiblicher Prophetie zwischen Verehrung, Skepsis und Instrumentalisierung. In der Gemäldegalerie treten Torfs’ Tapisserien in einen stillen Dialog mit barocken und frühneuzeitlichen Werken aus den Kunstsammlungen der Akademie und dem Kunsthistorischen Museum Wien. Die Beziehungen sind nicht illustrativ, sondern atmosphärisch und gedanklich, verteilt über vier Sektionen, die jeweils sieben Tapisserien mit Gemälden aus unterschiedlichen Jahrhunderten verschränken.
So begegnen die textilen Tableaus historischen Werken von Anthonis van Dyck, Rembrandt, Rubens oder Murillo nicht als Kontrast, sondern als zeitversetzte Spiegel. Das barocke Interesse an Illusion, Vanitas und Erkenntnis findet in den gewebten Bildern eine zeitgenössische Entsprechung. Die Produktion der Tapisserien erfolgte in Kollaboration mit TextielLab, der Fachwerkstatt des TextielMuseums Tilburg, was dem Werk eine zusätzliche materielle und historische Tiefe verleiht.
Kuratiert von Sabine Folie und Synne Genzmer fügt sich das Insert präzise in das Format „Die Sammlung betrachten …“ ein. Es macht sichtbar, dass kunsthistorische Bedeutung nicht allein aus Chronologie entsteht, sondern aus Wiederkehr, Verschiebung und Neuinterpretation. Die Sibylle bleibt dabei eine offene Figur. Ihre Blätter sprechen nicht in klaren Antworten, sondern in Andeutungen. Gerade darin liegt ihre Aktualität.