Félicien Rops, Pornocratès (La Dame au cochon), 1896 – Nackte, mit Hut und Handschuhen bekleidete Frau, von einem Schwein geführt, schwebende Putti über ihr, allegorische Darstellung von Macht, Moral und Dekadenz, Farbaquatinta.
Félicien Rops – Pornocratès (La Dame au cochon), 1896 | Laboratorium der Lüste Kunsthaus Zürich – Mit freundlicher Genehmigung von: kunsthausch / Kunsthaus Zürich

Wann: 06.03.2026 - 31.05.2026

Die Ausstellung „Félicien Rops – Laboratorium der Lüste“ im Kunsthaus Zürich (6. März – 31. Mai 2026) widmet sich einem der radikalsten Bildanalytiker des Fin de Siècle. Rops’ Werke sind keine bloßen Provokationen, sondern präzise Gesellschaftsstudien: Sie untersuchen Begehren, Macht, Moral und Kapital als ineinandergreifende Systeme. Erotik erscheint bei ihm nicht sentimental, sondern als Seismograf sozialer Strukturen – als Spiegel der Gesellschaft.

Félicien Rops, Pornocratès (1896) – nackte Frau mit Augenbinde führt ein Schwein, Allegorie von Lust, Macht und Kapital.
Félicien Rops, Pornocratès (1896) – nackte Frau mit Augenbinde führt ein Schwein, Allegorie von Lust, Macht und Kapital. – Mit freundlicher Genehmigung von: kunsthausch / Kunsthaus Zürich
Vor einem hellen, fast ätherischen Himmel schreitet eine nackte Frau selbstbewusst von links nach rechts. Ihr Körper ist vollständig entblößt, doch sie trägt die Accessoires der mondänen Gesellschaft: einen schwarzen Hut mit Federschmuck, lange Handschuhe, hohe Strümpfe mit blauen Schleifen, zierliche Schuhe. Ein transparentes Tuch weht hinter ihr her – ein Hauch von Bühne, von Auftritt, von Inszenierung.

Ihre Augen sind mit einem feinen Band verbunden. Sie sieht nicht – oder will nicht sehen. Trotz der Blindheit wirkt ihr Schritt sicher, beinahe stolz. Das Kinn ist leicht erhoben, die Haltung aufrecht. Sie präsentiert sich nicht schamhaft, sondern souverän.

An einer dünnen goldenen Leine führt sie ein Schwein, das ruhig voranschreitet. Das Tier wirkt schwer, erdgebunden, beinahe träge – ein Kontrast zu ihrer idealisierten Erscheinung. In der Bildtradition steht das Schwein für Geld, Gier, Trieb oder moralische Verderbnis. Doch hier bleibt offen, wer wen führt. Genau in dieser Ambivalenz liegt die eigentliche Schärfe von Pornocratès (1896).

Über der Szene schweben Putti, beinahe heiter, fast dekorativ. Unterhalb sitzen allegorische Figuren der Künste – Skulptur, Musik, Poesie, Malerei – zusammengesunken und nachdenklich. Unter der Prozession der Lust scheinen selbst die Künste zu verstummen. Der Schriftzug „PORNOKRATÈS“ – Herrschaft der Lust – benennt das Programm.

Dieses Bild ist keine bloße Provokation. Es ist Analyse. Es zeigt ein System: Begehren, Macht, Kapital und Repräsentation greifen ineinander. Schönheit wird zur Bühne, Moral zur Maske. Rops hält seiner Epoche einen Spiegel vor – und in diesem Spiegel erkennt man nicht nur das Fin de Siècle.

**SEO-Alt-Text:**  Félicien Rops, *Le Sphinx* (um 1882) – weibliche Sphinx auf Sockel, nackte Frau an sie geschmiegt, dahinter dämonische geflügelte Figur, symbolistische Allegorie von Erotik, Macht und Bedrohung.
Félicien Rops, Le Bouge à matelots (1875) – Szene in Matrosenkneipe mit halbnackter Frau im Vordergrund, Matrosen und Trinkende im Hintergrund, Darstellung von Erotik, Milieu und sozialer Realität im 19. Jahrhundert.
**SEO-Alt-Text:** Félicien Rops, *Le Sphinx* (um 1882) – weibliche Sphinx auf Sockel, nackte Frau an sie geschmiegt, dahinter dämonische geflügelte Figur, symbolistische Allegorie von Erotik, Macht und Bedrohung. • Félicien Rops, Le Bouge à matelots (1875) – Szene in Matrosenkneipe mit halbnackter Frau im Vordergrund, Matrosen und Trinkende im Hintergrund, Darstellung von Erotik, Milieu und sozialer Realität im 19. Jahrhundert. – Mit freundlicher Genehmigung von: kunsthausch / Kunsthaus Zürich

Auch in Le Sphinx (um 1882) wird Gesellschaft zur Projektionsfläche. Eine weibliche Sphinx liegt monumental auf einem Sockel, über ihr schmiegt sich eine nackte Frau, während hinter ihnen eine dämonische Gestalt lauert. Mythos, Erotik und Bedrohung verschmelzen. Weiblichkeit erscheint hier als Rätsel, als Macht und als Angstbild zugleich. Rops zeigt, wie sehr das Begehren seiner Zeit von Faszination und Furcht zugleich bestimmt war – ein Spiegel männlicher Fantasien und kultureller Unsicherheiten.

In Le Bouge à matelots (1875) verlagert sich der Blick ins Milieu. Ein enger Raum, Matrosen, Alkohol, erschöpfte Körper. Eine junge Frau sitzt im Vordergrund, ihr Kleid halb geöffnet, ihr Blick abgewandt. Hier wird Lust zur Ware, Körper zur sozialen Realität. Keine mythologische Überhöhung, sondern nüchterne Beobachtung. Rops dokumentiert das Zusammenspiel von Sexualität, Ökonomie und Klassenverhältnissen – ein schonungsloser Blick auf die Mechanik des Begehrens.

Félicien Rops, La Révolution sociale (1878) – nackte Frau mit Schwert vor politischen Fahnen, allegorische Darstellung von Revolution, Macht und gesellschaftlichem Umbruch im 19. Jahrhundert.
Félicien Rops, L’Heure du Sabbat (1874) – maskierte, halbnackte Frau mit Besen in dunklem Interieur, Uhr im Hintergrund, symbolistische Darstellung von Erotik, Ritual und bürgerlicher Doppelmoral.
Félicien Rops, La Révolution sociale (1878) – nackte Frau mit Schwert vor politischen Fahnen, allegorische Darstellung von Revolution, Macht und gesellschaftlichem Umbruch im 19. Jahrhundert. • Félicien Rops, L’Heure du Sabbat (1874) – maskierte, halbnackte Frau mit Besen in dunklem Interieur, Uhr im Hintergrund, symbolistische Darstellung von Erotik, Ritual und bürgerlicher Doppelmoral. – Mit freundlicher Genehmigung von: kunsthausch / Kunsthaus Zürich

Mit La Révolution sociale (1878) wird der Körper politisch. Eine nackte Frau steht mit erhobenem Schwert zwischen Fahnen und Parolen. Sie verkörpert Aufbruch und Provokation zugleich. Doch Rops unterläuft jedes heroische Pathos: Die Nacktheit macht aus der Allegorie zugleich eine Figur der Betrachtung. Revolution erscheint nicht nur als Ideologie, sondern als Inszenierung – auch sie Teil der gesellschaftlichen Bühne.

Und in L’Heure du Sabbat (1874) verdichtet sich das Spiel mit Moral und Maskerade. Eine maskierte Frau, späte Stunde, dunkles Interieur. Erotik wird zum Ritual, zur Nachtseite der bürgerlichen Ordnung. Der „Sabbat“ ist weniger Hexensabbat als Chiffre für das Verborgene, das Unterdrückte, das doch unaufhörlich zurückkehrt. Rops zeigt, wie dünn die Schicht der Moral ist – und wie stark die Lust darunter pulsiert.

Rops’ dämonisch-erotische Bildwelt gehört zu den kompromisslosesten Positionen des Fin de Siècle. Mit zeichnerischer Präzision, beißender Ironie und kalkulierter Provokation entlarvte er die Doppelmoral des Bürgertums. Seine Arbeiten operieren im Spannungsfeld von Begehren, Religion, Macht und gesellschaftlicher Repression. Frauenfiguren erscheinen als Heilige und Huren, als Allegorien politischer Umbrüche oder als Projektionsflächen männlicher Fantasien – stets zwischen Eros und Abgrund.

Als gefeierter Buchillustrator arbeitete Rops mit literarischen Grenzgängern wie Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé zusammen. Parallel dazu entwickelte er ein privates Œuvre, das bewusst jenseits öffentlicher Konventionen entstand – ein künstlerisches Experimentierfeld, das er selbst als geistiges Labor verstand.

Die Ausstellung im Kunsthaus Zürich vereint rund 70 Arbeiten aus internationalen Sammlungen, darunter bedeutende Leihgaben der Königlichen Bibliothek Belgiens (KBR) sowie Werke aus dem Musée Félicien Rops, dem Musée Marmottan Monet und dem Musée d’Orsay. Kuratiert wird die Schau von Jonas Beyer und Daan van Heesch.

„Ich habe nur eine Qualität: ein vom Publikum verachtetes Ideal, und manche meiner Blätter sind nichts sonst als der Versuch, meinen Hintern auf das Gesichtsniveau des Publikums zu bringen.“

Ein Satz, der bis heute nichts von seiner Schärfe verloren hat.

„Laboratorium der Lüste“ zeigt einen Künstler, der Moral nicht predigt, sondern seziert. Seine Bilder sind Spiegel – nicht nur ihrer Zeit, sondern der Mechanismen, die Gesellschaft formen: Begehren, Macht, Geld, Ideologie. Wer hineinsieht, erkennt mehr als Dekadenz. Er erkennt Struktur.

Und vielleicht ist genau das die bleibende Provokation Félicien Rops’:
Dass der Spiegel nichts beschönigt.

 

SEX WORK – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit | Bundeskunsthalle Bonn 2026
beleuchtet Erotik als gesellschaftlichen Spiegel – von historischen Zuschreibungen bis zur Gegenwart.

Tags: Erotik, Gesellschaft, Spiegel der Gesellschaft, Allegorie, Zeichnungen, 19. Jahrhundert, Félicien Rops, Symbolismus

Di, Fr–So 10–18 UhrMi, Do 10–20 Uhr Mo geschlossen