Albrecht Dürer, Rhinocerus, 1515, © Otto Schäfer Stiftung der Stadt Schweinfurt, Foto: SKF-Fotokreis
Albrecht Dürer, Rhinocerus, 1515, © Otto Schäfer Stiftung der Stadt Schweinfurt, Foto: SKF-Fotokreis – Mit freundlicher Genehmigung von: mgs / Museum Georg Schäfer

Wann: 01.03.2026 - 07.06.2026

Albrecht Dürers berühmtes Rhinocerus entstand, ohne dass der Künstler je ein lebendes Tier gesehen hatte. Allein auf Grundlage schriftlicher Beschreibungen schuf er einen Holzschnitt, der weniger Naturabbild als geistige Konstruktion ist. Das Tier erscheint wie eine ehrfurchtgebietende Dame von barocker Würde, gehüllt in Panzerplatten, als trüge es ein schützendes Kleid gegen die Unvernunft der Menschheit.

Die scheinbar übertriebenen Rüstungen wirken nicht zufällig. Albrecht Dürer, Künstler einer Epoche des Umbruchs, legt den Schutz genau dort an, wo Verletzlichkeit beginnt. Gelenke, Leib, Flanken – jene Zonen, an denen Leben angreifbar ist, werden zu bewusst gepanzerten Stellen. Das Rhinozeros wird so zum Sinnbild einer Zeit, die sich gegen Chaos, Gewalt und Kontrollverlust wappnet. Nicht als Tier, sondern als Haltung.

Die Wirkung dieses Bildes erwies sich als außergewöhnlich dauerhaft. Über mehr als drei Jahrhunderte hinweg prägte das Rhinocerus die europäische Vorstellung vom Nashorn, ungeachtet seiner anatomischen Ungenauigkeiten. Die Bildformel erwies sich als so stabil, dass sie bis ins 20. Jahrhundert hinein weitergegeben wurde und sogar Eingang in Schulbücher fand – nicht als naturwissenschaftliche Wahrheit, sondern als kulturell verfestigte Vorstellung.

Dürer wählte den Holzschnitt bewusst als Medium, um Bilder in hoher Auflage und zu vergleichsweise geringen Kosten zu verbreiten. Was heute anmutet wie ein frühes „Flugblatt“, war um 1500 ein wirkungsvolles Instrument, Bildvorstellungen rasch und weitreichend in Umlauf zu bringen. Aus dieser bewussten Wahl des Mediums erklärt sich nicht nur die Verbreitung einzelner Werke, sondern der Kern von Dürers Erfolg.

Der Holzschnitt wird bei Dürer zum Träger von Dauer, Wiedererkennbarkeit und Autorität. Bildideen verlassen die Werkstatt, lösen sich vom Ort ihrer Entstehung und beginnen ein Eigenleben, das weit über den Künstler hinausreicht.

 

Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504, © Otto Schäfer Stiftung der Stadt Schweinfurt, Foto: SKF-Fotokreis
Lovis Corinth, Initiale I – Heiliger Georg, 1919, © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Foto: Matthias Langer
Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504, © Otto Schäfer Stiftung der Stadt Schweinfurt, Foto: SKF-Fotokreis • Lovis Corinth, Initiale I – Heiliger Georg, 1919, © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Foto: Matthias Langer – Mit freundlicher Genehmigung von: mgs / Museum Georg Schäfer

Aus dieser Haltung heraus öffnet sich der Blick auf die Ausstellung „DRUCKREIF! Albrecht Dürers Erfolgsgeschichten“. Sie versteht das druckgrafische Werk nicht als Abfolge einzelner Blätter, sondern als zusammenhängendes Denk- und Bildsystem. Kupferstich und Holzschnitt erscheinen hier als Mittel einer neuen Autorschaft, die auf Wiederholung, Ordnung und Dauer angelegt ist.

Möglich wird dieser Blick durch die außergewöhnliche Sammlung Otto Schäfer in Schweinfurt, die über nahezu das gesamte druckgrafische Œuvre Albrecht Dürers verfügt. Nach Werkgruppen geordnet, entfaltet sich eine Schau, die nicht auf Höhepunkte zielt, sondern auf Zusammenhänge. Linien, Motive, Bildformeln und Themen treten in Beziehung zueinander und machen sichtbar, wie bewusst Dürer sein Werk konzipierte.

Diese Neuinszenierung erlaubt es, den Künstler nicht nur als Meister einzelner Ikonen zu lesen, sondern als Gestalter eines geschlossenen Bildkosmos. Druckgrafik erscheint hier nicht als Nebenwerk zur Malerei, sondern als zentrales Medium einer Zeit, in der Bilder beginnen, unabhängig zu werden – vom Ort, vom Auftraggeber, vom Augenblick.

Gleichzeitig lenkt die Ausstellung den Blick auf das Fortwirken dieser Bilder. Dürers Erfolg endet nicht mit seinem Tod im Jahr 1528. Sein Werk bleibt präsent, wird studiert, kopiert, verehrt und neu gedeutet. Besonders im 19. Jahrhundert wird Albrecht Dürer zur Leitfigur erhoben, zum Ideal einer deutschen Kunstauffassung, an der sich Generationen messen.

Um diese Wirkung sichtbar zu machen, treten den Arbeiten Dürers Werke aus der Sammlung Georg Schäfer gegenüber. Romantiker wie Joseph von Führich und Julius Schnorr von Carolsfeld, ebenso wie Adolph von Menzel oder Lovis Corinth, bezeugen die anhaltende Auseinandersetzung mit dem Nürnberger Meister. Es ist kein Nachahmen, sondern ein Weiterdenken – ein Echo, das zeigt, wie sehr Dürers Bildwelt über Jahrhunderte hinweg Resonanz erzeugt.

So entfaltet sich die Ausstellung als vielschichtige Erzählung über Kunst, Medium und Wirkung. Nicht laut, nicht erklärend, sondern mit der Ruhe einer Betrachtung, die Zeit braucht und Zeit schenkt.

Heute jedoch scheint diese ehrfurchtgebietende Dame von barocker Würde ihren Panzer abgelegt zu haben. Ihre Verletzlichkeit tritt hervor – nicht als Schwäche, sondern als Spiegel einer Gegenwart, die Schutz neu verhandeln muss.

 

Weiterführend empfehlen wir unseren Beitrag zur Ausstellung „SEX WORK – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ in der Bundeskunsthalle Bonn.

Albrecht Dürer, Der heilige Antonius vor der Stadt, 1519, © Otto Schäfer Stiftung der Stadt Schweinfurt, Foto: SKF-Fotokreis
Albrecht Dürer, Der heilige Antonius vor der Stadt, 1519, © Otto Schäfer Stiftung der Stadt Schweinfurt, Foto: SKF-Fotokreis – Mit freundlicher Genehmigung von: mgs / Museum Georg Schäfer
Tags: Albrecht Dürer, Druckgrafik, Kupferstich, Holzschnitt, Renaissance, Romantik, Kunstgeschichte, Nashörner, Sammlung Georg Schäfer

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