Marisol La visita 1964 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Marisol La visita 1964 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich – Mit freundlicher Genehmigung von: kunstzuerich / Kunsthaus Zürich

Wann: 17.04.2026 - 23.08.2026

Marisol entfaltet in Zürich eine seltene Wiederkehr – eine Künstlerin, die einst im Zentrum der Pop Art stand und doch fast aus dem kollektiven Gedächtnis verschwand, kehrt nun mit einer Wucht zurück, die den Blick auf das 20. Jahrhundert neu ordnet.

Mit „La visita“ aus dem Jahr 1964 entwirft Marisol ein vielschichtiges Figurenensemble, das wie eine stille Szene aus einem inneren Theater wirkt. Auf einem Sofa versammelt, erscheinen die Figuren als Projektionen, als Rollenbilder, als mögliche Zuschreibungen weiblicher Identität.

Links die voluminöse, fast tonnenhafte Figur – eine Überzeichnung der Hausfrau, reduziert auf Körper und Funktion, schwer und unbeweglich. Daneben die Geliebte, mit kurzem dunklem Haar und entblösster Brust, frontal, direkt, beinahe ausgestellt. Ihre Hände ruhen auf den Knien, als wäre sie zugleich präsent und gefangen in der Pose.

In der Mitte eine Figur mit langem, glattem Haar, in einen geschlossenen Mantel gehüllt, darunter ein streng wirkendes blaues Kleid mit weissem Kragen – zurückhaltend, kontrolliert, fast distanziert. Neben ihr, leicht abgesetzt, das Kindliche: kleiner, spielerischer, mit rundem Gesicht und einer Kugel in der Hand, eine Figur, die Leichtigkeit andeutet und zugleich eine weitere Rolle ins Spiel bringt.

Marisol verdichtet diese Konstellation zu einer stillen Choreografie von Blicken, Haltungen und Zuschreibungen. Die Figuren sitzen nebeneinander, und doch scheint jede in ihrer eigenen Welt eingeschlossen – ein präzises Bild jener Erwartungen, die sich zwischen Projektion, Begehren und gesellschaftlicher Ordnung entfalten. Ihr Werk verhandelt dabei Themen wie Weiblichkeit, Identität und die subtile wie präzise formulierte Ablehnung patriarchaler Strukturen.

Marisol Mi Mama y Yo 1968 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Marisol The Fishman 1973 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Marisol Mi Mama y Yo 1968 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich • Marisol The Fishman 1973 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich – Mit freundlicher Genehmigung von: kunstzuerich / Kunsthaus Zürich
Marisol John Wayne 1963 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Marisol Portrait of Georgia OKeeffe with Dogs 1977 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Marisol John Wayne 1963 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich • Marisol Portrait of Georgia OKeeffe with Dogs 1977 Skulptur Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich – Mit freundlicher Genehmigung von: kunstzuerich / Kunsthaus Zürich

Die Ausstellung Zürich im Kunsthaus wird damit zu einem jener seltenen Momente, in denen sich kunsthistorische Linien neu justieren. Vom 17. April bis 23. August 2026 widmet sich das Haus der US-amerikanischen Künstlerin venezolanischen Ursprungs María Sol Escobar (1930–2016), bekannt als Marisol, in der ersten umfassenden Retrospektive Europas. Über fünf Schaffensjahrzehnte hinweg entfaltet sich ein Werk, das Popkultur, Satire und gesellschaftliche Analyse mit einer eigenwilligen formalen Präzision verbindet. 

Bereits in den 1960er-Jahren gehörte Marisol zu den schillerndsten Figuren der New Yorker Kunstszene. Ihre oft lebensgrossen, bemalten Holzskulpturen, kombiniert mit Alltagsgegenständen, entwickelten eine Bildsprache, die sich zwischen Dada, Volkskunst und Pop bewegte und sich zugleich jeder eindeutigen Zuordnung entzog. Andy Warhol, mit dem sie eng verbunden war, nannte sie die «erste Künstlerin mit Glamour». Ihre Werke wurden zu ikonischen Kommentaren auf Gesellschaft, Rollenbilder und Inszenierungen von Macht. 

Marisol mit La visita 1964 Atelierfotografie Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Marisol mit La visita 1964 Atelierfotografie Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich – Mit freundlicher Genehmigung von: kunstzuerich / Kunsthaus Zürich
Biografisch geprägt von Bewegung zwischen Kontinenten entfaltet sich Marisols Werk aus einer Erfahrung kultureller Vielschichtigkeit. Geboren in Paris, aufgewachsen zwischen Europa, Venezuela und den Vereinigten Staaten, entwickelte sie früh eine eigenständige künstlerische Haltung. Ihre Ausbildung führte sie von der École des beaux-arts nach New York, wo sie unter anderem die Hans Hofmann School besuchte, vieles jedoch autodidaktisch erarbeitete. Bereits in den 1960er-Jahren wurde sie neben Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg oder Jean Tinguely ausgestellt und etablierte sich als unverwechselbare Stimme ihrer Zeit.

Ihr Werk bewegt sich zwischen US-amerikanischer Pop Art und europäischem Nouveau Réalisme, ohne sich je vollständig einordnen zu lassen. Gerade diese Unschärfe verleiht ihm seine heutige Aktualität.

Marisol verhandelt Themen wie das traditionelle Familienbild, soziale Ungleichheit, die Rolle der Frau sowie den Umgang mit politischer Macht und Celebrities. Mit Ironie und analytischer Schärfe entlarvt sie gesellschaftliche Konstruktionen und entwirft zugleich vielschichtige Selbstbilder.

Nach einem bewussten Rückzug aus dem Kunstbetrieb ab den späten 1960er-Jahren geriet ihr Werk zunehmend in den Hintergrund, obwohl sie kontinuierlich weiterarbeitete. Erst die Aufarbeitung ihres Nachlasses und eine umfassende Neubewertung in Nordamerika führten zu einer Wiederentdeckung, die nun in Europa ihren konsequenten Höhepunkt findet.

Das Kunsthaus Zürich versammelt rund 100 Werke – darunter etwa 60 Skulpturen und Objekte sowie Arbeiten auf Papier, Fotografien und filmische Dokumente. Ein Grossteil dieser Arbeiten ist erstmals in Europa zu sehen und verdeutlicht die formale Innovationskraft und gesellschaftskritische Präzision dieser aussergewöhnlichen Künstlerin. 

Marisol Saca la Lengua 1972 Lithografie Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Marisol Untitled 1976 Zeichnung Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Marisol Portrait of Betty 1961 Zeichnung Relief Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Marisol Saca la Lengua 1972 Lithografie Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich • Marisol Untitled 1976 Zeichnung Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich • Marisol Portrait of Betty 1961 Zeichnung Relief Kunsthaus Zürich Ausstellung Pop Art (c) Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich – Mit freundlicher Genehmigung von: kunstzuerich / Kunsthaus Zürich

Portrait of Betty“ (1961) verdichtet Marisol zu einer irritierenden Bildmontage zwischen Zeichnung und Skulptur. Im Zentrum öffnet sich eine ovale Aussparung, in der ein fragmentiertes Gesicht erscheint: sinnliche Lippen, leicht geöffnet, daneben ein zweites Gesicht mit geschlossenen Augen. Eine Hand mit lackierten Nägeln drängt von unten gegen das Kinn, als würde sie den Blick oder die Geste formen.

Seitlich treten weitere Gesichter hinzu, nur teilweise sichtbar, ihre Blicke fragmentiert, kaum greifbar. Finger ragen in die Öffnung hinein, als würden sie die Grenze zwischen Innen und Aussen auflösen. Die schrillen, fast übersteigerten Farben verstärken den Eindruck einer zersplitterten Identität – ein Bild zwischen Projektion, Begehren und Kontrolle.

Diese Ausstellung ist mehr als eine Retrospektive. Sie ist eine späte, notwendige Korrektur des kunsthistorischen Blicks – und zugleich die Wiederbegegnung mit einer Position, deren Dringlichkeit heute stärker erscheint denn je.

Mit dieser Retrospektive gelingt dem Kunsthaus Zürich mehr als eine Wiederentdeckung – es entsteht ein konzentrierter Blick auf eine künstlerische Position, die lange zwischen den Kategorien stand und gerade deshalb heute neue Relevanz gewinnt. Marisol wird nicht nur als historische Figur sichtbar, sondern als eigenständige Stimme, deren Werk zentrale Fragen der Gegenwart vorwegnimmt und zugleich präzise kommentiert.

Was Marisol in den 1960er-Jahren sichtbar machte, wirkt bis in die Gegenwart fort – ein Rollenbild der Frau, das in manchen Kulturen noch immer in ähnlicher Weise fortbesteht.

Tags: Marisol, Pop Art, Nouveau Réalisme, Skulpturen, Retrospektive, Zeitgenössische Kunst, Fotografie, Arbeiten auf Papier, Objekte, Film

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