Christina Quarles eröffnet mit der Ausstellung „The Ground Glows Black“ bei Hauser & Wirth in Los Angeles ein neues Kapitel ihrer Malerei – ein eruptiver, zutiefst persönlicher Werkzyklus, der aus den Trümmern der verheerenden Waldbrände von 2025 hervorgegangen ist. Nachdem das Feuer ihr Zuhause zerstörte, verwandelt die amerikanische Künstlerin die Erfahrung von Verlust, Verschiebung und innerer Erschütterung in eine Bildsprache von außergewöhnlicher Energie und emotionaler Dichte.
Christina Quarles gilt international als eine der markantesten Stimmen der zeitgenössischen figurativen Malerei. Bewundert wird sie vor allem für die Virtuosität und Entschlossenheit, mit der sie Farbe als physisches Material einsetzt. In den neuen Arbeiten der Ausstellung „The Ground Glows Black“ treibt sie diese expressive Kraft noch weiter: Die Gemälde wirken dichter, nervöser und unmittelbarer als zuvor und spiegeln die seismischen Verschiebungen ihrer inneren Landschaft nach den Bränden wider.
Auf den Leinwänden entfalten sich kinetische Ebenen aus Farbe, Textur und Muster, die zugleich an architektonische Strukturen und digitale Räume erinnern. In diesen vibrierenden Bildräumen erscheinen menschliche Körper, die sich verdrehen, biegen oder scheinbar von unsichtbaren Kräften aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Die Malerei wirkt wie ein Spannungsfeld zwischen Instabilität und Widerstandskraft – ein zentrales Thema in Quarles’ Werk. Gerade in dieser Spannung entstehen Räume, in denen mehrere Wirklichkeiten gleichzeitig existieren können.
Jede Leinwand beginnt ohne vorgegebene Komposition. Christina Quarles setzt zunächst improvisierte Linien und Gesten, aus denen sich allmählich Formen entwickeln, die an menschliche Körper erinnern. Durch die Arbeit mit Acrylfarbe bewahrt sie die Unmittelbarkeit der Zeichnung und baut zugleich komplexe Schichten und Texturen auf, in denen sich Zeit gewissermaßen im Bild ablagert.
Im Verlauf des Malprozesses wechselt sie jedoch in eine systematische Phase: Die Künstlerin fotografiert die entstehenden Bilder und untersucht ihre Linien digital in Adobe Illustrator. Die so entwickelten Muster und Ebenen werden über einen Vinylplotter gedruckt und anschließend als Schablonen in einem vielschichtigen Maskierungsprozess auf die Leinwand übertragen. Dieses Hin und Her zwischen Computer und Malerei schafft Bildräume, in denen scheinbar unmögliche Situationen entstehen – Szenarien, in denen sich Körper, Architektur und digitale Strukturen überlagern.
In der Ausstellung spielt Christina Quarles bewusst mit dem Wechsel von Innen und Außen. Häusliche Räume und kosmische Dimensionen verschmelzen miteinander, während Tageslicht und Mondlicht innerhalb desselben Bildfeldes koexistieren. Indem sie jede eindeutige Perspektive verweigert, erzeugen ihre Gemälde eine unheimliche Gleichzeitigkeit – eine visuelle Erfahrung, die an die Desorientierung von Trauma und Übergang erinnert.
Diese Instabilität verdichtet sich besonders im Werk „Glow, After“ (2026), dem bislang größten Gemälde der Künstlerin. Die Arbeit besteht aus zwei modularen Leinwandpaneelen, deren Elemente rotierbar konzipiert sind. Während der Ausstellung werden verschiedene Konfigurationen präsentiert, sodass sich das Bild immer wieder neu zusammensetzt und unterschiedliche Lesarten ermöglicht.
Neben den Gemälden stellt die Ausstellung erstmals eine neue Serie von fünf Kohlearbeiten auf Papier vor. Während Acrylfarbe ein additiver Prozess ist, zwingt Kohle zu einer anderen Logik: Die Bilder entstehen durch Wegnahme. Formen erscheinen, indem Material entfernt wird; Papierflächen werden ausgeschnitten oder mit einem X-Acto-Messer freigelegt. Da Schablonen für Quarles’ Praxis zentral sind – sie schaffen Ordnung durch klare Kanten und überlagerte Formen – entwickelte die Künstlerin für die Kohlearbeiten eine Methode, diesen Prozess gewissermaßen umzukehren.
Auch der Ausstellungsraum selbst wird Teil der Inszenierung. Die Fenster der Galerie sind mit weißer Folie überzogen, um die Kontraste der äußeren Schatten zu verstärken. Die schwarz-weißen Übergänge erinnern an die Tonwerte der Zeichnungen und an das schwarze Pigment, das auf die Säulen der South Gallery gesprüht wurde – eine direkte Referenz an die verbrannten Bäume in Quarles’ ehemaligem Viertel. Wie Asche, die sich auf einer Oberfläche absetzt, tragen die Säulen Schicht um Schicht von Pigment und offenbaren dabei ihre Textur und Unregelmäßigkeit. So entsteht ein Dialog zwischen den Bildern und der Architektur, in dem Vordergrund und Hintergrund ständig ihre Rollen tauschen.
Christina Quarles formuliert die Grundidee dieser Ausstellung mit einem einfachen, aber präzisen Satz: „We aren’t fixed beings; we adapt to and are shaped by the environments and social structures we’re part of.“
In „The Ground Glows Black“ wird dieser Gedanke zur visuellen Erfahrung. Körper, Architektur und Wahrnehmung treten in ein permanentes Wechselspiel. Bedeutung entsteht nicht aus einem festen Standpunkt, sondern aus Bewegung, Kontext und Veränderung – aus jenem flüchtigen Moment, in dem mehrere Realitäten gleichzeitig sichtbar werden.
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Die Galerie ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet.
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