Eichhörnchen-Abdruck auf korrodierter Metallplatte mit pflanzlichen Spuren – Metallkunst und Prozesskunst von Erik Tannhäuser, Developments
Eichhörnchen-Abdruck auf korrodierter Metallplatte mit pflanzlichen Spuren – Metallkunst und Prozesskunst von Erik Tannhäuser, Developments – Mit freundlicher Genehmigung von: findart /

Wann: 12.09.2026 - 13.09.2026

Es ist Herbst. Blätter fallen. Auf einer achtlos abgelegten Metallplatte sammelt sich Laub, ein Eichhörnchen verschwindet darunter zum Winterschlaf. Erik Tannhäuser erkennt in diesem Moment keinen Zufall, sondern den Beginn eines Prozesses. Aus Beobachtung wird Prozess- und Metallkunst, aus Vergänglichkeit ein Werk. Hinter jedem Werk liegt eine Geschichte.

Der Ichthyostega gilt als eines der ersten Lebewesen, das den Übergang vom Meer an Land wagte – ein Brückentier der Evolution. Dieses Motiv des Dazwischen bildet einen gedanklichen Ausgangspunkt für Erik Tannhäusers Werkserie Developments und verweist auf jene Schwellenzustände, in denen sich Raum und Zeit verschieben, in denen Veränderung nicht abrupt, sondern als Prozess erfahrbar wird.

Begehbare Installation aus korrodierten Metalltafeln in Rotundenform – Prozesskunst und Metallkunst von Erik Tannhäuser, Developments
Ehemaliges Kühlschiff MS Stubnitz im Hafen bei Dämmerung – ortsspezifischer Ausstellungsort der Prozess- und Metallkunst von Erik Tannhäuser, Developments
Begehbare Installation aus korrodierten Metalltafeln in Rotundenform – Prozesskunst und Metallkunst von Erik Tannhäuser, Developments • Ehemaliges Kühlschiff MS Stubnitz im Hafen bei Dämmerung – ortsspezifischer Ausstellungsort der Prozess- und Metallkunst von Erik Tannhäuser, Developments – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Erik Tannhäuser mit Prozess- und Metallkunst in Paris

Aus dieser Haltung entwickelt sich ein experimentelles Verfahren, das den klassischen Autorschaftsbegriff unterläuft. Pflanzen und später Tiere werden auf Metall ausgelegt und der Umgebung überlassen. Witterung, Zeit und Ort schreiben mit, Korrosion wird zum zeichnenden Prinzip. Der künstlerische Eingriff besteht weniger im Setzen als im Zulassen. In dieser Logik scheint Friedrich Nietzsches Gedanke auf: „Alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins“. Tannhäusers Arbeiten begreifen das Werk nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als Geschehen, das sich im Zusammenspiel von Material, Raum und Dauer immer wieder neu formt.

Früh zeigt sich, dass Developments untrennbar mit dem Raum verbunden ist. Eine erste räumlich prägende Präsentation entsteht nach einer Reise nach Hanstholm in Dänemark. Acht großformatige Metalltafeln aus Fischbeifang formen eine begehbare Rotunde, eine künstliche Unterwasserwelt. Die bewusst leere achte Tafel verweist auf das Verschwinden maritimer Lebensräume. Raum, Werk und Klang verbinden sich zu einer immersiven Erfahrung, in der Metall Erinnerung und Verlust trägt.

2017 verlagert sich der Fokus auf einen Ort mit doppelter Lesbarkeit, das Kulturschiff MS Stubnitz, ein ehemaliges Kühlschiff der DDR-Hochseeflotte. Im Inneren erzählt der Stahlkörper von Fang, Lagerung und industrieller Nutzung, während außen das Meer als Ursprung präsent bleibt. Weitere Präsentationen in Hafenräumen von Rostock, Kopenhagen, Amsterdam und Hamburg führen diesen Dialog fort. Es sind Übergangszonen zwischen Natur, Handel und Stadt, in denen Developments seine Wirkung entfaltet.

Außeninstallation mit korrodierten Metalltafeln im Naturraum der Kulturhauptstadt Europas Salzkammergut – Prozess- und Metallkunst von Erik Tannhäuser, Developments
Außeninstallation mit korrodierten Metalltafeln im Naturraum der Kulturhauptstadt Europas Salzkammergut – Prozess- und Metallkunst von Erik Tannhäuser, Developments – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Erik Tannhäuser mit Prozess- und Metallkunst in Paris

Nach dem Umzug nach Wien verschiebt sich die Serie vom Wasser an Land. Straßenränder, Verkehrsräume und urbane Schneisen werden zu neuen Ausstellungsorten. Überfahrene Tiere, zunächst ein Fuchs, werden gemeinsam mit Pflanzen aus ihrem Habitat auf Metall übertragen. Der Beifang wird zum Verkehrsopfer, der Prozess bleibt derselbe, doch der Kontext verändert seine Dringlichkeit. Metall fungiert hier als Speicher eines alltäglichen, oft verdrängten Geschehens.

2024 tritt Developments in einen expliziten Dialog mit historisch aufgeladenen Landschaften. Im Schlosspark Schönbrunn treffen Darstellungen angefahrener Tiere auf die Realität der Zootierhaltung. Parallel dazu werden Arbeiten im Naturschutzgebiet am Vorderen Gosausee im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas Salzkammergut gezeigt, dort, wo Schutz und Nutzung unmittelbar aufeinandertreffen. Die Werke entfalten ihre Bedeutung im Zusammenspiel mit ihrer Umgebung, nicht als Kommentar, sondern als stille Konfrontation.

Tannhäuser richtet sich weniger an ein klassisch kunstaffines Publikum als an Orte, die bestimmte Menschen anziehen und bestimmte Fragen entstehen lassen. Ausstellungsräume sind für ihn keine neutralen Hüllen, sondern lebendige Bedeutungsträger, in denen sich Geschichte, Nutzung und Wahrnehmung überlagern. Wie das Laub auf der Metallplatte, wie das Tier im Übergang zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden, werden diese Schichten nicht geordnet, sondern zugelassen. Developments macht sie erfahrbar, ohne sie zu hierarchisieren – als Teil eines Kreislaufs, in dem alles geht und wiederkehrt, in dem Werden und Vergehen einander bedingen.

Außeninstallation mit korrodierten Metalltafeln im Parc de la Villette, Paris – Metallkunst und ortsspezifische Prozesskunst von Erik Tannhäuser, Developments
Außeninstallation mit korrodierten Metalltafeln im Parc de la Villette, Paris – Metallkunst und ortsspezifische Prozesskunst von Erik Tannhäuser, Developments – Mit freundlicher Genehmigung von: findart / Erik Tannhäuser mit Prozess- und Metallkunst in Paris

Im September 2026 führt dieser Weg nach Parc de la Villette. Wo einst die großen Schlachthöfe der Stadt lagen, erstreckt sich heute ein offener Kulturraum, geprägt von Wandel und Erinnerung. Für Tannhäuser ist La Villette kein neutraler Ort, sondern ein Gelände der Übergänge, in dem Geschichte, Nutzung und Gegenwart ineinandergreifen. Hier verbindet Developments Material, Zeit und Raum zu einer stillen Erzählung über Verlust und Verantwortung. Veränderung erscheint nicht als Bruch, sondern als Bewegung zwischen Zuständen – wie das Laub, das fällt, wie das Tier, das verschwindet, wie ein Prozess, der weitergeht.

Tags: Metallkunst, Zeitgenössische Kunst, Erik Tannhäuser, Kunst im öffentlichen Raum, Natur, Metall

Die Ausstellung findet im Parc de la Villette, 211 Avenue Jean Jaurès, 75019 Paris, Frankreich, statt. Die Außeninstallation ist am 12. und 13. September 2026 täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr zugänglich.