Im Zentrum dieser Ausstellung steht ein kunsthistorischer Begriff von außergewöhnlicher Tragweite: die Grenze in der Malerei zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Nicht als Linie verstanden, sondern als Übergang, als Schwelle zwischen Welt und Wahrnehmung, zwischen Landschaft und Innerlichkeit, zwischen Sichtbarem und Gedachtem. Genau hier setzt die Ausstellung „Confini da Gauguin a Hopper. Canto con variazioni“ an, die vom 11. Oktober 2025 bis 12. April 2026 zu sehen ist und von Marco Goldin kuratiert sowie von Erpac und Linea d’ombra organisiert wird.
Mit mehr als 120 Gemälden und Arbeiten auf Papier aus bedeutenden europäischen und amerikanischen Museen sowie aus privaten Sammlungen entfaltet sich ein weiter kunsthistorischer Horizont. Die Grenze erscheint als physischer Raum, als geistiger Zustand, als symbolisches wie spirituelles Moment, das die moderne Malerei nachhaltig geprägt hat. Die Ausstellung liest die Geschichte der Kunst nicht chronologisch, sondern als vielstimmigen Gesang mit Variationen, in dem sich Epochen, Stile und individuelle Handschriften begegnen.
Der Auftakt erfolgt in einem Raum von großer emotionaler Dichte. Sieben Schlüsselwerke bündeln hier die zentralen Fragen der Ausstellung. Den Anfang macht Anselm Kiefers großformatige Leinwand „Märkische Heide“ aus den 1970er-Jahren, ein Bild von kosmischer Wucht, das Himmel und Erde als existenzielle Grenze aufspannt. Ihm gegenüber steht ein radikal zurückgenommenes Werk von Mark Rothko, in dem sich die Grenze nach innen verlagert und zum Ort der stillen Selbstbefragung wird. Im Zentrum schließt Vincent van Goghs Selbstporträt den Kreis, als Bild der Identität und der fragilen Linie zwischen Ich und Welt. Landschaften von Courbet, Monet und Nolde lassen anschließend die natürliche Grenze zwischen Meer, Himmel und Garten sichtbar werden, bevor Edward Hopper mit seinen einsamen Figuren den Raum als Ort der Entfernung und der inneren Distanz öffnet.
Von hier aus entfaltet sich ein thematischer Parcours, der die Grenze als wiederkehrendes Motiv sichtbar macht. Der Himmel erscheint als Grenzraum par excellence. Von der romantischen Erfahrung des Erhabenen bei Friedrich, Turner und Constable bis zu Boudin, Monet, Munch, Mondrian, Hodler, Hopper, Rothko und Nicolas de Staël wird der Himmel zum Träger des Unendlichen, zum Ort zwischen Sichtbarkeit und Abstraktion. Die Malerei bewegt sich hier zwischen Naturerfahrung und metaphysischer Verdichtung.
Ein weiterer Fokus liegt auf den Figuren, die schauen. Gesichter und Körper werden zu Projektionsflächen einer postromantischen Sensibilität, die sich an der Grenze zwischen Beobachtung und Innerlichkeit bewegt. Von der amerikanischen Hudson River School über Winslow Homer, Böcklin, Van Gogh und Gauguin bis zu Hopper, Diebenkorn und Andrew Wyeth verdichtet sich der Mensch zum Schnittpunkt zwischen äußerem Raum und innerer Landschaft. Der Blick nach außen wird zum Spiegel des Inneren.
Schließlich öffnet sich die Malerei dem Fernen und dem Anderen. Die Suche nach dem „Anderswo“ prägt die Werke von Gauguin mit seinen Reisen von der Bretagne über Martinique bis nach Tahiti ebenso wie die Landschaften von Monet, Van Gogh, Cézanne und Bonnard in der Normandie, in der Provence und im Süden Frankreichs. Es entsteht eine imaginäre Geografie aus Licht, Erinnerung und Sehnsucht, in der die Grenze nicht trennt, sondern Bewegung ermöglicht.
Diese Ausstellung versteht sich als Reise zwischen Welten, Zeiten und Sensibilitäten. Über das Motiv der Grenze führt sie zu einer grundlegenden Reflexion über das Menschenbild und die Bedeutung der Landschaft in der modernen Malerei. Die Grenze erscheint dabei nicht als Ende, sondern als Ort der Erkenntnis – als jener fragile Raum, in dem Kunst beginnt.