„My art is like a diary, seismographic. That is the method of my work. Drawing and painting are a movement that runs through me.“ Dieser Satz ist kein Kommentar von außen, sondern der innere Schlüssel zu dieser Ausstellung. Jungwirth arbeitete halb blickend, halb tastend, in einem Prozess, der an automatisches Schreiben erinnert. Gedanken, Notizen, flüchtige Zeichen durchziehen die Blätter. Man hat das Gefühl, einem Geheimnis beizuwohnen, einem Moment radikaler Vertraulichkeit.
Der Titel „Geh nicht aus dem Zimmer“ verweist auf ein Gedicht des russisch-amerikanischen Dichters Joseph Brodsky, bekannt nach seinen Anfangsworten. „Don’t leave your room. Pretend a cold in the head. / What could be more exciting than wallpaper, chair and bed?“ Dieser eindringliche Appell zur Selbstgenügsamkeit spiegelt den intimen Entstehungsprozess der Arbeiten wider, von denen viele in der Dämmerung, vor dem Fernseher entstanden. Mehr als dreißig Jahre später hat Jungwirth diese Blätter zu einem einzigen Werk zusammengeführt, um sich den flüchtigen Impulsen ihrer eigenen Vergangenheit erneut zu stellen.
So sehr diese Arbeit aus der Einsamkeit geboren ist, so sehr bleibt sie in der Welt verankert. Die eingefügten Zeitungsseiten aus den Feuilletons verweisen auf Zeitgeschehen und Kunstgeschichte zugleich. Sie eröffnen stille Dialoge mit Werken wie den genähten Narben eines Kopfes von Louise Bourgeois oder mit Rogier van der Weydens The Descent from the Cross. Man sieht Jungwirth förmlich vor sich, wie sie blättert, liest, ausschneidet – während draußen die Welt weiterläuft.
Zwischen Tusche, Kohle, Aquarell und Öl tauchen Figuren aus der Abstraktion auf, nur um gleich wieder zu verschwinden. Gesichter, Gliedmaßen, Hände erscheinen in Liniengeflechten, die Bernard Blistène als „insistent lines – a combination of erasures and crossings-out [...] which scar the surface of the paper as figures emerge“ beschreibt. Kleine Malereien unterbrechen diesen Strom, Farbfelder als „magmas, impastos that muddy the surface, interrupt the narrative and come to obliterate it.“
Auch die Aquarelle aus den 1980er- und 1990er-Jahren entziehen sich jeder Festlegung. Thomas Mießgang beschreibt sie als „a phenomenological approximation of those things which remain fleeting and evasive in their time-bound lack of contour.“ Formen verdichten sich, ohne je stabil zu werden. „Jungwirth says that her paintings invite an escape: ‘Malfluchten’. Listen to the sound of the word, don’t look for a literal meaning. ‘Flüchten’ means ‘to flee’ in English.“