Maria Lassnig, „Ehepaar“, 2001, Öl auf Leinwand, 100 x 125 cm – zwei einander zugewandte Köpfe in intensiver, expressiver Farbigkeit, Sammlung Lenbachhaus Münc
Maria Lassnig „Ehepaar“ (2001), Öl auf Leinwand – Hamburger Kunsthalle © Maria Lassnig Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn 2025 – Mit freundlicher Genehmigung von: HamburgerKunsthalle / Hamburger Kunsthalle

Wann: 27.03.2026 - 30.08.2026

Am Anfang dieser Ausstellung steht kein Schrei, sondern eine leise Annäherung. Zwei Köpfe berühren sich, Stirn an Stirn, in Maria Lassnigs „Ehepaar“. Keine Pose, kein Pathos, kein dramatisches Aufbäumen – sondern eine konzentrierte, fragile Nähe. Diese Geste ist mehr als Intimität. Sie ist Haltung.

Und genau hier beginnt der Dialog mit Edvard Munch.

Beide Künstler arbeiten nicht am Äußeren, sondern am inneren Zustand. Ihre Malerei ist kein Abbild der Welt, sondern eine Sichtbarmachung seelischer Spannungen – Angst, Einsamkeit, Verletzlichkeit, Scham, Ekstase. Farbe wird zum Seismographen. Der Körper wird zur Projektionsfläche innerer Erschütterung.

Edvard Munch, „Geschrei / Der Schrei“, 1895, Kreide- und Pinsellithografie auf Karton – ikonische Figur mit aufgerissenem Mund auf Brücke vor expressiv geschwungenem Himmel, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett © Hamburger Kunsthalle / bpk, Foto: Christoph Irrgang
Maria Lassnig, „Ohne Titel (Schreiende)“, 1981, Bleistift und Aquarell auf Papier, 62,7 × 43,8 cm – expressiv verfremdete, schreiende Figur mit starkem emotionalem Ausdruck © Maria Lassnig Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Roland Krauss
Edvard Munch, „Geschrei / Der Schrei“, 1895, Kreide- und Pinsellithografie auf Karton – ikonische Figur mit aufgerissenem Mund auf Brücke vor expressiv geschwungenem Himmel, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett © Hamburger Kunsthalle / bpk, Foto: Christoph Irrgang • Maria Lassnig, „Ohne Titel (Schreiende)“, 1981, Bleistift und Aquarell auf Papier, 62,7 × 43,8 cm – expressiv verfremdete, schreiende Figur mit starkem emotionalem Ausdruck © Maria Lassnig Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Roland Krauss – Mit freundlicher Genehmigung von: HamburgerKunsthalle / Hamburger Kunsthalle

Nach der stillen Annäherung kommt die Erschütterung.

Während Lassnigs „Ehepaar“ die Nähe tastet, öffnet sich bei Munch der Abgrund. In der Lithografie des „Schrei“ ist der Körper kein Körper mehr, sondern ein Nerv. Die Linien zittern, der Horizont wankt, die Landschaft gerät in Schwingung. Der Schrei ist kein Laut – er ist Zustand. Er durchzieht Himmel, Wasser, Brücke. Die Figur hält sich nicht die Ohren zu, sie hält sich selbst zusammen.

Und doch antwortet Lassnig.

In ihrer „Schreienden“ von 1981 ist das Entsetzen nicht kosmisch, sondern körperlich. Der Schrei sitzt im Fleisch. Er verzieht das Gesicht, verschiebt Proportionen, löst die Figur aus anatomischer Gewissheit. Wo Munch die Welt in Vibration versetzt, zieht Lassnig die Erschütterung nach innen. Ihr Körper ist kein Symbol – er ist Empfindungsraum.

Maria Lassnig, „3 Arten zu sein“, 2004, Öl auf Leinwand, 126 × 205 cm – drei unterschiedlich verfremdete, expressiv kolorierte Körperfiguren vor leuchtend gelbem Hintergrund, Darstellung innerer Zustände und Körperbewusstsein © Maria Lassnig Stiftung, VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Edvard Munch, „Drei Männer“, 1927–1930, Öl auf Leinwand, 58 × 60,5 cm – expressiv verfremdete Männerporträts in intensiver, kontrastreicher Farbigkeit mit psychologischer Verdichtung © Munchmuseet, Oslo, Foto: Munchmuseet
Maria Lassnig, „3 Arten zu sein“, 2004, Öl auf Leinwand, 126 × 205 cm – drei unterschiedlich verfremdete, expressiv kolorierte Körperfiguren vor leuchtend gelbem Hintergrund, Darstellung innerer Zustände und Körperbewusstsein © Maria Lassnig Stiftung, VG Bild-Kunst, Bonn 2025 • Edvard Munch, „Drei Männer“, 1927–1930, Öl auf Leinwand, 58 × 60,5 cm – expressiv verfremdete Männerporträts in intensiver, kontrastreicher Farbigkeit mit psychologischer Verdichtung © Munchmuseet, Oslo, Foto: Munchmuseet – Mit freundlicher Genehmigung von: HamburgerKunsthalle / Hamburger Kunsthalle

Bei beiden ist Farbe kein dekoratives Mittel, sondern ein nervöses System. Sie beschreibt nicht Oberfläche, sie überträgt Spannung. Munch lässt den Himmel über der Brücke in vibrierenden Bändern glühen – Orange, Rot, Blau geraten in Bewegung. Farbe wird Atmosphäre, psychischer Raum. Der Mensch steht nicht vor der Natur, er ist in sie eingelassen.

Lassnig hingegen dreht die Bewegung um. Ihre Farbe kommt nicht von außen, sie entsteht im Körper. Grün, Gelb, Violett legen sich wie Empfindungsschichten über Haut und Gesicht. In „3 Arten zu sein“ oder „Vom Tode gezeichnet“ ist der Hintergrund oft monochrom, fast leer – die eigentliche Dramatik spielt sich im Fleisch ab. Die Farbe markiert Schmerz, Hitze, Druck, Auslöschung. Sie zeigt nicht, wie etwas aussieht, sondern wie es sich anfühlt.

Hier liegt der entscheidende Unterschied – und zugleich die Verbindung.

Munch externalisiert den inneren Zustand, er überträgt ihn in die Welt.
Lassnig internalisiert die Welt, sie zieht sie in den Körper zurück.

Beide machen Farbe zum existenziellen Medium.
Sie malen nicht Figuren, sie malen Zustände.

Bei Maria Lassnig beginnt alles im Körper. Nicht im Blick des Anderen, nicht im sozialen Raum, nicht im Narrativ – sondern im Empfinden. Ihr Begriff des „Körperbewusstseins“ meint keine Anatomie, sondern Wahrnehmung. Der Körper ist kein Objekt, sondern ein Feld von Spannungen. Er dehnt sich, schrumpft, verliert Kontur, färbt sich grün vor Schmerz oder gelb vor Überreiztheit. Identität ist kein stabiler Zustand, sondern eine körperliche Erfahrung im Moment.

Munch dagegen zeigt den Körper als verletzliches Gefäß. Seine Figuren stehen im Wind der Existenz. Sie werden von Landschaft, Erinnerung, Begehren und Verlust durchdrungen. Selbst wenn sie allein sind, sind sie nie nur bei sich. Der Körper ist durchlässig für Welt und Angst – Projektionsfläche und Resonanzraum zugleich.

Maria Lassnig, „Vom Tode gezeichnet“, 2011, Öl auf Leinwand, 150 × 210 cm – stilisierte Figur mit verzerrten Konturen vor intensiv orangefarbenem Hintergrund, existenzielle Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Körperlichkeit © Maria Lassnig Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Historisches Archiv der Stadt Köln mit Rheinischem Bildarchiv, Sabrina Walz (rba_d039370_01)
Edvard Munch, „Mädchen auf der Brücke“, 1901, Öl auf Leinwand, 83,8 × 129,6 cm – junges Mädchen mit gelbem Hut auf einer Brücke, expressive Farbflächen und perspektivische Tiefe, Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford
Maria Lassnig, „Vom Tode gezeichnet“, 2011, Öl auf Leinwand, 150 × 210 cm – stilisierte Figur mit verzerrten Konturen vor intensiv orangefarbenem Hintergrund, existenzielle Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Körperlichkeit © Maria Lassnig Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Historisches Archiv der Stadt Köln mit Rheinischem Bildarchiv, Sabrina Walz (rba_d039370_01) • Edvard Munch, „Mädchen auf der Brücke“, 1901, Öl auf Leinwand, 83,8 × 129,6 cm – junges Mädchen mit gelbem Hut auf einer Brücke, expressive Farbflächen und perspektivische Tiefe, Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford – Mit freundlicher Genehmigung von: HamburgerKunsthalle / Hamburger Kunsthalle

Hier liegt die feine, entscheidende Differenz:

Lassnig fragt: Wie fühlt sich mein Dasein im Körper an?
Munch fragt: Wie trifft mich das Dasein von außen?

Bei Lassnig ist das Innere der Ausgangspunkt.
Bei Munch das Erschütternde der Welt.

Und doch treffen sie sich in einem gemeinsamen Ernst: Der Mensch ist nicht glatt, nicht geschlossen, nicht souverän. Er ist ein vibrierendes Wesen zwischen Schmerz und Bewusstsein.

Diese Ausstellung ist mehr als ein kunsthistorischer Vergleich. Sie ist eine Verschiebung im Kanon.

Edvard Munch ist seit Jahrzehnten Teil der europäischen Moderne. Sein Werk ist ikonisch, museal abgesichert, kunsthistorisch durchdrungen. Er steht für den existenziellen Expressionismus, für den Schrei als Signatur des 20. Jahrhunderts.

Maria Lassnig hingegen musste sich ihren Platz erkämpfen. Lange galt sie als Einzelgängerin zwischen Abstraktion und Figuration. Erst spät wurde die Radikalität ihres „Körperbewusstseins“ in ihrer ganzen Konsequenz verstanden.

Indem die Hamburger Kunsthalle beide in einer großen Doppelschau auf Augenhöhe zeigt, wird eine klare Setzung vorgenommen: Lassnig wird nicht als Epilog der Moderne gelesen, nicht als weibliche Variante des Expressionismus – sondern als eigenständige, gleichrangige Position.

Hier wird nicht Einfluss behauptet, sondern strukturelle Verwandtschaft. Zwei Künstler, getrennt durch ein halbes Jahrhundert, arbeiten an denselben existenziellen Fragen.

Munch reagiert auf die nervöse Moderne um 1900.
Lassnig reagiert auf das 20. Jahrhundert nach Krieg, Trauma und Identitätsbruch.

Das Drama des Inneren endet nicht mit der klassischen Moderne. Es verschiebt sich. Und Lassnig ist eine der zentralen Stimmen dieser Verschiebung.

Am Ende dieser Ausstellung steht kein Sieger, keine Hierarchie, kein kunsthistorisches Urteil. Es steht eine Erkenntnis: Der Mensch ist ein empfindendes Wesen.

Munch lässt den inneren Aufruhr durch die Welt laufen.
Lassnig zieht diese Erschütterung zurück in den Körper.

„Malfluss = Lebensfluss“ ist keine poetische Floskel, sondern eine präzise Beschreibung. Bei beiden ist Malerei Bewegung – ein Fließen zwischen Innen und Außen, zwischen Bewusstsein und Verletzlichkeit.

Diese Doppelschau verbeugt sich nicht vor der Vergangenheit.
Sie stellt zwei Künstler nebeneinander, die sich dem gleichen Risiko ausgesetzt haben: dem radikalen Ernst des eigenen Inneren.

Und vielleicht ist genau das ihre größte Stärke –
dass sie zeigt, wie modern der Schrei noch immer ist.

Tags: Maria Lassnig, Maria Lassnig Stiftung, Edvard Munch, Körper, körperempfinden, Expressionismus, Moderne Malerei, Abstraktion und Figuration, Figuration, Psychologie, 20. Jahrhundert, Seelische Zustände in der Kunst

Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr, Donnerstag 10–21 Uhr.