Rudolf Jobst Berta, Elsa und Grete Wiesenthal im Lanner-Schubert-Walzer, 1908 ALBERTINA, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft
Rudolf Jobst Berta, Elsa und Grete Wiesenthal im Lanner-Schubert-Walzer, 1908 ALBERTINA, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / ALBERTINA MODERN

Wann: 03.03.2026 - 07.06.2026

Tanz und Fotografie begegnen einander in einem Moment, in dem Bewegung erstmals dauerhaft sichtbar wird.

Der Tanz gehört zu den flüchtigsten Kunstformen überhaupt. Ein Sprung, eine Drehung, eine Geste – und der Moment ist bereits vergangen. Als die Fotografie im 19. Jahrhundert begann, sich dieser Kunst zu nähern, stieß sie auf eine technische Grenze: Die Kameras der 1860er-Jahre benötigten lange Belichtungszeiten – zu lang für die Geschwindigkeit des Tanzes.

Tanz erschien deshalb in den frühen Fotografien meist nicht als Bewegung, sondern als Pose. Tänzerinnen und Tänzer mussten für die Aufnahme stillstehen, sodass sorgfältig arrangierte Atelierbilder entstanden, in denen der Tanz eher angedeutet als tatsächlich festgehalten wurde.

Viele Fotografien dieser Zeit tragen nicht nur den Namen einer Person, sondern den eines Ateliers. Studios wie Atelier d’Ora, Atelier Robertson oder das Atelier von Anton Josef Trčka waren bekannte fotografische Adressen, in denen mehrere Mitarbeiter arbeiteten. Der Ateliername fungierte dabei gewissermaßen als Marke und stand für die künstlerische Qualität der Aufnahmen.

Carl und Rudolf Mahlknecht, Tänzerin im Atelier, ca. 1873, historische Tanzfotografie mit Ballerina im Studio, ALBERTINA Wien, Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Carl und Rudolf Mahlknecht, Tänzerin im Atelier, ca. 1873, historische Tanzfotografie mit Ballerina im Studio, ALBERTINA Wien, Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / ALBERTINA MODERN
Die Geschichte des Balletts selbst reicht deutlich weiter zurück. Sie beginnt im 15. und 16. Jahrhundert an den italienischen Fürstenhöfen als Weiterentwicklung des höfischen Gesellschaftstanzes. Durch Katharina von Medici gelangte das Ballett an den französischen Hof, wo es unter Ludwig XIV. erstmals institutionell organisiert und professionalisiert wurde.

Vom höfischen Tanz entwickelte sich das Ballett im 18. Jahrhundert zum erzählerischen Handlungsballett. Im 19. Jahrhundert prägte die Romantik mit dem Spitzentanz das Bild der klassischen Ballerina. Seine technische und künstlerische Perfektion erreichte das klassische Ballett schließlich in Russland, wo Werke wie Schwanensee zum Inbegriff der großen Balletttradition wurden.

So entsteht eine neue Form der Bildsprache: die Tanzfotografie.

Gerade in diesem Spannungsfeld zwischen Bewegung und Stillstand beginnt ihre Geschichte. Mit der Weiterentwicklung der fotografischen Technik wurden Sprünge, Drehungen und flüchtige Gesten allmählich sichtbar – die Kamera begann, den Rhythmus des Körpers einzufangen.

Atelier d’Ora, Sent M’Ahesa, 1910er-Jahre, Porträt der Tänzerin in exotischem Kostüm mit stilisierter Pose, ALBERTINA Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft (c) Bildrecht, Wien 2026
Charlotte Rudolph, Mary Wigman in „Raumgestalt“ aus dem Zyklus „Visionen“, 1928, Ausdruckstanz mit fließendem Stoff und dynamischer Bewegung, ALBERTINA Wien (c) Bildrecht, Wien 2026
Atelier d’Ora, Sent M’Ahesa, 1910er-Jahre, Porträt der Tänzerin in exotischem Kostüm mit stilisierter Pose, ALBERTINA Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft (c) Bildrecht, Wien 2026 • Charlotte Rudolph, Mary Wigman in „Raumgestalt“ aus dem Zyklus „Visionen“, 1928, Ausdruckstanz mit fließendem Stoff und dynamischer Bewegung, ALBERTINA Wien (c) Bildrecht, Wien 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / ALBERTINA MODERN

Die Ausstellung „Tanzbild“ in der Albertina Modern widmet sich genau dieser Entwicklung. Anhand von Fotografien aus der Sammlung des Hauses zeichnet sie nach, wie sich das Bild des Tanzes von den frühen Atelieraufnahmen des 19. Jahrhunderts bis zu den expressiven Bildfindungen der Moderne wandelte. Die Kamera wurde dabei selbst zu einem choreografischen Instrument: Sie beobachtete nicht nur den Tanz, sondern formte eine neue visuelle Sprache der Bewegung.

Frédéric Boissonnas, Dem Ideal entgegen: Tanzende junge Frauen, 1910/Abzug 1912, vier Tänzerinnen im Freien in rhythmischer Bewegung, ALBERTINA Wien – Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt (c) ALBERTINA, Wien
Frédéric Boissonnas, Dem Ideal entgegen: Tanzende junge Frauen, 1910/Abzug 1912, vier Tänzerinnen im Freien in rhythmischer Bewegung, ALBERTINA Wien – Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt (c) ALBERTINA, Wien – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / ALBERTINA MODERN

Vier junge Frauen tanzen im Freien im Kreis und halten einander an den Händen. Ihre fließenden Kleider und die erhobenen Arme betonen die rhythmische Bewegung des Tanzes. Die Aufnahme vermittelt ein Gefühl von Leichtigkeit, Gemeinschaft und natürlicher Bewegung und erinnert an die reformorientierten Tanzideen des frühen 20. Jahrhunderts.

 

Atelier Robertson, Harald Kreutzberg, 1927, Porträt eines Ausdruckstänzers in dramatischer Lichtinszenierung, ALBERTINA Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft (c) ALBERTINA, Wien
Martin Imboden, Gertrud Kraus in „Grand Guignol“, um 1929, Porträt einer Ausdruckstänzerin mit expressiver Handbewegung, ALBERTINA Wien (c) Bildrecht, Wien 2026
Anton Josef Trčka, Egon Schiele in Pose, 1914, Porträt des österreichischen Expressionisten mit markanter Handgeste, ALBERTINA Wien (c) Bildrecht, Wien 2026
Atelier Robertson, Harald Kreutzberg, 1927, Porträt eines Ausdruckstänzers in dramatischer Lichtinszenierung, ALBERTINA Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft (c) ALBERTINA, Wien • Martin Imboden, Gertrud Kraus in „Grand Guignol“, um 1929, Porträt einer Ausdruckstänzerin mit expressiver Handbewegung, ALBERTINA Wien (c) Bildrecht, Wien 2026 • Anton Josef Trčka, Egon Schiele in Pose, 1914, Porträt des österreichischen Expressionisten mit markanter Handgeste, ALBERTINA Wien (c) Bildrecht, Wien 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / ALBERTINA MODERN

 

So erzählt die Ausstellung zugleich zwei Geschichten – die des Tanzes und die der Fotografie. Beide Kunstformen begegnen einander in einem Moment der Transformation, in dem der flüchtige Augenblick der Bewegung erstmals dauerhaft sichtbar wird.

Tags: Tanzen, Fotografie, Ballett, Mary Wigman, Gret Palucca, Egon Schiele, Schwarzweißfotografie‎

Täglich | 10 bis 18 Uhr