Louise Stomps bei der Arbeit ihrer letzten Skulptur »Der Aussteiger«, Rechtmehring 1987,  Foto: Amrei-Marie, (ed.), Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Louise Stomps bei der Arbeit ihrer letzten Skulptur »Der Aussteiger«, Rechtmehring 1987, Foto: Amrei-Marie, (ed.), Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 – Mit freundlicher Genehmigung von: Käthe Kollwitz Museum Köln / Käthe Kollwitz Museum Köln

Wann: 27.03.2026 - 28.06.2026

Louise Stomps – ein Name, der mit stiller Wucht in die Geschichte der Moderne einschlägt – kehrt mit der Ausstellung „Konturen des Inneren“ vom 27. März bis 28. Juni 2026 im Käthe Kollwitz Museum Köln in das Licht der großen Öffentlichkeit zurück.

Man begleitet Louise Stomps bei der Entstehung einer Skulptur. Vor ihr ein Stück Holz – für andere ein Stamm, für sie bereits eine Ahnung von Gestalt. In den Ästen erkennt sie erste Linien, in der Maserung eine Bewegung, im Wuchs eine innere Spannung. Sie geht um das Holz herum, betrachtet es von allen Seiten, sucht die Figur, die im Material verborgen liegt.

Mit jedem Schnitt vertieft sich der Dialog. Was zunächst nur Andeutung war, wird zu Form. Aus dem Baum wächst ein Körper. Aus dem Körper ein Gesicht. Millimeter für Millimeter arbeitet sie sich vor – konzentriert, still, unbeirrbar. Sie gibt dem Holz menschliche Züge, und diese Züge tragen Spuren des eigenen Lebens: Erfahrung, Verlust, Hoffnung, Widerstand.

Ihr letztes Werk zeigt diese Konzentration in radikaler Reinheit. Jede Kerbe ist Entscheidung. Jede Fläche ist Haltung. Es ist kein Kampf gegen das Material – es ist ein Gespräch mit ihm.

Und am Ende steht eine Figur, die bleibt.
Für die Ewigkeit geschaffen.
Nicht laut. Aber unerschütterlich.

Louise Stomps, Sklave, 1965, Ahorn, H: 600 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, Foto: Friedhelm Hoffmann, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Louise Stomps, Sklave, 1965, Ahorn, H: 600 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, Foto: Friedhelm Hoffmann, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: Käthe Kollwitz Museum Köln / Käthe Kollwitz Museum Köln

Die Bildhauerin Louise Stomps (1900–1988) führte ein kompromisslos eigenständiges Leben als Künstlerin. Ihr Werk kreist um existenzielle Erfahrungen wie Liebe, Trauer, Hoffnung und Verlust. Ausgehend von der klassischen Moderne entwickelte sie eine Formensprache, die sich behutsam von der Figur löste – der Mensch blieb aber auch in ihren zunehmend abstrakten Arbeiten stets zentraler Bezugspunkt.

Das Kollwitz Museum Köln widmet dieser herausragenden und zu Unrecht lange Zeit nur selten ausgestellten Künstlerin eine umfassende Retrospektive mit rund 45 Skulpturen und 30 Papierarbeiten aus ihrem Nachlass sowie aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Holz, Stein, Gips, Tusche und Kugelschreiber treten in einen konzentrierten Dialog über Jahrzehnte hinweg – ein Werk, das sich nicht dem Zeitgeist beugte, sondern ihm widerstand.

„Es sind Linie, Form, Ausdruck — gefangen im menschlichen Urbild —, mit denen ich zu bilden suche, was ich zu sagen habe!«
Louise Stomps, 1947

Elsa Thiemann (1910–1981), Louise Stomps im Atelier bei der Arbeit am »Sitzenden«, Berlin 1946/47, Repro-Abzug, Berlinische Galerie © Margot Schmidt, Hamburg
Louise Stomps, Sitzende, 1928, grüner Sandstein, H: 270 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, Courtesy Das Verborgene Museum, Foto: Enric Duch, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Elsa Thiemann (1910–1981), Louise Stomps im Atelier bei der Arbeit am »Sitzenden«, Berlin 1946/47, Repro-Abzug, Berlinische Galerie © Margot Schmidt, Hamburg • Louise Stomps, Sitzende, 1928, grüner Sandstein, H: 270 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, Courtesy Das Verborgene Museum, Foto: Enric Duch, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: Käthe Kollwitz Museum Köln / Käthe Kollwitz Museum Köln

Bereits während ihrer Ausbildung in Berlin in der Weimarer Republik zeigte sich, dass Stomps weniger das naturgetreue Abbild interessierte als die innere Bewegung. Ihre frühen Skulpturen in Holz, Gips und Stein verdichten Spannung zu einer reduzierten, klaren Form. Parallel entstehen grafische Arbeiten, in denen Linie und Fläche als autonome Ausdrucksmittel erforscht werden. Figur und Ausdruck verschmelzen zu einem stillen Drama der Verdichtung.

Aus politischer Überzeugung zieht sich Stomps während der NS-Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. Nachdem 1936 Werke von Kollwitz und Barlach aus Ausstellungen entfernt werden, sieht auch sie sich und ihre Kunst nicht länger als Teil des Kulturbetriebs und stellt nicht mehr aus. 1943 zerstören Bombenangriffe Wohnung, Atelier und den Großteil ihres bisherigen Œuvres. Verlust wird biografische Realität – und später künstlerische Essenz.

Nach 1945 findet sie eine neue Sprache für Kriegserfahrung, Trauer und Neubeginn. Ihre Figuren wirken archaisch und zugleich zeitlos, verletzlich und standhaft. Der Berliner Kunstbetrieb beginnt erneut, ihr Werk wahrzunehmen; Ausstellungen und Auszeichnungen folgen.

„Die Hauptsache ist nicht die äußere Gestalt, sondern das Innere,
das Seelische.«
Louise Stomps, 1987

1960 erwirbt Stomps eine alte Wassermühle in Oberbayern. Dort entstehen überlebensgroße Holzskulpturen, in denen sie dem Material selbst folgt: Wuchs, Maserung und Astlöcher werden zu Impulsgebern der Form. Ihre Arbeiten gewinnen an organischer Freiheit, ohne den Bezug zum Menschen zu verlieren. Auch in ihren Tusche- und Kugelschreiberzeichnungen zeigt sich diese Konzentration auf das Wesentliche – eine Suche nach dem inneren Kern.

Louise Stomps, Hockender, 1946, Holzschnitt, 246 x 221 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Louise Stomps, Ohne Titel, 1948, Tusche und Aquarell, 405 x 430 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Louise Stomps, Ohne Titel, 1951, Tusche, Aquarell, Deckweiß, 370 x 500 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Louise Stomps, Hockender, 1946, Holzschnitt, 246 x 221 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 • Louise Stomps, Ohne Titel, 1948, Tusche und Aquarell, 405 x 430 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 • Louise Stomps, Ohne Titel, 1951, Tusche, Aquarell, Deckweiß, 370 x 500 mm, Nachlass Louise Stomps © Nachlass Louise Stomps, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: Käthe Kollwitz Museum Köln / Käthe Kollwitz Museum Köln

Unabhängig bleibt sie auch im Leben. Mit dem Motorrad durchquert sie bis ins hohe Alter das bayerische Land bis nach Italien. Diese Freiheit prägt ihr Spätwerk: Formen lösen sich weiter, werden elementar, beinahe mythisch, und tragen doch stets das Echo menschlicher Erfahrung in sich.

Nach der ersten Retrospektive des Vereins DAS VERBORGENE MUSEUM in der Berlinischen Galerie 2021 macht das Käthe Kollwitz Museum Köln diese bedeutende Bildhauerin des 20. Jahrhunderts erneut sichtbar. Gezeigt werden teils großformatige Arbeiten aus Stein und Holz, Zeichnungen und Druckgrafiken sowie eine eigens produzierte filmische Dokumentation.

„Konturen des Inneren“ ist mehr als eine Ausstellung. Sie ist eine Wiederentdeckung. Eine Einladung, der stillen Kraft einer Künstlerin zu begegnen, die das Äußere reduzierte, um das Innere sichtbar zu machen – kompromisslos, zeitlos und von berührender Intensität.

 

Louise Stomps war rastlos. Vielleicht begegnet sie uns noch heute – in Gedanken –, wenn sie mit ihrem Motorrad durch die Wälder streift, auf der Suche nach jenem Stück Holz, das dem Menschen unserer Gegenwart am ähnlichsten ist.

Stefan Moses (1928–2018), Louise Stomps, Bildhauerin, Rechtmehring 1982, aus der Serie »Die Großen Alten«, Courtesy Johanna Breede Photokunst Berlin © Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv Stefan Moses
Stefan Moses (1928–2018), Louise Stomps, Bildhauerin, Rechtmehring 1982, aus der Serie »Die Großen Alten«, Courtesy Johanna Breede Photokunst Berlin © Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv Stefan Moses – Mit freundlicher Genehmigung von: Käthe Kollwitz Museum Köln / Käthe Kollwitz Museum Köln
Tags: Louise Stomps, Retrospektive, Bildhauerei, Holzskulptur

Das Käthe Kollwitz Museum Köln ist von Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen jeweils von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Am ersten Donnerstag im Monat gelten verlängerte Öffnungszeiten von 11 bis 20 Uhr. Montags bleibt das Museum geschlossen.