Marisol entfaltet in Zürich eine seltene Wiederkehr – eine Künstlerin, die einst im Zentrum der Pop Art stand und doch fast aus dem kollektiven Gedächtnis verschwand, kehrt nun mit einer Wucht zurück, die den Blick auf das 20. Jahrhundert neu ordnet.
Mit „La visita“ aus dem Jahr 1964 entwirft Marisol ein vielschichtiges Figurenensemble, das wie eine stille Szene aus einem inneren Theater wirkt. Auf einem Sofa versammelt, erscheinen die Figuren als Projektionen, als Rollenbilder, als mögliche Zuschreibungen weiblicher Identität.
Links die voluminöse, fast tonnenhafte Figur – eine Überzeichnung der Hausfrau, reduziert auf Körper und Funktion, schwer und unbeweglich. Daneben die Geliebte, mit kurzem dunklem Haar und entblösster Brust, frontal, direkt, beinahe ausgestellt. Ihre Hände ruhen auf den Knien, als wäre sie zugleich präsent und gefangen in der Pose.
In der Mitte eine Figur mit langem, glattem Haar, in einen geschlossenen Mantel gehüllt, darunter ein streng wirkendes blaues Kleid mit weissem Kragen – zurückhaltend, kontrolliert, fast distanziert. Neben ihr, leicht abgesetzt, das Kindliche: kleiner, spielerischer, mit rundem Gesicht und einer Kugel in der Hand, eine Figur, die Leichtigkeit andeutet und zugleich eine weitere Rolle ins Spiel bringt.
Marisol verdichtet diese Konstellation zu einer stillen Choreografie von Blicken, Haltungen und Zuschreibungen. Die Figuren sitzen nebeneinander, und doch scheint jede in ihrer eigenen Welt eingeschlossen – ein präzises Bild jener Erwartungen, die sich zwischen Projektion, Begehren und gesellschaftlicher Ordnung entfalten. Ihr Werk verhandelt dabei Themen wie Weiblichkeit, Identität und die subtile wie präzise formulierte Ablehnung patriarchaler Strukturen.