Erwin Wurm, Ausstellung „Tomorrow: Yes“, Skulptureninstallation mit monumentaler Figur aus Kleidung und gebogenem Segelboot „Star“ in der Galerie Thaddaeus Ropac Paris Pantin, 2026
Erwin Wurm, Ausstellung „Tomorrow: Yes“, Skulptureninstallation mit monumentaler Figur aus Kleidung und gebogenem Segelboot „Star“ in der Galerie Thaddaeus Ropac Paris Pantin, 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Galerie Thaddaeus Ropac Marais

Wann: 17.01.2026 - 11.04.2026

Erwin Wurm verwandelt in Tomorrow: Yes eine Schule in ein Denkmodell und ein Segelboot in eine absurde Lebensmaschine – eine Ausstellung, die Skulptur nicht zeigt, sondern Denken materialisiert.

Vom 17. Januar bis 11. April 2026 bespielt der österreichische Künstler erstmals die gesamte Weite von Thaddaeus Ropac Paris Pantin. Tomorrow: Yes ist keine klassische Retrospektive, sondern eine dichte Setzung neuer und jüngster Arbeiten, in denen sich Wurms radikale Erweiterung des Skulpturenbegriffs mit einem leisen, aber eindringlichen Kommentar zur Gegenwart der Skulptur verbindet.

Zentrum der Ausstellung sind zwei monumentale Installationen: eine brutal verdichtete Schule und ein sechs Meter hohes, gebogenes Segelboot. Sie wirken wie physisch gewordene Denkmodelle. Die begehbare Skulptur School (2024) verzerrt die Silhouette eines Schulhauses aus Wurms Heimatregion. Im Inneren erzeugen niedrige Decken, komprimierte Stühle und historische Lehrplakate eine Atmosphäre der Enge. Wissen erscheint hier nicht als Befreiung, sondern als Masse. „School is about the sculptural mass of knowledge, and how it changes over the decades“, erklärt Wurm. „My intention is to suggest that if we cannot recognise our current distortions, perhaps we will see them clearly in 50 or 100 years’ time.“ Die eigens für Paris entwickelte Version folgt früheren Ausführungen in Wien, Bad Ischl und Japan.

Mit Star (2025) antwortet Wurm auf ganz andere Weise auf die Logik der Gegenwart. Das voll funktionsfähige Segelboot ist in der Mitte gekrümmt, gebaut zum „um die Kurven fahren“. Es ist eine absurde, poetische Maschine für ziellose Bewegungen, inspiriert von den Seen des Salzkammerguts. Max Hollein, Direktor des Metropolitan Museum of Art, bringt diese Dimension von Wurms Werk auf den Punkt: Er habe „succeeded in conveying to a large audience, in a hugely suggestive way, the tragedy of its own social condition.“ In Tomorrow: Yes werden Ideologien und Lebenshaltungen als formbare, verbiegbare Konstrukte sichtbar.

Diese Idee durchzieht die gesamte Ausstellung. In den Blurred Memories verwandelt Wurm persönliche Schul- und Lebenserinnerungen in anthropomorphe Skulpturen. Die Mind Bubbles (ab 2024) setzen Gedankenblasen auf dünne, comicartige Beine und oszillieren zwischen Abstraktion und Figur. Schwere, organische Volumina lasten auf fragilen Stützen und stellen das Verhältnis von Körper und Geist neu zur Disposition. „Everything is perception“, sagt Wurm – und macht Wahrnehmung selbst zur plastischen Substanz.

Immer wieder begegnet man Skulpturen, die, wie Wurm formuliert, „about human beings, but without human beings“ sind. Die Box People (2009–heute), kopflose Körper in Anzügen, reflektieren das Verhältnis des Individuums zu sozialen, politischen und ökologischen Bedingungen. Kleidung, ein zentrales Motiv seit den frühen Jahren, kehrt in der Serie Substitutes (ab 2022) in neuer Dringlichkeit zurück. Leere, verlassene Kleidungsstücke werden zu Hüllen, aus Aluminium, Bronze oder Marmor gegossen. „As a sculptor, I’m interested in this idea of skin as a boundary“, erklärt Wurm. „Clothes are our second skin, a shell that separates our bodies from the outside world.“

Gerade der Kontrast zwischen robustem Material und der Fragilität der Formen verleiht diesen Arbeiten ihre Spannung. Shadow (2024) spielt mit einer grünlichen Patina, die an antike Bronze erinnert. Der über drei Meter hohe Balzac (2023) reagiert direkt auf Auguste Rodins Monument für Honoré de Balzac. Aus einem Berg drapierter Kleidung emerge eine Idee von Person, nicht das Porträt eines Menschen. Wurm greift dabei den Mythos auf, Rodin habe Balzacs Morgenrock in Gips getränkt. Die in Paris gezeigte Skulptur folgt der ersten Fassung, die im Yorkshire Sculpture Park präsentiert wurde.

Wurms Beschäftigung mit Haut, Hülle und Architektur kulminiert erneut in der School, die er als „negative cast“ beschreibt: als Negativabdruck eines Bildungssystems und der Geister, die es formt. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann fasst diese Haltung präzise: „The absurdities of the aesthetic point to the reality of absurdities. It is not the work that is paradoxical, but the reality that it consistently takes at its word.“

Abgerundet wird Tomorrow: Yes durch eine Auswahl der legendären One Minute Sculptures. Seit 1996 laden sie Besucher ein, mit Alltagsobjekten temporäre Skulpturen zu aktivieren. Hüte, Flaschen oder ein Pullover von Issey Miyake – zuletzt auf dem Laufsteg der Herbst/Winter-Kollektion 2025–26 im Carrousel du Louvre gezeigt – machen den Betrachter selbst zum Material. In der Tradition von Joseph Beuys’ Sozialer Skulptur wird Kunst hier zur Handlung, zur kurzen, intensiven Erfahrung.

Tomorrow: Yes ist damit keine Ausstellung über Formen allein. Sie ist eine Einladung, Gewissheiten zu beugen, Denkgewohnheiten zu hinterfragen und die eigene Gegenwart als etwas Formbares zu begreifen – heute, morgen, ja.

Tags: Erwin Wurm, Zeitgenössische Kunst, Skulpturen, Gegenwartskunst, Konzeptkunst

Paris Marais
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FR-75003 Paris

Dienstag—Samstag, 10:00—19:00 Uhr