Aus dieser Haltung heraus öffnet sich der Blick auf die Ausstellung „DRUCKREIF! Albrecht Dürers Erfolgsgeschichten“. Sie versteht das druckgrafische Werk nicht als Abfolge einzelner Blätter, sondern als zusammenhängendes Denk- und Bildsystem. Kupferstich und Holzschnitt erscheinen hier als Mittel einer neuen Autorschaft, die auf Wiederholung, Ordnung und Dauer angelegt ist.
Möglich wird dieser Blick durch die außergewöhnliche Sammlung Otto Schäfer in Schweinfurt, die über nahezu das gesamte druckgrafische Œuvre Albrecht Dürers verfügt. Nach Werkgruppen geordnet, entfaltet sich eine Schau, die nicht auf Höhepunkte zielt, sondern auf Zusammenhänge. Linien, Motive, Bildformeln und Themen treten in Beziehung zueinander und machen sichtbar, wie bewusst Dürer sein Werk konzipierte.
Diese Neuinszenierung erlaubt es, den Künstler nicht nur als Meister einzelner Ikonen zu lesen, sondern als Gestalter eines geschlossenen Bildkosmos. Druckgrafik erscheint hier nicht als Nebenwerk zur Malerei, sondern als zentrales Medium einer Zeit, in der Bilder beginnen, unabhängig zu werden – vom Ort, vom Auftraggeber, vom Augenblick.
Gleichzeitig lenkt die Ausstellung den Blick auf das Fortwirken dieser Bilder. Dürers Erfolg endet nicht mit seinem Tod im Jahr 1528. Sein Werk bleibt präsent, wird studiert, kopiert, verehrt und neu gedeutet. Besonders im 19. Jahrhundert wird Albrecht Dürer zur Leitfigur erhoben, zum Ideal einer deutschen Kunstauffassung, an der sich Generationen messen.
Um diese Wirkung sichtbar zu machen, treten den Arbeiten Dürers Werke aus der Sammlung Georg Schäfer gegenüber. Romantiker wie Joseph von Führich und Julius Schnorr von Carolsfeld, ebenso wie Adolph von Menzel oder Lovis Corinth, bezeugen die anhaltende Auseinandersetzung mit dem Nürnberger Meister. Es ist kein Nachahmen, sondern ein Weiterdenken – ein Echo, das zeigt, wie sehr Dürers Bildwelt über Jahrhunderte hinweg Resonanz erzeugt.
So entfaltet sich die Ausstellung als vielschichtige Erzählung über Kunst, Medium und Wirkung. Nicht laut, nicht erklärend, sondern mit der Ruhe einer Betrachtung, die Zeit braucht und Zeit schenkt.
Heute jedoch scheint diese ehrfurchtgebietende Dame von barocker Würde ihren Panzer abgelegt zu haben. Ihre Verletzlichkeit tritt hervor – nicht als Schwäche, sondern als Spiegel einer Gegenwart, die Schutz neu verhandeln muss.
Weiterführend empfehlen wir unseren Beitrag zur Ausstellung „SEX WORK – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ in der Bundeskunsthalle Bonn.