Der Lettrismus selbst wurde von Isidore Isou begründet, der den Buchstaben als kleinstes, unverfälschtes Element des Sprachlichen ins Zentrum stellte. Für Isou waren Sprache, Kategorien und kulturelle Ordnung keine stabilen Systeme, sondern veränderbare Prozesse. Beharrlich zeigte er auf, dass jede Form von Bedeutung historisch, politisch und körperlich eingeschrieben ist. Gemeinsam mit Wolman entwickelte sich daraus eine Praxis, die Zeichen zerlegte, deformierte und neu zusammensetzte, um die Gewalt normativer Strukturen sichtbar zu machen.
Diese Denkbewegung bildet den präzisen kunsthistorischen Resonanzraum für Henrik Olesen. Geboren 1967 in Esbjerg, Dänemark, beschäftigt sich Olesen seit Beginn seiner künstlerischen Arbeit mit der Dekonstruktion dominanter Diskurse über Identität, Körper und Sexualität. Im Rahmen von „Im Kontext der Sammlung“ wurde er eingeladen, sich mit der Sammlung des Museums auseinanderzusetzen. Seine Wahl fiel bewusst auf Isou und das lettristische Umfeld, nicht aus historischer Reverenz, sondern aus inhaltlicher Nähe.
Für die Ausstellung realisierte Olesen neue Arbeiten, die er mit bestehenden Gemälden, seiner Serie der Boxen und sechs Sammlungswerken von Isou kombiniert. In dieser Konstellation erscheint der Lettrismus nicht als historische Avantgarde, sondern als offene Struktur, die in der Gegenwart weiterarbeitet. Fragmente, Überlagerungen und bewusste Leerstellen erzeugen eine visuelle Grammatik, in der Bedeutung nicht fixiert, sondern verhandelbar bleibt. Verletzlichkeit wird nicht kaschiert, sondern als produktiver Zustand sichtbar.
„Demons Are Tearing Me Apart“, zu sehen bis 18. Januar 2026, ist eine Produktion des Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz, kuratiert von Letizia Ragaglia. Die Ausstellung zeigt, wie der lettristische Impuls – von Isou formuliert, von Wolman radikalisiert und von Olesen weitergedacht – bis heute als kritisches Instrument wirksam bleibt und den Raum für Veränderung offenhält.