Gemälde von Wifredo Lam mit hybriden Figuren zwischen Bambusstämmen, afrokaribische Mythologie und surreale Bildsprache
Gemälde von Wifredo Lam mit hybriden Figuren zwischen Bambusstämmen, afrokaribische Mythologie und surreale Bildsprache – Mit freundlicher Genehmigung von: moma.org / Museum of Modern Art

Wann: 10.11.2025 - 11.04.2026

Wifredo Lam markiert mit When I Don’t Sleep, I Dream im Museum of Modern Art einen jener seltenen Momente, in denen sich Malerei, Mythos und Geschichte zu einem dichten Bildraum verdichten, in dem zwischen Bambusstämmen menschliche und tierhafte Wesen erscheinen, maskenhaft, rhythmisch, durchzogen von leuchtenden Farben und einer Bildsprache, die Traum und Realität untrennbar miteinander verbindet.

Diese Figuren bevölkern keinen exotischen Urwald, sondern einen inneren Raum, gespeist aus afrokaribischer Mythologie, kolonialer Erfahrung und surrealer Imagination. Pflanzen, Körper und Zeichen gehen ineinander über und formen eine visuelle Ordnung, die sich jeder folkloristischen Lesart entzieht. Lams Malerei ist weder dekorativ noch illustrativ, sondern ein Medium der Verdichtung, in dem Erinnerung, Spiritualität und politische Erfahrung sichtbar werden.

Wifredo Lam in seinem Atelier in Havanna 1943 mit den Gemälden La Jungla (1942–43) und Le matin vert (1943) sowie der Bodenskulptur La Silla (1943), Archivaufnahme, Archives SDO Wifredo Lam, Paris
Wifredo Lam in seinem Atelier in Havanna 1943 mit den Gemälden La Jungla (1942–43) und Le matin vert (1943) sowie der Bodenskulptur La Silla (1943), Archivaufnahme, Archives SDO Wifredo Lam, Paris – Mit freundlicher Genehmigung von: moma.org / Museum of Modern Art
Wifredo Lam entwickelte diese Bildsprache nicht isoliert. In Paris begegnete er Pablo Picasso, der sein Talent früh erkannte und förderte. Die Auseinandersetzung mit Kubismus und Surrealismus schärfte Lams formales Denken, doch anders als viele europäische Zeitgenossen verband er diese Impulse mit eigener Herkunft, afrokaribischen Ritualen und einer klaren Haltung gegenüber kolonialen Machtverhältnissen. Lam übernahm keine Formen, er transformierte sie.

Die Ausstellung folgt dieser Entwicklung über sechs Jahrzehnte und versammelt Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, Keramiken und Archivmaterial. Frühere Arbeiten zeigen die Nähe zur europäischen Avantgarde, während spätere Werke jene hybride Bildwelt entfalten, für die Lam heute steht.

Immer wieder kehren Figuren zurück, die zugleich menschlich, tierisch und pflanzlich erscheinen, als Verkörperungen eines Kosmos, in dem Identität nicht fixiert, sondern im Wandel begriffen ist.

Lam verstand Malerei als Akt der Imagination und der Selbstbehauptung. „I knew I was running the risk of not being understood either by the man in the street or by the others, but a true picture has the power to set the imagination to work, even if it takes time.“ Dieses Bekenntnis durchzieht die gesamte Ausstellung. Seine Bilder verlangen Zeit, Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich auf eine andere Logik des Sehens einzulassen.
 

Wifredo Lam, Fata Morgana, 1941, Illustration aus einem ungebundenen Buchprojekt mit Buchdrucktext und Linienillustrationen, handkoloriert und annotiert, Museum of Modern Art New York, © Succession Wifredo Lam, ADAGP / ARS 2025
Wifredo Lam, Je Suis (I Am), 1949, Öl auf Leinwand, abstrakte figürliche Komposition der Nachkriegszeit, Privatsammlung, © Succession Wifredo Lam / ADAGP / ARS 2025
Wifredo Lam, Harpe astrale (Astral Harp), 1944, Öl auf Leinwand, großformatige abstrakt-figürliche Komposition, Privatsammlung, © Succession Wifredo Lam / ADAGP / ARS 2025
Wifredo Lam, Fata Morgana, 1941, Illustration aus einem ungebundenen Buchprojekt mit Buchdrucktext und Linienillustrationen, handkoloriert und annotiert, Museum of Modern Art New York, © Succession Wifredo Lam, ADAGP / ARS 2025 • Wifredo Lam, Je Suis (I Am), 1949, Öl auf Leinwand, abstrakte figürliche Komposition der Nachkriegszeit, Privatsammlung, © Succession Wifredo Lam / ADAGP / ARS 2025 • Wifredo Lam, Harpe astrale (Astral Harp), 1944, Öl auf Leinwand, großformatige abstrakt-figürliche Komposition, Privatsammlung, © Succession Wifredo Lam / ADAGP / ARS 2025 – Mit freundlicher Genehmigung von: moma.org / Museum of Modern Art

Zentrale Werke wie La Jungle markieren dabei keinen Endpunkt, sondern einen Knotenpunkt in einem vielschichtigen Œuvre. Sie stehen für eine Kunst, die sich weder in westliche Kategorien einordnen lässt noch auf Herkunft reduziert werden kann. Lam schuf eine Bildsprache, die transnational ist, weil sie aus Bewegung, Exil und Begegnung entstanden ist.

Installationsansicht der Ausstellung „Wifredo Lam: When I Don’t Sleep, I Dream“ im Museum of Modern Art, New York, mit Gemälden und Arbeiten von Wifredo Lam, Ausstellungsansicht vom 10. November 2025 bis 11. April 2026, Foto: Jonathan Dorado
Installationsansicht der Ausstellung „Wifredo Lam: When I Don’t Sleep, I Dream“ im Museum of Modern Art, New York, mit Gemälden und Arbeiten von Wifredo Lam, Ausstellungsansicht vom 10. November 2025 bis 11. April 2026, Foto: Jonathan Dorado – Mit freundlicher Genehmigung von: moma.org / Museum of Modern Art

When I Don’t Sleep, I Dream ist damit mehr als eine Retrospektive. Die Ausstellung eröffnet einen Blick auf die Moderne jenseits Europas und zeigt, wie tief die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Fragen von Macht, Kultur und Imagination verwoben ist. Wifredo Lam erscheint hier nicht als Randfigur der Kunstgeschichte, sondern als einer ihrer stillen, entscheidenden Architekten.

Tags: Wifredo Lam, Moderne Kunst, Malerei, Skulpturen, Surrealismus, Kubismus, Pablo Picasso, 20. Jahrhundert

Das Museum of Modern Art in New York ist täglich von 10:30 bis 17:30 Uhr geöffnet, freitags bis 20:00 Uhr. An Thanksgiving und am 25. Dezember bleibt das Museum geschlossen.