Gemälde von Verne Dawson aus „Hamlet’s Mill“: nächtliche Landschaft mit zentral platzierter Wassermühle unter Mond und Sternenhimmel, rechts ansteigender Hügel mit Bäumen und Büschen, Malerei über Zeitzyklen, Natur und kosmische Ordnung.
Gemälde von Verne Dawson aus „Hamlet’s Mill“: nächtliche Landschaft mit zentral platzierter Wassermühle unter Mond und Sternenhimmel, rechts ansteigender Hügel mit Bäumen und Büschen, Malerei über Zeitzyklen, Natur und kosmische Ordnung. – Mit freundlicher Genehmigung von: presenhuber / Galerie Eva Presenhuber

Wann: 23.01.2026 - 14.03.2026

Im Zentrum dieser Ausstellung steht ein kunsthistorischer Gedanke, der weit über das einzelne Werk hinausweist: die Vorstellung eines zyklischen Kosmos, wie sie im Konzept der Präzession der Äquinoktien formuliert ist. Verne Dawson verankert seine Malerei in einem Weltbild, das Mythos, Astronomie und kulturelles Gedächtnis nicht trennt, sondern als zusammenhängende Wissensform begreift. Damit knüpft er an eine lange Traditionslinie an, in der Bilder als Speicher kosmischer Ordnung fungieren und Zeit nicht linear, sondern kreisend gedacht wird.

Der Ausstellungstitel verweist auf Hamlet’s Mill, jenes 1969 erschienene Buch von Giorgio de Santillana, das Mythen als verschlüsselte Überlieferungen astronomischer Erkenntnisse liest. De Santillana argumentiert, dass die langsame, rund 26.000 Jahre dauernde Verschiebung der Erdachse – das sogenannte „Grosse Jahr“ – bereits in archaischen Erzählungen kodiert war. Dawson teilt diese Überzeugung, dass vormoderne Kulturen über ein tiefes, heute unterschätztes Wissen verfügten, und übersetzt sie in eine Malerei, die zugleich kartografisch und poetisch ist.

„Atomic Bomb“ (2007) von Verne Dawson: gemaltes Motiv einer explodierenden Atombombe mit pilzförmiger Rauchwolke vor blauem Himmel, Malerei über Zerstörung, kosmische Zäsur und menschliche Geschichte. © Verne Dawson
„View From Milk Glass Cottage“ (2025) von Verne Dawson: großformatiges Gemälde mit stilisierten nackten männlichen und weiblichen Figuren in einer bewaldeten Flusslandschaft, Malerei über Mythos, Natur, Zeitzyklen und kosmische Ordnung. © Verne Dawson
„Atomic Bomb“ (2007) von Verne Dawson: gemaltes Motiv einer explodierenden Atombombe mit pilzförmiger Rauchwolke vor blauem Himmel, Malerei über Zerstörung, kosmische Zäsur und menschliche Geschichte. © Verne Dawson • „View From Milk Glass Cottage“ (2025) von Verne Dawson: großformatiges Gemälde mit stilisierten nackten männlichen und weiblichen Figuren in einer bewaldeten Flusslandschaft, Malerei über Mythos, Natur, Zeitzyklen und kosmische Ordnung. © Verne Dawson – Mit freundlicher Genehmigung von: presenhuber / Galerie Eva Presenhuber

Seine Gemälde wirken zeitlos und sind doch von Zeit durchdrungen. Arbeiten wie „View From Milk Glass Cottage“ (2025) oder „Saluda Crystal Springs“ (2025) zeigen ländliche Szenerien, die jenseits historischer Verortung zu existieren scheinen. In Wahrheit sind sie komplexe Bildsysteme, in denen Raum, Zeit und Kosmos miteinander verschränkt sind. Dawson verbindet anthropologische Beobachtung mit mythologischer Struktur und erschafft eine Bildsprache, die an ein prämodernes Weltverständnis erinnert, ohne nostalgisch zu werden.

„Das Universum ist ein seltsamer und geheimnisvoller Ort.“ Dieser Satz, der den Text zur Ausstellung durchzieht, beschreibt auch Dawsons Haltung gegenüber der Gegenwart. Seine Malerei ist eine stille, aber entschiedene Gegenposition zum unbedingten Fortschrittsglauben. Während technologische Beschleunigung Entfremdung, Angst und Sinnverlust erzeugt, plädiert Dawson – im Einklang mit de Santillana – für den Blick zurück, nicht aus Rückwärtsgewandtheit, sondern aus dem Vertrauen heraus, dass überlieferte Formen des Wissens Orientierung bieten können.

Bemerkenswert ist, dass diese Rückbindung an Tradition niemals in Melancholie umschlägt. Dawsons Bilder sind von Staunen, Schönheit und Ehrfurcht erfüllt. Sie eröffnen Räume der Hoffnung und laden dazu ein, die Welt wieder aufmerksam wahrzunehmen. In den Landschaften von Saluda, einer kleinen Stadt in den Blue Ridge Mountains, wird das Lokale zum Träger des Universellen. Das Mikroskopische wird makroskopisch, eine einzelne Mühle, ein Hügel, ein Baum scheinen die gesamte Geschichte der Menschheit in sich zu tragen.

Panoramisches Mehrtafel-Gemälde von Verne Dawson: zyklische Landschaftsabfolge mit Hügeln, Flussläufen, Himmelsspirale, Tages- und Nachtszenen sowie einer Wassermühle, Malerei über Zeit, Kosmos und den Kreislauf der Natur. © Verne Dawson
Panoramisches Mehrtafel-Gemälde von Verne Dawson: zyklische Landschaftsabfolge mit Hügeln, Flussläufen, Himmelsspirale, Tages- und Nachtszenen sowie einer Wassermühle, Malerei über Zeit, Kosmos und den Kreislauf der Natur. © Verne Dawson – Mit freundlicher Genehmigung von: presenhuber / Galerie Eva Presenhuber

Diese kosmische Dimension wird durch zwei frühere Werke zugespitzt. „Atomic Bomb“ (2007) zeigt eine farbige Pilzwolke vor blauem Himmel, ein Bild des Endes, der radikalen Zäsur menschlicher Erfahrung. Ihm gegenüber stehen die jüngsten Gemälde, die von Wiedergeburt und zyklischer Erneuerung erzählen. „The Old Mill Calendar“ (2011), erstmals auf der Yokohama Triennale und später bei Art Basel Unlimited gezeigt, verdichtet Dawsons Denken in einer monumentalen Bildform. Die Mühle fungiert hier als uralte Metapher für den Lauf der Sterne und die Rotation der Zeit, für das langsame, unaufhaltsame Drehen des kosmischen Getriebes.

Dawson fordert den Blick heraus, weg vom Bildschirm, hin zum Boden unter den Füssen. Seine Malerei erinnert daran, dass Natur, Zeit und Wissen untrennbar miteinander verbunden sind. Sie schlägt vor, langsamer zu werden, genauer hinzusehen und das Einfache als Gefäss für das Ewige zu begreifen. In dieser Haltung liegt ihre stille, nachhaltige Aktualität.

„Die Moderne eröffnet Räume der Freiheit: Sie erlaubt es, mit den eigenen Mitteln neu zu sehen, neu zu denken und der Welt eine offenere, menschlichere Form zu geben.“ — Zugeschrieben an Agnes Martin

Verne Dawson, geboren 1955 in Meridianville, Alabama, lebt und arbeitet in New York. Seine Werke wurden international gezeigt, unter anderem in der Kunsthalle Zürich, im Camden Arts Centre in London und im Le Consortium in Dijon, sowie auf der Whitney Biennale und der Lyon Biennale. Die Ausstellung findet in der Galerie Eva Presenhuber in Zürich statt und verankert Dawsons Werk erneut in einem kunsthistorischen Diskurs, der weit über den Moment hinausreicht.

Tags: Verne Dawson, Mythos, Mythologie, Astronomie, Zeitgenössische Kunst, Kosmos, Gegenwartskunst

Dienstag – Freitag, 11 – 18 Uhr Samstag, 11 – 17 Uhr