„A Total Art“ – schon der Titel klingt wie ein Manifest. Vom 27. Januar bis 17. Mai 2026 widmet sich das Musée d'Orsay in Paris in einem konzentrierten Ausstellungsformat den Zeichnungen der Wiener Secession und damit einer Idee, die das architektonische Denken der Moderne grundlegend verändert hat: dem Anspruch auf das Gesamtkunstwerk.
Ausgangspunkt dieser Präsentation ist eine jüngst erfolgte Erwerbung von besonderem Rang. 2023 konnte die Architektursammlung des Museums um eine seltene Zeichnung von Josef Hoffmann ergänzt werden. Dieses Blatt, entstanden im Jahr der Fertigstellung des Stoclet Palace in Brüssel, markiert einen Höhepunkt im Schaffen des österreichischen Meisters. In seiner außergewöhnlichen grafischen Kraft verdichtet sich hier Hoffmanns architektonische Forschung auf dem Zenit seiner Karriere – präzise, diszipliniert und zugleich von visionärer Strenge.
Die Zeichnung steht nicht isoliert, sondern fügt sich in einen gewachsenen Bestand ein. Bereits 1997 hatte das Musée d’Orsay zweiundvierzig Arbeiten von Schülern Otto Wagner erworben, darunter Werke von Emil Hoppe, Marcel Kammerer und Otto Schönthal. Gemeinsam erzählen diese Blätter von einem architektonischen Denken, das Funktion, Form und Ornament nicht trennt, sondern als unauflösliche Einheit begreift.
Rund um die erstmals öffentlich gezeigte Hoffmann-Zeichnung entfaltet die Ausstellung eine Rückbesinnung auf die Idee der totalen Kunst. In der Wiener Moderne war sie kein ästhetischer Nebengedanke, sondern ein zentrales Programm. Architektur verstand sich als umfassende Disziplin, die vom Städtebau bis zum Möbel, vom Fassadendetail bis zur Raumwirkung reichte. Die Zeichnung wurde dabei zum Labor, in dem diese Visionen mit analytischer Schärfe entwickelt wurden.
„A Total Art“ macht diese Prinzipien sichtbar und lesbar. Die Auswahl der Arbeiten offenbart, wie die Architekten der Wiener Secession eine neue Formensprache suchten, die gleichermaßen rational und poetisch war, streng konstruiert und doch sinnlich erfahrbar. Die Blätter sind Zeugnisse eines Moments, in dem Architektur zum Träger kultureller Erneuerung wurde und Wien zu einem der geistigen Zentren der europäischen Moderne aufstieg.
Kuratiert wird die Ausstellung von Clémence Raynaud, Chefkuratorin für Architektur am Musée d’Orsay. Mit sicherem Gespür für Kontext und Präzision führt sie durch ein Kapitel der Architekturgeschichte, das bis heute nachwirkt. „A Total Art“ ist keine nostalgische Rückschau, sondern eine Einladung, den radikalen Anspruch der Wiener Moderne neu zu betrachten – als zeitlose Idee, die Gestaltung, Denken und Leben untrennbar miteinander verbindet.