Damit stellte sich der Pavillon nicht nur gegen die „abundante, aber ephemere Erneuerung der Formen“, sondern formulierte einen radikalen Anspruch auf Dauer, Rationalität und gesellschaftliche Relevanz.
Die Ausstellung rekonstruiert dieses Schlüsselwerk in seiner ganzen Tiefe: seine Entstehung, seine Ambitionen, seine Bedeutung für die Avantgarde des 20. Jahrhunderts, seine internationale Verbreitung und sein nachhaltiges Erbe. Kuratiert wurde das Projekt von den Architekturhistorikern Bénédicte Gandini, Elise Koering und Gilles Ragot, die den Pavillon als Denkmodell lesen – als Manifest, gebaut aus Raum, Licht und Idee.
Parallel dazu richtet sich der Blick nach Marseille, in die Unité d’Habitation, wo vom 11. bis 28. Januar die Ausstellung „Jacques Mandelbrojt – A Tribute to the Artist“ stattfindet. Organisiert von der Association des Habitants de l’Unité d’habitation Le Corbusier, würdigt sie den Maler und Physiker Jacques Mandelbrojt, einen ehemaligen Bewohner der Cité Radieuse. Ergänzt wird die Hommage durch Werke des armenischen Künstlers Meher Kafalian, der in Mandelbrojts Atelier arbeitete, sowie durch Gedichte von Dominic Sweeney, dem Enkel des Künstlers. Hier verbindet sich das Ideal des kollektiven Wohnens mit individuellen künstlerischen Biografien – leise, persönlich, präzise.
Auch im publizistischen Raum wird das Erbe Le Corbusiers neu befragt. Zum 60. Todestag widmet Beaux-Arts Magazine dem Architekten eine Sonderausgabe, während die zwölfte Ausgabe des LC. Journal of Research on Le Corbusier online frei zugänglich ist und zugleich als Print erscheint. Forschung, Archiv und Gegenwart treten in einen Dialog, der zeigt, wie sehr dieses Werk bis heute wirkt.
Am 21. Januar verdichtet sich diese Auseinandersetzung im Symposium „The Moment 1925“ in der Maison du Brésil in Paris. Ausgangspunkt ist jene Arbeit, die Le Corbusier selbst als „a total synthesis of all [his] research“ und zugleich als „a milestone in the decorative arts“ bezeichnete – der Pavillon de l’Esprit Nouveau. Der sogenannte „Moment 1925“ wird dabei als fundamentale Raum-Zeit-Konstellation im Denken des Architekten verstanden: als Kulmination früherer Forschungen und zugleich als Neubeginn, als Wendepunkt. Diese Phase, so die These, kennt keine starren chronologischen Grenzen. Sie verschiebt sich „wie Kreise, variabel definiert durch die Arme eines Zirkels“, und steht für eine produktive Spannung zwischen Kontinuität und Revision, zwischen Balance und Bewegung.
Über den historischen Rückblick hinaus richtet sich der Blick auch in die Zukunft. Für die 23. Tagung der Fondation Le Corbusier, die am 26. und 27. November 2026 stattfindet, wurde ein Call for Papers veröffentlicht. Unter dem Titel „Nature is always present. Forms, functions, and projects of Corbusian nature“ soll das Verhältnis Le Corbusiers zur Natur neu untersucht werden – als räumliches Projekt, als soziales und kulturelles Modell und als ökologischer Denkrahmen in einer Zeit des Klimawandels.
Abgerundet wird dieses dichte Programm durch ein Konzert der argentinischen Komponistin Luciana Morelli am 28. Januar in der Swiss Foundation in Paris. Unter dem Titel „Words of the Wind“ werden Gedichte von Emily Brontë, Alejandra Pizarnik, Anne Carson und Robin Myers musikalisch interpretiert. Ein stiller, poetischer Akzent – wie ein Atemzug zwischen Beton und Idee.
„Die Moderne eröffnet Räume der Freiheit: Sie erlaubt es, mit den eigenen Mitteln neu zu sehen, neu zu denken und der Welt eine offenere, menschlichere Form zu geben.“ — Zugeschrieben an Agnes Martin
So entfaltet sich, hundert Jahre nach 1925, erneut jener „neue Geist“, der weniger Stil als Haltung ist: eine Einladung, die Moderne nicht als abgeschlossene Epoche zu betrachten, sondern als offenes Projekt.