Henrik Olesen, Paul Thek 1965, 2023 Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz Courtesy the artist und Galerie Buchholz, Köln  © Henrik Olesen
Henrik Olesen, Paul Thek 1965, 2023 Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz Courtesy the artist und Galerie Buchholz, Köln © Henrik Olesen – Mit freundlicher Genehmigung von: kunstmuseumLI / Kunstmuseum Liechtenstein

Wann: 27.06.2025 - 18.01.2026

Im Zentrum dieser Ausstellung steht ein kunsthistorischer Anker, der die Nachkriegsavantgarde bis in die Gegenwart durchzieht: der Lettrismus. Im Kunstlichtsaal des Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz entfaltet sich dieser Impuls nicht als abgeschlossene Bewegung, sondern als offenes Denkmodell, das Sprache, Körper und Bedeutung radikal neu verhandelt und damit die tradierten Erzählungen eines Museums bewusst infrage stellt.

Ein markanter Ausgangspunkt dieser Geschichte ist Gil J Wolman, geboren 1929 in Dänemark, dessen künstlerische Radikalität sich früh zwischen Paris und Wien verdichtete. Wolman, der „wau“ des Lettrismus, verschob die Bewegung entscheidend vom Buchstaben zum Körper, vom Zeichen zum Atem. Seine Megapneumen lösten Sprache von ihrer semantischen Verpflichtung und machten sie zu einem physischen Ereignis. Wien wurde dabei zu einem wichtigen Resonanzraum, in dem sich lettristische Ideen mit einer mitteleuropäischen Avantgardetradition verbanden und weiter zuspitzten.

    Henrik Olesen und Isidore Isou     Ausstellungsansicht, Foto: Alicia Olmos Ochoa
Ausstellungsansicht, Foto: Alicia Olmos Ochoa
Henrik Olesen und Isidore Isou Ausstellungsansicht, Foto: Alicia Olmos Ochoa • Ausstellungsansicht, Foto: Alicia Olmos Ochoa – Mit freundlicher Genehmigung von: kunstmuseumLI / Kunstmuseum Liechtenstein

Der Lettrismus selbst wurde von Isidore Isou begründet, der den Buchstaben als kleinstes, unverfälschtes Element des Sprachlichen ins Zentrum stellte. Für Isou waren Sprache, Kategorien und kulturelle Ordnung keine stabilen Systeme, sondern veränderbare Prozesse. Beharrlich zeigte er auf, dass jede Form von Bedeutung historisch, politisch und körperlich eingeschrieben ist. Gemeinsam mit Wolman entwickelte sich daraus eine Praxis, die Zeichen zerlegte, deformierte und neu zusammensetzte, um die Gewalt normativer Strukturen sichtbar zu machen.

Diese Denkbewegung bildet den präzisen kunsthistorischen Resonanzraum für Henrik Olesen. Geboren 1967 in Esbjerg, Dänemark, beschäftigt sich Olesen seit Beginn seiner künstlerischen Arbeit mit der Dekonstruktion dominanter Diskurse über Identität, Körper und Sexualität. Im Rahmen von „Im Kontext der Sammlung“ wurde er eingeladen, sich mit der Sammlung des Museums auseinanderzusetzen. Seine Wahl fiel bewusst auf Isou und das lettristische Umfeld, nicht aus historischer Reverenz, sondern aus inhaltlicher Nähe.

Für die Ausstellung realisierte Olesen neue Arbeiten, die er mit bestehenden Gemälden, seiner Serie der Boxen und sechs Sammlungswerken von Isou kombiniert. In dieser Konstellation erscheint der Lettrismus nicht als historische Avantgarde, sondern als offene Struktur, die in der Gegenwart weiterarbeitet. Fragmente, Überlagerungen und bewusste Leerstellen erzeugen eine visuelle Grammatik, in der Bedeutung nicht fixiert, sondern verhandelbar bleibt. Verletzlichkeit wird nicht kaschiert, sondern als produktiver Zustand sichtbar.

„Demons Are Tearing Me Apart“, zu sehen bis 18. Januar 2026, ist eine Produktion des Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz, kuratiert von Letizia Ragaglia. Die Ausstellung zeigt, wie der lettristische Impuls – von Isou formuliert, von Wolman radikalisiert und von Olesen weitergedacht – bis heute als kritisches Instrument wirksam bleibt und den Raum für Veränderung offenhält.

Tags: Nachkriegskunst, Isidore Isou, Gil J Wolman, Henrik Olesen, Körper, Zeitgenössische Kunst, Sprache, Lettrismus

Das Kunstmuseum Liechtenstein ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr. Montags bleibt das Museum geschlossen.
An Ostermontag und Pfingstmontag ist das Museum jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
Geschlossen bleibt das Kunstmuseum Liechtenstein am 24. Dezember, 25. Dezember, 31. Dezember und am 1. Januar.