Edward W. Godwin Buffet, 1867, William Watt London, Aesthetic Movement – Ausstellung „Dandys Dekadenz Moderne“ Bröhan Museum Berlin © Sammlung Ludewig, Foto: Martin Adam, Berlin
Edward W. Godwin Buffet, 1867, William Watt London, Aesthetic Movement – Ausstellung „Dandys Dekadenz Moderne“ Bröhan Museum Berlin © Sammlung Ludewig, Foto: Martin Adam, Berlin – Mit freundlicher Genehmigung von: broehan / Bröhan Museum Berlin

Wann: 02.04.2026 - 30.08.2026

Edward W. Godwin steht am Anfang dieser Ausstellung mit einem Möbel, das wie ein Manifest wirkt: dem Buffet von 1867, entworfen für William Watt in London – ein Objekt von strenger Eleganz, filigraner Konstruktion und beinahe architektonischer Klarheit, das die Geburt einer neuen ästhetischen Haltung ankündigt. Dieses Möbel ist mehr als ein Einrichtungsgegenstand. Es ist ein Statement, eine Bühne für das Leben als Kunstwerk – und damit der perfekte Auftakt für die Ausstellung „Edward W. Godwin und Oscar Wilde. Dandys Dekadenz Moderne“ im Bröhan Museum in Berlin.

Das Buffet von 1867 steht exemplarisch für eine radikale Idee: dass Gestaltung nicht bloß dekorativ sein darf, sondern Ausdruck einer intellektuellen Haltung. Edward William Godwin, Architekt, Designer und Theoretiker, gehörte zu den kompromisslosesten Gestaltern des viktorianischen Englands. Seine Möbel wirken leicht, strukturiert und überraschend modern – geprägt von klaren Linien, subtiler Ornamentik und dem Einfluss japanischer Kunst. In einer Zeit, in der Interieurs zunehmend zur Bühne des individuellen Geschmacks wurden, entwickelte Godwin Möbel, die nicht nur repräsentierten, sondern eine Haltung formulierten.

Edward W. Godwin mit Skizzenbuch in der Hand um 1880 © Public Domain Mark / londonremembers.com
Napoleon Sarony Oscar Wilde, 1882 © Public Domain Mark / oscarwilde.us
Edward W. Godwin mit Skizzenbuch in der Hand um 1880 © Public Domain Mark / londonremembers.com • Napoleon Sarony Oscar Wilde, 1882 © Public Domain Mark / oscarwilde.us – Mit freundlicher Genehmigung von: broehan / Bröhan Museum Berlin

An seiner Seite steht Oscar Wilde, Schriftsteller, Dandy und eine der schillerndsten Figuren des viktorianischen Zeitalters. Wilde war nicht nur ein literarischer Virtuose, sondern auch ein Meister der Inszenierung des eigenen Lebens. Zwischen Ironie, Dekadenz und ästhetischer Provokation wurde er zum Symbol einer Bewegung, die Schönheit zum Maßstab aller Dinge erklärte.

Die Ausstellung im Bröhan Museum widmet sich diesen beiden herausragenden Protagonisten des Aesthetic Movements, dessen Kult der Schönheit einen entscheidenden Impuls für die Entstehung der gestalterischen Moderne setzte. Sie erzählt von einer Zeit, in der Kunst, Design und Lebensstil zu einem untrennbaren Geflecht wurden – und in der der Künstler zunehmend als Figur zwischen Ästhetik, Intellekt und öffentlicher Inszenierung erschien.

Edward W. Godwin (William Watt, London) Sitzbank mit Korbgeflecht, 1875 Tony Geering – Puritan Values, James von Claer, Foto: Jake Seabrook / Puritan Values
Edward W. Godwin (William Watt, London) Sitzbank mit Korbgeflecht, 1875 Tony Geering – Puritan Values, James von Claer, Foto: Jake Seabrook / Puritan Values – Mit freundlicher Genehmigung von: broehan / Bröhan Museum Berlin

Godwin und Wilde waren mehr als Zeitgenossen. Sie waren Brüder im Geiste. Beide verband eine außergewöhnliche Bildung, eine unstillbare Wissbegier und die Überzeugung, dass sich Kunst nicht auf das Atelier beschränken dürfe. Architektur, Literatur, Theater, Möbel, Mode – alles konnte Teil einer umfassenden ästhetischen Vision sein.

Gerade diese intellektuelle Weite macht ihre Zusammenarbeit so faszinierend. Godwins Entwürfe erscheinen wie gebaute Gedanken über Form, Raum und Funktion. Wildes Texte wiederum verwandeln Ästhetik in Sprache, in brillante Aphorismen und literarische Inszenierungen des schönen Lebens. Gemeinsam verkörpern sie eine Epoche, in der Kunst zur Lebensform wurde und das Leben selbst zum Kunstwerk.

Die Ausstellung versammelt zahlreiche internationale Leihgaben und führt die Besucher in einen Dialog aus Objekten, Ideen und Bildern. Möbel, Entwürfe, Fotografien und Dokumente zeigen, wie eng Design, Literatur und gesellschaftliche Inszenierung im späten 19. Jahrhundert miteinander verflochten waren.

Im Zentrum steht dabei die Figur des Dandys – jener kultivierten, bewusst stilisierten Persönlichkeit, die zwischen Eleganz und Provokation balanciert. Der Dandy war zugleich Beobachter und Akteur der Moderne, ein ästhetischer Außenseiter und doch eine Ikone seiner Zeit.

Edward W. Godwin (Collinson & Lock, London (?)) Tisch mit klappbaren Ablagen, um 1872 Tony Geering – Puritan Values
Edward W. Godwin (Collinson & Lock, London (?)) Oktogonaler achtbeiniger Couchtisch, 1875 Tony Geering – Puritan Values, Paul Reeves Foto: Jake Seabrook / Puritan Values
Edward W. Godwin (Collinson & Lock, London) Hängender Eckschrank, 1875 Tony Geering – Puritan Values Foto: Jake Seabrook
Edward W. Godwin (Collinson & Lock, London (?)) Tisch mit klappbaren Ablagen, um 1872 Tony Geering – Puritan Values • Edward W. Godwin (Collinson & Lock, London (?)) Oktogonaler achtbeiniger Couchtisch, 1875 Tony Geering – Puritan Values, Paul Reeves Foto: Jake Seabrook / Puritan Values • Edward W. Godwin (Collinson & Lock, London) Hängender Eckschrank, 1875 Tony Geering – Puritan Values Foto: Jake Seabrook – Mit freundlicher Genehmigung von: broehan / Bröhan Museum Berlin

So entfaltet die Ausstellung ein Panorama zwischen Dandytum, Dekadenz und Moderne. Sie zeigt, wie eine Bewegung, die ursprünglich als Kult der Schönheit begann, weit über das 19. Jahrhundert hinauswirkte und die Entwicklung des Designs entscheidend prägte.

Und vielleicht liegt gerade darin die Aktualität von Godwin und Wilde: in der Idee, dass Gestaltung, Denken und Leben untrennbar miteinander verbunden sind – und dass die Suche nach Schönheit immer auch eine Suche nach einer neuen Form der Moderne ist.

Tags: Edward W. Godwin, Designmöbel, Oscar Wilde, Dandyismus, Dekadenz, Designgeschichte, Kunstgewerbe, viktorianisches England, 19. Jahrhundert, Design und Moderne

Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr