Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi
Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Galerie Thaddaeus Ropac Marais

Wann: 22.01.2026 - 28.02.2026

Im Winter liegt Paris stiller in sich selbst. Das Licht ist gedämpft, die Straßen wirken konzentrierter, fast nach innen gekehrt. Genau in diesem Moment öffnet „Geh nicht aus dem Zimmer“ – eine Ausstellung von Martha Jungwirth, die sich dieser Jahreszeit nicht nur anpasst, sondern sie innerlich fortsetzt. Vom 22. Januar bis 28. Februar 2026 präsentiert Thaddaeus Ropac Paris Marais eine Werkgruppe, die weniger zeigt als offenlegt – leise, beharrlich und mit einer Intensität, die lange nachwirkt.

Man betritt den Raum nicht wie eine Ausstellung, sondern wie einen Zustand. Im Zentrum steht eine monumentale, 131-teilige Installation aus Zeichnungen und Malereien auf Papier und Karton, durchsetzt mit ausgeschnittenen Zeitungsseiten. Über fünf Jahre hinweg, zwischen 1987 und 1992, entstanden, hat Bernard Blistène dieses Werk als eine „great frieze of unruly images“ beschrieben. Blatt an Blatt gereiht, vierfach übereinander gestapelt, entfaltet sich ein ungebundener, sich entwirrender Bilderstrom – wie ein Tagebuch, das nie für fremde Augen bestimmt war.

Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi
Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi
Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi • Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Galerie Thaddaeus Ropac Marais

„My art is like a diary, seismographic. That is the method of my work. Drawing and painting are a movement that runs through me.“ Dieser Satz ist kein Kommentar von außen, sondern der innere Schlüssel zu dieser Ausstellung. Jungwirth arbeitete halb blickend, halb tastend, in einem Prozess, der an automatisches Schreiben erinnert. Gedanken, Notizen, flüchtige Zeichen durchziehen die Blätter. Man hat das Gefühl, einem Geheimnis beizuwohnen, einem Moment radikaler Vertraulichkeit.

Der Titel „Geh nicht aus dem Zimmer“ verweist auf ein Gedicht des russisch-amerikanischen Dichters Joseph Brodsky, bekannt nach seinen Anfangsworten. „Don’t leave your room. Pretend a cold in the head. / What could be more exciting than wallpaper, chair and bed?“ Dieser eindringliche Appell zur Selbstgenügsamkeit spiegelt den intimen Entstehungsprozess der Arbeiten wider, von denen viele in der Dämmerung, vor dem Fernseher entstanden. Mehr als dreißig Jahre später hat Jungwirth diese Blätter zu einem einzigen Werk zusammengeführt, um sich den flüchtigen Impulsen ihrer eigenen Vergangenheit erneut zu stellen.

So sehr diese Arbeit aus der Einsamkeit geboren ist, so sehr bleibt sie in der Welt verankert. Die eingefügten Zeitungsseiten aus den Feuilletons verweisen auf Zeitgeschehen und Kunstgeschichte zugleich. Sie eröffnen stille Dialoge mit Werken wie den genähten Narben eines Kopfes von Louise Bourgeois oder mit Rogier van der Weydens The Descent from the Cross. Man sieht Jungwirth förmlich vor sich, wie sie blättert, liest, ausschneidet – während draußen die Welt weiterläuft.

Zwischen Tusche, Kohle, Aquarell und Öl tauchen Figuren aus der Abstraktion auf, nur um gleich wieder zu verschwinden. Gesichter, Gliedmaßen, Hände erscheinen in Liniengeflechten, die Bernard Blistène als „insistent lines – a combination of erasures and crossings-out [...] which scar the surface of the paper as figures emerge“ beschreibt. Kleine Malereien unterbrechen diesen Strom, Farbfelder als „magmas, impastos that muddy the surface, interrupt the narrative and come to obliterate it.“

Auch die Aquarelle aus den 1980er- und 1990er-Jahren entziehen sich jeder Festlegung. Thomas Mießgang beschreibt sie als „a phenomenological approximation of those things which remain fleeting and evasive in their time-bound lack of contour.“ Formen verdichten sich, ohne je stabil zu werden. „Jungwirth says that her paintings invite an escape: ‘Malfluchten’. Listen to the sound of the word, don’t look for a literal meaning. ‘Flüchten’ means ‘to flee’ in English.“

Martha Jungwirth Untitled, 1994 Photo: Ulrich Ghezzi
Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi
Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi
Martha Jungwirth Untitled, 1994 Photo: Ulrich Ghezzi • Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi • Martha Jungwirth Untitled, 2025 Photo: Ulrich Ghezzi – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Galerie Thaddaeus Ropac Marais

In den jüngsten Ölgemälden wird diese Haltung zur Farbe selbst. „There are frugal artists who make do with five cans of paint. That’s not my way. I’m all about the nuance of color.“ Violette, Magentas, Rosa, aber auch kühle Blautöne und erdige Grün- und Braunschattierungen entfalten sich in einer Malerei der Fülle. „I want to create out of abundance.“ Diese Anhäufung von Gesten, Farben und Spuren ist kein Übermaß, sondern ein Archiv des Werdens.

Geboren 1940 in Wien, hat Martha Jungwirth früh Geschichte geschrieben – als einzige Frau der Künstlergruppe Wirklichkeiten, als Teilnehmerin der documenta 6, mit Retrospektiven von der Kunsthalle Krems bis zur Albertina. Zuletzt wurde ihr Werk im Guggenheim Museum Bilbao und im Long Museum Shanghai gezeigt.

Die Ausstellung in Paris wird von einem Katalog begleitet, mit einem Essay von Bernard Blistène. Doch selbst dieses Buch wird letztlich nur eines bestätigen: Diese Kunst gehört in den Winter – und in den Raum, den man nicht verlässt.

 

„Was ich will, wird erst am Ende meines Schaffens deutlich werden, als Ganzes gesehen …“Max Beckmann

Deshalb, worauf kommt es im Leben wirklich an?

Es sind die leisen Augenblicke des Glücks, die wir mitnehmen und im Herzen bewahren.

Andreas Färber

Tags: Martha Jungwirth, Zeitgenössische Kunst, österreichischer Kunst, Abstrakte Kunst, Malerei, Zeichnungen, Bernard Blistène, Joseph Brodsky, Kunstszene

Dienstag – Samstag: 10:00 – 19:00 Uhr Die Galerie ist sonntags und montags geschlossen.