Die Gegenwart antwortet darauf mit einer Vielzahl von Stimmen, die sich zwischen Konzeptkunst, politischer Reflexion und materieller Erweiterung der Malerei bewegen. Farkhondeh Shahroudi in der Galerie Barbara Thumm verbindet textile Elemente, Sprache und Erinnerung zu vielschichtigen Bildräumen, die Fragen von Migration und Identität verhandeln. Parallel dazu entwickelt Philipp Gufler bei BQ eine konzeptuelle Praxis, die sich mit Leerstellen der Geschichte beschäftigt und verdrängte Narrative sichtbar macht.
In Shahroudis Arbeit verdichtet sich diese Haltung zu einer fragilen, zugleich eindringlichen Bildwelt aus Stoff und Geste. In einem hellen, fast leeren Raum öffnet sich eine Szene, die zwischen Schwere und Schweben oszilliert: Eine dunkle, menschliche Figur neigt sich nach vorne, getragen von einem leuchtend roten, textilen Element, das zugleich Körper und Raum definiert. Die Oberfläche ist von Nähten durchzogen, als würde sich die Form erst im Moment des Betrachtens zusammenfügen.
Daneben erscheint eine zweite Figur – leichter, fragmentierter, mit angedeuteten Flügeln und doppeltem Kopf. Weiß, von schwarzen Linien durchzogen, wirkt sie weniger körperlich als vielmehr wie ein flüchtiges Zeichen. Beide Formen stehen in einem Spannungsverhältnis von Gewicht und Auflösung, von Körper und Erinnerung, von Präsenz und Entzug.
Mit „Counter City“, kuratiert von Juliette Desorgues, verdichtet sich dieser Diskurs schließlich zu einer explizit politischen Perspektive. Positionen wie Cosima von Bonin, Jana Euler, Klara Lidén oder Sophy Rickett untersuchen den urbanen Raum als Ort, in dem sich Machtstrukturen einschreiben und reproduzieren – eine zeitgenössische Erweiterung kritischer Stadt- und Gesellschaftstheorien innerhalb der Kunst.