Metaphysische Figur ohne Gesicht von Carlo Carrà, stehender anonymer Körper in stiller Atmosphäre, italienische Metaphysische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts.
Metaphysische Figur ohne Gesicht von Carlo Carrà, stehender anonymer Körper in stiller Atmosphäre, italienische Metaphysische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts. – Mit freundlicher Genehmigung von: palazzorealemilano / Palazzo Reale Milano

Wann: 28.01.2026 - 21.06.2026

Palazzo Reale Milano eröffnet einen faszinierenden Blick auf die unsichtbaren Strukturen der Wirklichkeit mit „Metafisica/Metafisiche“, einer Ausstellung, die Metaphysik nicht als vergangenen Stil, sondern als lebendige Denkform neu definiert. In den ehrwürdigen Sälen des Palazzo Reale und im Verbund mit dem Museo del Novecento, der Grande Brera – Palazzo Citterio und den Gallerie d’Italia entfaltet sich vom 28. Januar bis zum 21. Juni 2026 ein Ausstellungserlebnis von großer Breite und intellektueller Tiefe.

Zwischen Präsenz und Abwesenheit entfaltet sich jene poetische Spannung, die der Metaphysischen Kunst eigen ist. In den reglosen Figuren, den anonymen Körpern ohne Gesicht, verwandelt sich das Vertraute in ein Rätsel. Kleidung wird zur Hülle, zur Form, nicht zum Ausdruck von Identität. Zeit scheint stillzustehen, Bedeutung wird nicht erklärt, sondern empfunden. In dieser stillen Schwebe zwischen Wirklichkeit und innerem Bildraum öffnet sich jene Denkform, die ‚Metafisica/Metafisiche‘ als lebendige Erfahrung erfahrbar werden lässt.

„Metafisica/Metafisiche“ ist ein Projekt kuratiert von Vincenzo Trione, dessen ambitionierte Vision die historischen Meister der Metaphysischen Kunst mit ihren internationalen Erben und zeitgenössischen Echoformen in einen künstlerischen und gedanklichen Dialog setzt. Mehr als 300 Werke sind im Palazzo Reale versammelt und umfassen Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen und Objekte, die den Bogen von den Ursprüngen der Metaphysik im frühen 20. Jahrhundert bis zu ihren Wirkungen im 21. Jahrhundert spannen.

Im Zentrum stehen die historischen Protagonisten der Metaphysischen Malerei – Giorgio de Chirico, Alberto Savinio, Carlo Carrà, Filippo de Pisis und Giorgio Morandi, deren Werke die geheimnisvolle Sprache dieser Bewegung begründet haben. Doch „Metafisica/Metafisiche“ geht darüber hinaus: Die Ausstellung zeigt, wie dieser künstlerische Ansatz – geprägt von rätselhaften Szenerien, stiller Rätselhaftigkeit und einer tiefen Sinnsuche – in der Kunst Europas und Amerikas weiterwirkt.

Die Ausstellung knüpft an die poetische Tradition der Metaphysischen Kunst an, in der rätselhafte Leerräume und deplatzierte Objekte die Wahrnehmung herausfordern und eine Atmosphäre der Erwartung schaffen, die zugleich Vertrautes und Fremdes verbindet. Diese Bildsprache, einst von den frühen Meistern entwickelt, findet hier Resonanzen bei Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts, die das Erbe dieser Denkweise in Fotografien, Filmen, Architekturentwürfen oder künstlerischen Projekten wiederaufgreifen und weiterdenken.

„From Piazza Duomo to Brera are two thousand steps of art: this is how the Metafisica/Metafisiche itinerary comes to life in the halls of Palazzo Reale“, beschreibt ein kritischer Text den städtischen Kontext dieses kulturellen Projekts, in dem der historische Stadtraum von Mailand selbst Teil des künstlerischen Erlebnisses wird. Die Ausstellung verwandelt nicht nur die klassischen Museumsräume, sondern auch die Stadt in ein Gefüge von Sichtweisen, in dem Vergangenheit und Gegenwart in einen ständigen Austausch treten.

Der kuratorische Ansatz von Vincenzo Trione betont die metaphysische Bildsprache als einen Weg, Realität als mehrdeutige, vielschichtige Erfahrung zu betrachten – eine Sichtweise, die über stilistische Kategorien hinausgeht und die Betrachter dazu einlädt, die Welt mit neuen Augen zu sehen. In diesem Sinne ist „Metafisica/Metafisiche“ keine retrospektive Hommage, sondern ein lebendiger Dialog zwischen Kunstwerken, historischen Positionen und gegenwärtigen künstlerischen Fragestellungen.

Palazzo Reale Milano bietet mit dieser Ausstellung einen außergewöhnlichen Zugang zu einem der einflussreichsten künstlerischen Diskurse des 20. Jahrhunderts, der seine Spuren bis in die Gegenwart hinterlässt und das Publikum in eine Welt zwischen Traum, Denken und künstlerischer Vision entführt.

 

Was mich an dieser Art der Kunst berührt, ist ihre Stille. Sie drängt sich nicht auf, sie erklärt sich nicht, sie bleibt bei sich. In der Metaphysischen Kunst finde ich einen Raum, in dem Denken langsamer wird und Wahrnehmung tiefer. Die Figuren schauen nicht zurück, und gerade deshalb fühle ich mich gesehen. Es ist eine Kunst, die nichts fordert und doch lange nachwirkt – wie ein Gedanke, der bleibt, ohne je ganz greifbar zu werden.

Tags: Metaphysische Kunst, Zeichnungen, Giorgio de Chirico, Carlo Carrà, Giorgio Morandi, Alberto Savinio, Filippo de Pisis

Dienstag bis Sonntag von 10 bis 19:30 Uhr geöffnet, am Donnerstag bis 22:30 Uhr. Letzter Einlass jeweils eine Stunde vor Schließung.