„THOU SHALL NOT KILL“ © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien
Im Zentrum steht eine junge Frau, die dieses Schild hält. Ihr Blick wirkt ruhig, fast gesammelt, während sie die Botschaft in den öffentlichen Raum trägt. Links geht eine Frau im kurzen Mantel und Rock scheinbar achtlos vorbei, rechts ein Mann im Sakko mit Aktentasche – beide in Bewegung, beide ohne erkennbare Reaktion.
Die Szene entfaltet ihre Wirkung gerade durch diesen Kontrast. Zwischen der stillen Dringlichkeit des Protests und der Routine des Alltags entsteht eine Spannung, die wie eine Momentaufnahme gesellschaftlicher Gleichgültigkeit wirkt. Es ist, als würde das Bild zeigen, wie eine klare moralische Aussage im Strom des täglichen Lebens untergeht – gesehen, aber nicht wirklich wahrgenommen.
Barbara Pflaum verdichtet hier eine einfache Straßenszene zu einer präzisen Beobachtung. Ein Moment, in dem Engagement und Gleichgültigkeit nebeneinander bestehen.
Barbara Pflaum, Passanten vor Fernseher im Schaufenster Wien um 1960, Gruppe beobachtet TV-Gerät im Elektrogeschäft, Schwarzweißfotografie © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien
Eine andere Szene: Betroffen und still versammelt stehen Frauen mit Kopftuch und Hut – damals selbstverständlich im westlichen Alltag – vor dem Fernseher im Schaufenster eines Elektrogeschäfts. Ihre Blicke sind gerichtet, fast gebannt, als würde sich hinter dem Glas eine neue Wirklichkeit öffnen. Im Hintergrund ein Mann mit Hut, zurückhaltend, beinahe im Schatten.
Auch hier zeigt sich Pflaums Gespür für jene Übergänge, in denen sich Gesellschaft verändert. Das gemeinsame Schauen wird zum stillen Ritual, das Bild im Schaufenster zum Vorzeichen einer neuen Zeit.
So entsteht im MAK ein vielschichtiges fotografisches Porträt Wiens vor mehr als einem halben Jahrhundert. Barbara Pflaums Arbeiten zeigen, welche Kraft im flüchtigen Moment liegt – vorausgesetzt, man betrachtet ihn mit Aufmerksamkeit, Geduld und einem klaren Blick für das Wesentliche.
Barbara Pflaum, Zeitungsverkäuferin Wien um 1960, Frau liest Zeitung am Straßenstand mit internationalen Magazinen und Schild „Bitte haltet die Straßen rein“, Schwarzweißfotografie © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum • Barbara Pflaum, Nachtcafé Schwarzenberg Wien 1961, zwei Frauen im Kaffeehaus mit Zeitung, Spiegelungen und Innenraum, Schwarzweißfotografie © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien
Barbara Pflaum begann ihren Weg in die Fotografie vergleichsweise spät. Mit 40 Jahren, geschieden und Mutter von drei Kindern, nahm sie ein Studium an der Akademie für angewandte Kunst in Wien auf, entdeckte dort die Kamera für sich und widmete sich ihr mit Entschlossenheit. Den ersten Apparat erhielt sie Anfang der 1950er Jahre von ihrem damaligen Partner Herbert Tichy. Zunächst fotografierte sie ihre Kinder und Freundinnen, bevor diese frühen Porträts die Aufmerksamkeit eines Laborbesitzers weckten, der sie ermutigte, ihre Arbeiten einer Illustrierten vorzulegen.
Zwischen 1954 und 1958 arbeitete Pflaum für die Wiener Illustrierte. In dieser Zeit begegnete sie dem japanisch-amerikanischen Fotografen Yoichi Okamoto, Leiter der Bildredaktion des US-Informationsdienstes, der junge Fotografen im modernen Fotojournalismus schulte. Diese Zusammenarbeit prägte ihren Stil und führte zu ersten Veröffentlichungen im Wiener Kurier.
Barbara Pflaum, junge Männer mit Migrationshintergrund Wien 1959, Porträt von drei Männern im urbanen Alltag, Schwarzweißfotografie © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum • Barbara Pflaum, Maronibraterin Wien 1970, Frau mit Kopftuch an Maronistand auf Wiener Markt, Schwarzweißfotografie © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien
Ab Mitte der 1950er Jahre war Pflaum für die Wochenpresse unterwegs. Sie fotografierte Theater- und Opernpremieren, Vernissagen, politische Veranstaltungen und gesellschaftliche Ereignisse, porträtierte Staatsoberhäupter und Künstler und dokumentierte zentrale Momente des öffentlichen Lebens. Viele ihrer Porträts erschienen auf Titelseiten und gehörten zu jenen Arbeiten, auf die sie besonders stolz war.
Neben diesen Aufträgen hielt sie unermüdlich das alltägliche Leben Wiens fest: Menschen in Kaffeehäusern, auf Märkten, in Parks oder im öffentlichen Raum. Besonders interessierte sie der Wandel der Stadt – Umbau, Abriss und Neubau als sichtbare Zeichen einer Gesellschaft im Übergang.
Barbara Pflaum, spielendes Kind vor dem Theseustempel im Volksgarten Wien um 1960, unscharfe Kinderfigur im Vordergrund und Statue im Hintergrund, Schwarzweißfotografie © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien
Viele dieser Fotografien entstanden im Vorübergehen als persönliche Beobachtungen am Rand des offiziellen Geschehens. Einige fanden Eingang in den 1961 erschienenen Bildband „Wie ist Wien?“, der größere Teil blieb jedoch unveröffentlicht und ruhte jahrzehntelang im Archiv der Fotografin. Heute eröffnen diese Aufnahmen einen lebendigen und zugleich feinsinnigen Blick auf Wien und seine Bewohner.
Die meisten in der Ausstellung gezeigten Abzüge stammen aus Pflaums eigenem Archiv, das heute bei brandstaetter images aufbewahrt wird. Es handelt sich um von ihr selbst gefertigte Abzüge mit sichtbaren Gebrauchsspuren – Arbeitsmaterial im eigentlichen Sinn.
Eng mit ihrer Bildsprache verbunden ist die Rolleiflex, eine zweiäugige Kamera für 6×6-cm-Film. Diese Technik verlangte ein bewusstes Arbeiten: Nach jeweils zwölf Aufnahmen musste der Film gewechselt werden, komponiert wurde im quadratischen Format, während für den Druck oft beschnitten wurde. Die Kamera wurde auf Hüfthöhe gehalten.
Barbara Pflaum, Jungen im Klassenzimmer Schweden 1954, Schüler vor Tafel mit Schrift, Porträt eines Jungen im Vordergrund, Schwarzweißfotografie © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum • Barbara Pflaum, Kinder springen aus Fenster Schule Schweden 1954, zwei Jungen im Moment des Absprungs, Schwarzweißfotografie © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum – Mit freundlicher Genehmigung von: makpresse / MAK Wien
Typisch für viele ihrer Fotografien ist eine vielschichtige Komposition: eine unscharfe Vordergrundfläche, dahinter der Raum und schließlich das eigentliche Geschehen – ein kurzer Moment, eine Begegnung, eine Geste. Diese Struktur verleiht den Bildern Dynamik und lenkt den Blick präzise.
Karolina Ziębińska, Kuratorin der Ausstellung, ist Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt Fotografie und leitete zuletzt das Museum of Warsaw.
Und vielleicht ist es genau das, was bleibt: In der Gegenwart wiederholen sich die Bilder Barbara Pflaums.