Zwischen Linie und Farbe, zwischen Intuition und Disziplin liegt der zentrale kunsthistorische Anker dieser Ausstellung: die Zeichnung als Fundament von Pierre-Auguste Renoirs Werk. Vom 17. März bis 5. Juli 2026 widmet sich das Musée d'Orsay erstmals ausschließlich den Arbeiten auf Papier eines Künstlers, der bis heute vor allem als Maler des Lichts und der Farbe gilt. Doch jenseits der Ikonen des Impressionismus offenbart sich hier ein anderer Renoir, leiser, konzentrierter und radikal dem Akt des Sehens verpflichtet.
Die Ausstellung macht sichtbar, dass das Zeichnen für Pierre-Auguste Renoir kein Nebenschauplatz war, sondern ein lebenslanges Labor. Von den frühen Studien der 1850er- und 1860er-Jahre bis zu den kühnen Experimenten der 1910er-Jahre begleitete die Linie seine künstlerische Entwicklung. Gerade ab den 1880er-Jahren, als sich Renoir zunehmend vom reinen Impressionismus entfernte, intensivierte sich das Wechselspiel zwischen Zeichnung und Malerei. Die Blätter belegen, wie eng beide Medien miteinander verflochten waren und wie sehr das Papier zum Ort des Suchens, Verwerfens und Neuansetzens wurde.
Lange galten Renoirs grafische Arbeiten als Randerscheinung. Sein Ruf als angeblich schwacher Zeichner hielt sich hartnäckig, nicht zuletzt weil das Œuvre auf Papier vergleichsweise klein und heterogen ist. Skizzen, Studien zu Gemälden, großformatige Durchzeichnungen, Aquarellnotizen unter freiem Himmel, Pastellporträts, Entwürfe für Drucke und Illustrationen stehen nebeneinander. Viele Zeichnungen dürften vom Künstler selbst zerstört worden sein. Und doch zeigt diese Ausstellung, dass gerade in dieser Vielfalt die eigentliche Kraft liegt: Zeichnung als Denkraum, als Korrektiv und als Motor der Formfindung.
Besonders eindrucksvoll wird dies an Werkkomplexen wie „Les Baigneuses. Essai de peinture décorative“ und „Maternité“ deutlich. In zahlreichen vorbereitenden Studien ringt Renoir um die perfekte Form, um Volumen, Rhythmus und Gleichgewicht. Die Linie dient nicht der Beschreibung, sondern der Konstruktion des Körpers, der Verdichtung des Sehens. Schon Zeitgenossen erkannten diese Qualität. „[Renoir] is a first-rate draughtsman; it would be interesting to show the public all of these preparatory studies for a single painting, as they generally imagine that the Impressionists work in a most nonchalant fashion.“ schrieb Berthe Morisot.
Rund hundert Werke aus internationalen Sammlungen, darunter bislang unbekannte Skizzen und mehrere Gemälde, erlauben einen seltenen Blick in Renoirs inneren Schaffensprozess. Im Mittelpunkt stehen seine Untersuchungen zu Licht, Form und Farbe sowie die überraschende Freiheit, mit der er unterschiedlichste Techniken einsetzte. Graphit, Conté-Kreide, Kohle, Feder und Tinte, Pastell, Aquarell und Gouache erscheinen nicht als hierarchisch geordnetes Instrumentarium, sondern als gleichwertige Mittel des Ausdrucks.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Sanguine, die ab den 1880er-Jahren zu Renoirs bevorzugtem Medium wurde. Der fließende, dichte Strich, die warme rote Farbe, ihre Nähe zur Darstellung von Fleisch und Akt sowie die bewussten Bezüge zu den von ihm verehrten Meistern des 18. Jahrhunderts verliehen diesen Blättern eine neue Sinnlichkeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden sie große Bewunderer unter jüngeren Künstlern. Pierre Bonnard etwa bekannte, wie Thadée Natanson festhielt, mit ehrlicher Bescheidenheit seine Bewunderung für Renoirs zeichnerische Fähigkeiten. Auch Pablo Picasso, der eines der spektakulärsten Sanguine-Blätter Renoirs besaß, zählte zu ihren Verehrern.
Die gemeinsam mit der Morgan Library & Museum realisierte Ausstellung ist damit weit mehr als eine Ergänzung zum bekannten malerischen Werk. Sie verschiebt den Blick auf Renoir grundlegend und verankert die Zeichnung dort, wo sie hingehört: im Zentrum seines künstlerischen Denkens. In der stillen Konzentration der Linie offenbart sich ein Renoir von überraschender Modernität, dessen Werk auf Papier nicht nur vorbereitet, sondern eigenständig spricht.