Mit dem Ziel, diese Traditionen zeitgenössisch zu dokumentieren, wurden Thomas Brasey, Olga Cafiero, Sarah Carp,… Weiterlesen
Ernst Ludwig Kirchner und Pablo Picasso – im Kirchner Museum Davos begegnen sich 2026 zwei Giganten der Moderne, wenn Expressionismus und Kubismus in einen direkten, elektrisierenden Dialog treten.
Vom 15. Februar bis 3. Mai 2026 zeigt das Kirchner Museum Davos mit „Kirchner. Picasso“ erstmals eine umfassende Gegenüberstellung zweier Künstler, die die Kunst des 20. Jahrhunderts grundlegend geprägt haben. Rund 100 Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Druckgrafiken aus bedeutenden internationalen Museen und Privatsammlungen eröffnen einen neuen Blick auf Ernst Ludwig Kirchner und Pablo Picasso.
Im Zentrum steht kein Wettbewerb, sondern ein Spannungsfeld – zwischen dem Expressionismus Kirchners und dem Kubismus Picassos, zwischen emotionaler Verdichtung und analytischer Konstruktion, zwischen vibrierender Farbe und zerlegter Form.
Ausgangspunkt ist ein überlieferter Wunsch Kirchners aus dem Jahr 1933: «... dass ich eine internationale Ausstellung erwarte, wo Picasso und ich nebeneinander hängen sollen.» Fast ein Jahrhundert später wird dieser Gedanke Realität. Zwei nahezu gleichaltrige Künstler, die sich nie persönlich begegneten, stehen sich nun auf Augenhöhe gegenüber.
Ein Blick auf zwei Schlüsselwerke macht diese Spannung unmittelbar erfahrbar. Ernst Ludwig Kirchners „Zwei Frauen auf der Straße“ von 1914 vibriert vor innerer Unruhe. Die Figuren sind kantig verzerrt, die Farben scharf gesetzt, Grün, Orange und Schwarz stoßen aufeinander wie elektrische Impulse. Die Großstadt erscheint als nervöses Geflecht aus Linien und Blickachsen. Hier wird nicht analysiert – hier wird empfunden. Das ist Expressionismus, eine Malerei existenzieller Intensität.
Daneben Pablo Picassos „Frau in Grün (Femme en vert)“ von 1909. Die Figur ist gebaut, facettiert, in geometrische Flächen zerlegt. Raum und Körper verschränken sich in konstruktiver Strenge. Nichts ist zufällig, alles ist strukturiert. Das ist Kubismus, eine radikale Erforschung der Wahrnehmung. Picasso zerlegt die sichtbare Welt, um sie in neuer Ordnung wieder zusammenzufügen.
Und doch reagieren beide auf dieselbe Epoche. Industrialisierung, Urbanisierung, politische Spannungen und ein verändertes Menschenbild verlangen nach neuen künstlerischen Antworten. Während der Kubismus Strukturen analysiert und Formsysteme entwickelt, steigert der Expressionismus die subjektive Erfahrung und emotionale Wahrnehmung. Zwei Wege in die Moderne, zwei Temperamente – und gerade darin eine überraschende Nähe.
Die Ausstellung folgt dieser Gleichzeitigkeit von Nähe und Differenz über vier Jahrzehnte hinweg. Vom Fin de Siècle über das Großstadtfieber der Vorkriegsjahre, die Neuorientierung der Goldenen Zwanziger bis zur bedrohten Moderne der 1930er-Jahre entfaltet sich ein Panorama historischer Umbrüche. Werke aus internationalen Sammlungen treten in präzise gesetzte Gegenüberstellungen und eröffnen neue Lesarten jenseits kunsthistorischer Hierarchien.
Kirchner selbst schrieb: «Es muss doch ein Kind sehen, dass Picasso ganz anders und aus ganz anderer Einstellung schafft.» Und zugleich notierte er: «Der eigenartigste und Beste ist sicherlich Picasso.» Bewunderung und Abgrenzung, Nähe und Distanz – diese Ambivalenz bildet einen zentralen Spannungsbogen der Ausstellung.
Auch die Kuratorin Katharina Beisiegel unterstreicht die besondere Konstellation: «Kirchner und Picasso haben sich nie persönlich getroffen – mit ihren Werken haben sie die Moderne aber wie kaum zwei andere Künstler geprägt. Die Ausstellung zeigt ihre Gegensätze ebenso wie eine überraschende Nähe und Kirchners bewusste Auseinandersetzung mit Picassos Werk.»
Mit hochkarätigen Leihgaben und einer präzisen Inszenierung im historischen Kontext eröffnet „Kirchner. Picasso“ im Kirchner Museum Davos einen neuen Zugang zur Kunstgeschichte. Nicht als vereinfachender Stilvergleich, nicht als Einflussnarrativ, sondern als lebendiger Dialog zweier radikal eigenständiger Positionen.
„Kirchner. Picasso“ ist damit mehr als eine Ausstellung – sie ist eine Begegnung, in der die Moderne nicht erklärt, sondern sichtbar gemacht wird.
Und während wir heute vor diesen Bildern stehen, scheint in der Ferne noch immer jene künstlerische Avantgarde auf, die den Mut hatte, die Welt neu zu sehen – und sie radikal neu zu malen.
Di - So: 11 bis 18 UhrMontag geschlossen
Mit dem Ziel, diese Traditionen zeitgenössisch zu dokumentieren, wurden Thomas Brasey, Olga Cafiero, Sarah Carp,… Weiterlesen
Seit der Gründung der Stiftung für konstruktive, konkrete und konzeptuelle Kunst im Jahr 1986 wurde… Weiterlesen
Copyright © 2026 findART.cc - All rights reserved