Georg Baselitz, Hält sich in der Mitte auf, 2025. Oil and gold paint on canvas, 300 × 215 cm. Monumentales Goldgrund-Gemälde mit invertierter Figur und expressiven Farbpinselzügen. © Georg Baselitz 2026. Photo: Stefan Altenburger.
Georg Baselitz, Hält sich in der Mitte auf, 2025. Oil and gold paint on canvas, 300 × 215 cm. Monumentales Goldgrund-Gemälde mit invertierter Figur und expressiven Farbpinselzügen. © Georg Baselitz 2026. Photo: Stefan Altenburger. – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Thaddaeus Ropac Salzburg

Wann: 05.05.2026 - 27.09.2026

Georg Baselitz setzt in Venedig ein kraftvolles Zeichen gegen die flüchtige Logik der Biennale: Mit der Ausstellung „Eroi d’Oro“ in der Fondazione Giorgio Cini präsentiert der deutsche Maler eine Serie monumentaler Goldgrund-Gemälde, unterstützt von der Galerie Thaddaeus Ropac und parallel zur 61. Venice Biennale zu sehen.

Die Schau versammelt großformatige neue Arbeiten, die das Spannungsverhältnis zwischen leuchtenden Goldflächen und fragilen Figuren untersuchen. Baselitz, seit Jahrzehnten eine der prägenden Stimmen der europäischen Nachkriegsmalerei, führt damit eine künstlerische Untersuchung fort, die sich mit Materialität, Körperlichkeit und der historischen Dimension der Malerei beschäftigt. Die Werke wirken zugleich archaisch und radikal gegenwärtig: Figuren erscheinen reduziert, beinahe geisterhaft, und schweben scheinbar über goldenen Bildgründen, deren reflektierende Oberfläche jede Illusion von Tiefe aufhebt.

Baselitz beschreibt selbst die Wirkung dieses Materials mit charakteristischer Präzision: „Gold absorbs space, absorbs shadows, absorbs spatiality [...] And on top of that, just a drawing, as if on a piece of paper, a nude drawing [...] as fine as I could manage.“

 

Ein Blick auf eines der ausgestellten Werke zeigt, wie Baselitz dieses Thema malerisch entwickelt.

Georg Baselitz, Hält sich in der Mitte auf, 2025.
Georg Baselitz, Hält sich in der Mitte auf, 2025. – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Thaddaeus Ropac Salzburg
Das Gemälde zeigt eine großformatige, vertikal ausgerichtete Leinwand mit einem leuchtenden Goldgrund, der die gesamte Bildfläche dominiert. Darauf erscheint eine auf den Kopf gestellte menschliche Figur – ein zentrales Motiv in der Malerei von Georg Baselitz. Die Gestalt ist nur in feinen, skizzenhaften schwarzen Linien angedeutet und wirkt fragil, beinahe wie eine schnelle Zeichnung auf Papier.

Im Zentrum der Komposition durchbricht ein eruptiver Ausbruch von Farbe diese stille Ordnung. Breite, gestische Pinselzüge in Rot, Grün, Blau und Weiß überlagern den Körperbereich der Figur und setzen einen energischen Kontrast zur reduzierten Linienzeichnung.

Der goldene Hintergrund reflektiert das Licht gleichmäßig und lässt die Figur scheinbar im Raum schweben. Zugleich erinnert die Oberfläche an die Tradition der Goldgrundmalerei mittelalterlicher Ikonen, während die expressiven Farbspuren eindeutig der modernen gestischen Malerei verpflichtet sind.

Die Bildsprache verbindet eine strenge zeichnerische Linie mit eruptiven Farbausbrüchen. Einige Leinwände werden von dichten, pastosen Pinselzügen durchzogen, die wie spontane Interventionen wirken. Baselitz selbst spricht dabei von „small quotations, which I like to call ‘de Kooning’ and ‘de Kooning-in-the-wrong-place’: an arbitrary, sudden action with a brush and palette knife in de Kooning colours somewhere in or next to the figure.“

Der goldene Hintergrund besitzt in Venedig eine besondere kunsthistorische Resonanz. Er erinnert an die Bildtradition byzantinischer Ikonen ebenso wie an die goldenen Tafeln der frühen Renaissance. In Baselitz’ Malerei wird diese historische Aura jedoch gebrochen: Die Figuren erscheinen verletzlich, teilweise fragmentiert, und stehen im starken Kontrast zur majestätischen Oberfläche des Goldes. Licht und Schatten beginnen auf der metallischen Fläche zu flimmern und verleihen den Bildern eine beinahe sakrale Präsenz.

Der Titel der Ausstellung, „Eroi d’Oro“ – Helden aus Gold –, verweist zugleich auf eine frühe Werkphase des Künstlers. Bereits in den 1960er Jahren entwickelte Baselitz seine sogenannten „Heldenbilder“, Figuren, die weder klassische Helden noch realistische Porträts waren, sondern visionäre Gestalten zwischen Mythos und Geschichte. „Back in the 1960s, in 1965, I painted what became known as the Hero paintings. Those were fictional characters, not realistic, not based on models, but fantasy figures based on heroic characters from Russian civil war novels.“

In den neuen Arbeiten wird diese Idee erneut aufgegriffen, jedoch in einer reduzierten, fast meditativen Form. Viele Figuren erscheinen isoliert, teilweise als Selbstporträts oder als Darstellungen seiner lebenslangen Begleiterin Elke. Die Linien erinnern an Zeichnungen, während das Gold die Bilder in eine überzeitliche Atmosphäre taucht.

Die Ausstellung besitzt auch eine autobiografische Dimension. Baselitz reflektiert darin offen über die lange Geschichte seiner Malerei: „I have a long biography to look back on. What I mean is that I have painted an incredibly large number of pictures over the course of more than 60 years. Now that I’m more or less at the end of my painting activity, I thought I should draw some kind of conclusion. In other words, a summation of the paintings I’ve done over the years.“

So wird „Eroi d’Oro“ weniger zu einer einzelnen Ausstellung als zu einem kondensierten Rückblick auf ein Lebenswerk. Die monumentalen Leinwände, einige bis zu viereinhalb Meter hoch, verwandeln die Malerei in eine räumliche Erfahrung: Gold wird nicht mehr nur Hintergrund, sondern eine visuelle Atmosphäre, die den Betrachter umgibt.

Gerade im Umfeld der Venice Biennale wirkt diese Präsentation wie ein bewusst gesetzter Kontrapunkt. Während die Biennale häufig auf kuratorische Konzepte und globale Diskurse setzt, stellt Baselitz die elementare Kraft der Malerei in den Mittelpunkt – Körper, Linie, Farbe und Material als unerschöpfliches Feld künstlerischer Erfahrung.

Tags: Georg Baselitz, Biennale di Venezia, Zeitgenössische Kunst, Malerei, Gegenwartskunst, Kunstmarkt

Die Venice Biennale ist montags geschlossen. Von Dienstag bis Sonntag sind die Ausstellungen jeweils von 11:00 bis 19:00 Uhr geöffnet. Der letzte Einlass erfolgt in der Regel eine Stunde vor Schließung. Die beiden Hauptorte der Ausstellung sind traditionell die Giardini della Biennale sowie das Arsenale in Venedig.