Ernst Ludwig Kirchner Weiblicher Akt in Grün Blau und Rosa 1925 Davos Ausstellung Wichtrach Bern
Ernst Ludwig Kirchner Weiblicher Akt in Grün Blau und Rosa 1925 Davos Ausstellung Wichtrach Bern – Mit freundlicher Genehmigung von: henze-ketterer.com / Galerie Henze & Ketterer

Wann: 21.10.2025 - 17.07.2026

Ernst Ludwig Kirchner erfindet sich neu“ – in Wichtrach wird diese Ausstellung zu einer konzentrierten Annäherung an jene Phase, in der der Künstler seinen sogenannten „Neuen Stil“ entwickelte und damit eine entscheidende Wendung innerhalb seines Werks vollzog. Die Präsentation macht sichtbar, wie sich Kirchners Bildsprache in den Davoser Jahren neu formierte und verdichtete.

Ernst Ludwig Kirchner – Weiblicher Akt in Grün, Blau und Rosa

Auf den ersten Blick erscheinen die Gesichtszüge männlich geprägt, beinahe maskenhaft reduziert. Erst bei näherer Betrachtung entfaltet sich eine ambivalente Figur, deren Körper zwischen Zuschreibungen oszilliert. Der Oberkörper wirkt kantig und von einer gewissen Strenge bestimmt, während sich im weiteren Verlauf weichere, weiblich konnotierte Formen durchsetzen.

Im Hintergrund öffnet sich die Komposition zu einer vielschichtigen Bildwelt: Links erscheint ein weiblicher Akt, während sich rechts eine weitere, leicht bekleidete weibliche Figur zeigt, begleitet von einem Pferd. Dieses Motiv verweist auf Kirchners wiederkehrende Bildwelt der Davoser Jahre, in der Figuren, Tiere und Landschaft zu einer symbolisch aufgeladenen Einheit verschmelzen. Das Pferd fungiert dabei nicht nur als staffageartiges Element, sondern als Träger einer archaischen, naturverbundenen Dimension, die der Szene zusätzliche Spannung verleiht.

Ernst Ludwig Kirchner Artisten an Ringen 1923–1928 Gemälde mit akrobatischen Figuren und expressiver Farbkomposition
Ernst Ludwig Kirchner Erna im Atelier 1927 Zeichnung mit stehender weiblicher Figur im Innenraum und expressiver Farbgestaltung
Ernst Ludwig Kirchner Artisten an Ringen 1923–1928 Gemälde mit akrobatischen Figuren und expressiver Farbkomposition • Ernst Ludwig Kirchner Erna im Atelier 1927 Zeichnung mit stehender weiblicher Figur im Innenraum und expressiver Farbgestaltung – Mit freundlicher Genehmigung von: henze-ketterer.com / Galerie Henze & Ketterer

Kirchner verbindet diese Elemente zu einem offenen Bildraum, in dem sich Innen- und Außenwelt durchdringen und Identität nicht als feste Kategorie erscheint, sondern als fluider Zustand zwischen Körper, Natur und Wahrnehmung.

Die Farbigkeit in Grün, Blau und Rosa unterstreicht diese Verschiebung. Flächen und Linien greifen ineinander, lösen sich voneinander und erzeugen eine Bildsprache zwischen Figuration und Abstraktion. In dieser Arbeit zeigt sich, wie Kirchner in den Davoser Jahren zu einer ruhigeren, zugleich komplexeren Form findet.

Ernst Ludwig Kirchner Liegende Frau auf Sofa 1926 Zeichnung mit liegendem weiblichen Akt und skizzenhafter Farbgestaltung
Ernst Ludwig Kirchner Liegende Frau auf Sofa 1926 Zeichnung mit liegendem weiblichen Akt und skizzenhafter Farbgestaltung – Mit freundlicher Genehmigung von: henze-ketterer.com / Galerie Henze & Ketterer

„Die Ausstellung widmet sich Ernst Ludwig Kirchners Werken des sogenannten „Neuen Stils“ – einer Schaffensphase, die der Künstler ab Mitte der 1920er-Jahre entwickelte und bis in die Mitte der 1930er-Jahre fortführte. Über zwei Etagen entfaltet sich eine prägnante Werkschau, die anhand ausgewählter Gemälde im Erdgeschoss und Arbeiten auf Papier im Untergeschoss die charakteristischen Merkmale, Entwicklungen und Eigenheiten dieses „Neuen Stils“ nachvollziehbar macht. Ziel ist es, dieser Phase innerhalb von Kirchners Œuvre den ihr gebührenden Stellenwert zu verleihen.“

„Mit dieser Ausstellung leistet unsere Galerie zugleich einen Beitrag zur derzeit intensiv geführten Auseinandersetzung mit Kirchners Werk und dem Neuen Stil – wie sie unter anderem in den aktuellen Präsentationen im Kunst Museum Bern (Kirchner x Kirchner), im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster (Kirchner und Picasso), in der Kunsthalle Mannheim (Kirchner, Lehmbruck, Nolde) sowie im Kirchner Museum Davos prominent zum Ausdruck kommt.“

Ernst Ludwig Kirchner Melancholischer Kopf Portrait 1929 Holzschnitt mit expressiv verzerrtem Gesicht und markanten Schwarz-Weiß-Kontrasten
Ernst Ludwig Kirchner Pianist und Sängerin 1928 Holzschnitt mit zwei stilisierten Figuren bei musikalischer Darstellung in starkem Schwarz-Weiß-Kontrast
Ernst Ludwig Kirchner Badeanstalt 1936 Holzschnitt mit Badenden Figuren und architektonischer Szene
Ernst Ludwig Kirchner Melancholischer Kopf Portrait 1929 Holzschnitt mit expressiv verzerrtem Gesicht und markanten Schwarz-Weiß-Kontrasten • Ernst Ludwig Kirchner Pianist und Sängerin 1928 Holzschnitt mit zwei stilisierten Figuren bei musikalischer Darstellung in starkem Schwarz-Weiß-Kontrast • Ernst Ludwig Kirchner Badeanstalt 1936 Holzschnitt mit Badenden Figuren und architektonischer Szene – Mit freundlicher Genehmigung von: henze-ketterer.com / Galerie Henze & Ketterer

Was sich hier entfaltet, ist keine Rückschau, sondern eine präzise Positionierung innerhalb der kunsthistorischen Diskussion. Ernst Ludwig Kirchner erscheint als Künstler im Übergang, als Maler, der in Davos eine neue Bildordnung findet. Landschaft, Figuren und Farbe scheinen sich zu beruhigen und zugleich zu verdichten; Linien werden geschwungener, Formen klarer gefasst, Flächen homogener organisiert.

Kirchner kam 1917 nach Davos und fand in der Abgeschiedenheit der Alpen eine neue künstlerische Perspektive. Die Erfahrungen aus der Berliner Zeit bleiben spürbar, werden jedoch transformiert. Szenen des städtischen Lebens weichen Darstellungen von Bergbauern, Tänzerinnen und Akten in konzentrierten Kompositionen. Die expressive Nervosität früherer Jahre wird durch eine kontrollierte, beinahe meditative Formensprache ersetzt.

Die Ausstellung folgt diesem Prozess mit ruhiger Konsequenz und zeigt, wie sich Kirchner über die Jahre hinweg eine eigene visuelle Ordnung erarbeitet. Motive aus Dresden und Berlin treten zurück, während die Davoser Bildwelt an Gewicht gewinnt. Figuren und Landschaften verschränken sich, Perspektiven lösen sich auf – eine ruhige Intensität prägt die Werke.

Ernst Ludwig Kirchner Fliegende Menschen im Zirkus 1933 Holzschnitt mit akrobatischen Figuren in dynamischer Bewegung und starkem Schwarz-Weiß-Kontrast
Ernst Ludwig Kirchner Fliegende Menschen im Zirkus 1933 Holzschnitt mit akrobatischen Figuren in dynamischer Bewegung und starkem Schwarz-Weiß-Kontrast – Mit freundlicher Genehmigung von: henze-ketterer.com / Galerie Henze & Ketterer

Dabei wird deutlich, dass der sogenannte „Neue Stil“ keine Abkehr im klassischen Sinne darstellt, sondern eine Verdichtung der bisherigen künstlerischen Erfahrung. Die Werke wirken geschlossener, zugleich offener in ihrer Wahrnehmung. Gegenstände werden vereinfacht, ohne an Ausdruck zu verlieren, und die Malerei gewinnt eine eigenständige Balance zwischen Abstraktion und Figuration.

Diese Präsentation versteht sich als konzentrierter Beitrag zur Neubewertung eines Künstlers, dessen Werk sich eindeutigen Kategorien entzieht. Kirchner erscheint als Suchender, der in der Stille der Berge zu einer Bildsprache findet, deren Konsequenz sich erst in der Rückschau vollständig erschließt.

Text: Alexandra Henze

Die Ausstellung in Wichtrach zeigt, wie sich innerhalb weniger Jahre eine künstlerische Sprache neu ordnet. Ernst Ludwig Kirchner erscheint nicht als abgeschlossene Figur der Klassischen Moderne, sondern als Künstler in Bewegung, dessen Werk sich aus innerer Notwendigkeit weiterentwickelt. Gerade in den Davoser Jahren verdichtet sich diese Entwicklung zu einer Bildwelt von klarer Struktur und stiller Intensität.

In der Gegenüberstellung von Gemälden und Arbeiten auf Papier wird dieser Prozess nachvollziehbar und gewinnt an Präzision. Die Ausstellung zeigt damit nicht nur eine stilistische Phase, sondern einen entscheidenden Moment innerhalb des Gesamtwerks von Ernst Ludwig Kirchner und leistet einen präzisen Beitrag zur aktuellen kunsthistorischen Einordnung seines sogenannten „Neuen Stils“.

Die Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer macht sichtbar, wie Ernst Ludwig Kirchner in seinen Davoser Jahren zu einer reduzierten, zugleich radikal modernen Bildsprache fand. Zwischen Malerei, Zeichnung und Holzschnitt entfaltet sich ein Werk, das bis heute zu den eindringlichsten Positionen des deutschen Expressionismus zählt.

Tags: Ernst Ludwig Kirchner, Deutscher Expressionismus, Klassische Moderne, Expressionismus, Moderne Kunst, Malerei

Dienstag – Freitag: 10:00 – 18:00 Uhr
Samstag: 11:00 – 16:00 Uhr
Montag & Sonntag: geschlossen
Besuch nach Vereinbarung möglich