Ein zentraler Ort dieser Ausstellung ist Somerset selbst. Die Landschaft, in die McCullin während des Zweiten Weltkriegs evakuiert wurde, ist seit Jahrzehnten sein Rückzugsraum. Fotografien wie „The Dew Pond by Iron Age Hill Fort, Somerset“ offenbaren eine fast malerische Tiefe, eine Konzentration auf Licht, Struktur und Zeit. Diese Bilder wirken wie Gegenräume zu den Kriegsfotografien – nicht als Flucht, sondern als notwendige Balance.
Ergänzt wird die Schau durch Stillleben, die McCullin in seinem Gartenhaus arrangierte, inspiriert von flämischen und niederländischen Meistern. Schädel, Knochen, verwitterte Objekte erscheinen hier nicht als Symbole des Todes, sondern als stille Meditationen über Vergänglichkeit und Würde. Sie zeigen eine andere, selten gesehene Seite seines Werks, geprägt von Langsamkeit und innerer Ordnung.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Fotografien römischer Skulpturen aus der Serie „Southern Frontiers“, einem Projekt, das McCullin über 25 Jahre hinweg verfolgte. Diese Bilder bewegen sich zwischen Schönheit und Unbehagen, zwischen historischer Größe und psychologischer Last. Sie machen sichtbar, wie tief Geschichte im Stein eingeschrieben ist – und wie sehr sie bis in die Gegenwart nachwirkt.
Don McCullin gilt als einer der einflussreichsten Fotografen der Gegenwartsgeschichte. Seine Bilder sind geprägt von Empathie, Klarheit und einer kompromisslosen Ehrlichkeit, die nie sensationslüstern wirkt. Sie fordern den Blick heraus, ohne ihn zu manipulieren, und lassen dem Betrachter keine Ausflucht.
Don McCullin. 90 ist mehr als eine Jubiläumsausstellung. Sie ist eine stille, eindringliche Einladung, das Sehen neu zu lernen – und sich der Verantwortung bewusst zu werden, die jedes Bild in sich trägt.