Kurt Schwitters bei der Aufführung der Ursonate 1944 – Porträtserie des Dada-Künstlers während eines Lautgedichts
Kurt Schwitters beim Vortrag der Ursonate, London 1944 Foto: Ernst Schwitters bpk / Sprengel Museum Hannover / Ernst Schwitters © 2026, ProLitteris, Zurich – Mit freundlicher Genehmigung von: paulkleezentrum / Zentrum Paul Klee

Wann: 20.03.2026 - 21.06.2026

Kurt Schwitters tritt im Zentrum Paul Klee in Bern als radikaler Erneuerer der Moderne auf – ein Künstler, der aus Abfällen Kunst schuf und aus den Trümmern des 20. Jahrhunderts eine der eigenwilligsten Visionen der Avantgarde formte.

Mit der Ausstellung „Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde“ widmet sich das Zentrum Paul Klee vom 20. März bis 21. Juni 2026 einem der originellsten Protagonisten der europäischen Moderne. Mehr als zwanzig Jahre nach der letzten grossen Präsentation in der Schweiz eröffnet die Schau einen umfassenden Blick auf das vielschichtige Werk des deutschen Künstlers – von seinen berühmten Merzbildern über Collagen und Assemblagen bis hin zu Skulpturen, typografischen Arbeiten und literarischen Experimenten.

Schwitters erscheint dabei als ein kompromissloser Individualist, der sich zwar mit Bewegungen wie Dada, De Stijl oder dem Konstruktivismus austauschte, sich jedoch keiner Gruppe dauerhaft anschloss. Seine Kunst entsteht im Spannungsfeld zwischen Malerei, Architektur, Design, Typografie und Literatur – ein Werk, das bewusst die traditionellen Grenzen der Kunstgattungen überschreitet.

„Mein Name ist Kurt Schwitters.
Ich bin Maler.
Ich nagle meine Bilder.“

Mit dieser programmatischen Selbstbeschreibung brachte Schwitters seine künstlerische Haltung auf den Punkt. Während viele Avantgardisten der Zwischenkriegszeit politisch Position bezogen, verteidigte er vor allem die Autonomie der Kunst. Sein Werk entwickelte sich aus der Überzeugung, dass selbst aus scheinbar wertlosen Materialien neue ästhetische Ordnungen entstehen können.

Kurt Schwitters Der Merzbau von Kurt Schwitters in Hannover (Treppeneingangsseite), Foto: Wilhelm Redmann, 1933, Digitalisat des Glasnegativs 84 × 60 cm Sprengel Museum Hannover
Kurt Schwitters Der Merzbau von Kurt Schwitters in Hannover (Treppeneingangsseite), Foto: Wilhelm Redmann, 1933, Digitalisat des Glasnegativs 84 × 60 cm Sprengel Museum Hannover – Mit freundlicher Genehmigung von: paulkleezentrum / Zentrum Paul Klee

Im Zentrum dieses Denkens steht das von ihm entwickelte Konzept „Merz“. In den 1920er-Jahren begann Schwitters, aus Fundstücken, Drucksachen, Holzresten oder Metallfragmenten Collagen und Assemblagen zu schaffen. Diese sogenannten Merzbilder wurden zum Markenzeichen seines Œuvres und gelten heute als frühe Vorläufer der Installationskunst.

„Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es Merz. [...] Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz.“

Aus dieser Idee entwickelte Schwitters eines seiner radikalsten Projekte: den Merzbau in seinem Haus in Hannover. Über Jahre hinweg verwandelte er seine Wohnung in eine wachsende Raumskulptur aus Holz, Gips und Fundmaterialien – ein begehbares Gesamtkunstwerk, das Architektur und Collage miteinander verschmolz und später als visionärer Vorläufer moderner Installationen gilt.

Kurt Schwitters Merz, Nr. 11, 1924 Zeitschrift 29,2 × 22 cm Bibliothek für Gestaltung Basel
Kurt Schwitters Nachbau des 1943 zerstörten Merzbaus in Hannover von Kurt Schwitters, 1988 Nachbau als «Reiseversion», Holz, Polyester, Glas, Stuck, Farbe, Fotoreproduktionen, Glas, elektrische Beleuchtung, 393 × 580 × 460 cm Sprengel Museum Hannover, Nachbau von Peter Bissegger © Succession Peter Bissegger
Kurt Schwitters Merz, Nr. 11, 1924 Zeitschrift 29,2 × 22 cm Bibliothek für Gestaltung Basel • Kurt Schwitters Nachbau des 1943 zerstörten Merzbaus in Hannover von Kurt Schwitters, 1988 Nachbau als «Reiseversion», Holz, Polyester, Glas, Stuck, Farbe, Fotoreproduktionen, Glas, elektrische Beleuchtung, 393 × 580 × 460 cm Sprengel Museum Hannover, Nachbau von Peter Bissegger © Succession Peter Bissegger – Mit freundlicher Genehmigung von: paulkleezentrum / Zentrum Paul Klee

Neben seiner bildenden Kunst war Schwitters auch Schriftsteller, Typograf und Gestalter. Seine avantgardistische Zeitschrift Merz wurde zu einem Experimentierfeld moderner Grafik und zu einer Plattform seines internationalen Netzwerks. Gleichzeitig schuf er literarische Werke wie das berühmte Gedicht „An Anna Blume“ sowie die legendäre Ursonate, ein dadaistisches Lautgedicht, das bis heute als Meilenstein experimenteller Literatur gilt.

Doch das Leben des Künstlers war auch von politischen Umbrüchen geprägt. Nach der Diffamierung als „entarteter“ Künstler durch die Nationalsozialisten verlor Schwitters seine Existenzgrundlage. 1937 floh er nach Norwegen, später nach Grossbritannien, wo er während des Zweiten Weltkriegs zeitweise interniert wurde. Trotz widrigster Umstände setzte er seine Arbeit fort und begann neue Merzbauten in Norwegen und England.

Kurt Schwitters Die frühlingstür, 1938 Assemblage, Öl, Holz Gips, Metall, Schuhabsatz, Pappe und Leder(?) auf Holz, genagelt 87,8 × 72 cm Courtesy Galerie Gmurzynska
17 Kurt Schwitters im Boot auf dem Djupvand, 1935 Foto: Ernst Schwitters bpk / Sprengel Museum Hannover, Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover / Ernst Schwitters © 2026, ProLitteris, Zurich
Kurt Schwitters Ohne Titel (Hjertøya mit «Fredlyst»- Schild 1), 1939 Öl auf Holz 66,3 × 53,7 × 1,2 cm Sprengel Museum Hannover, Leihgabe Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover, seit 2001 Foto: Herling, Herling, Werner
Kurt Schwitters Die frühlingstür, 1938 Assemblage, Öl, Holz Gips, Metall, Schuhabsatz, Pappe und Leder(?) auf Holz, genagelt 87,8 × 72 cm Courtesy Galerie Gmurzynska • 17 Kurt Schwitters im Boot auf dem Djupvand, 1935 Foto: Ernst Schwitters bpk / Sprengel Museum Hannover, Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover / Ernst Schwitters © 2026, ProLitteris, Zurich • Kurt Schwitters Ohne Titel (Hjertøya mit «Fredlyst»- Schild 1), 1939 Öl auf Holz 66,3 × 53,7 × 1,2 cm Sprengel Museum Hannover, Leihgabe Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover, seit 2001 Foto: Herling, Herling, Werner – Mit freundlicher Genehmigung von: paulkleezentrum / Zentrum Paul Klee

„Mit seinem Werk, aber auch seinem Leben prägte er Generationen von Künstler:innen – darunter bekannte Künstler der Nachkriegszeit wie etwa Robert Rauschenberg und Jean Tinguely, oder Gegenwartskünstler wie Thomas Hirschhorn oder Phyllida Barlow. Schwitters zeigte, wie man aus gefundenen, alltäglichen Materialien neue, überraschende Bild- und Raumwelten schaffen kann – aber auch, wie man in einem weiteren Sinne Kunst und Leben zusammenführt.“

Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee folgt dieser bewegten künstlerischen Biografie chronologisch – vom Frühwerk über die revolutionären Merz-Collagen bis zu den Arbeiten aus dem Exil. Rund fünfzig Collagen, zahlreiche Gemälde, Skulpturen und Druckgrafiken sowie Projektionen und Dokumente vermitteln die erstaunliche Vielfalt seines Schaffens.

Herzstück der Präsentation ist der immersive Nachbau des legendären Merzbaus, der 1943 im Krieg zerstört wurde. Ergänzt wird er durch ikonische Assemblagen, Reliefs und Skulpturen sowie durch Beispiele von Schwitters’ literarischen und typografischen Arbeiten.

So entsteht ein umfassendes Panorama eines Künstlers, der nicht nur Bilder schuf, sondern eine eigene Welt aus Sprache, Materialien und Räumen – eine Kunst, die aus Fragmenten eine neue Ordnung formt und damit bis heute erstaunlich modern wirkt.

Tags: Kurt Schwitters, Dada, Dadaismus, Avantgarde, Moderne Kunst, Collagen, Assemblage, Assemblagen, Europäische Avantgarde, Merzbau

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