Kirsten Justesen – Lunch, 1975/2018, Farbfotografie, Frau im Einkaufswagen auf Landstraße, SAMMLUNG VERBUND Wien © Kirsten Justesen / Bildrecht, Wien 2026
Kirsten Justesen – Lunch, 1975/2018, Farbfotografie, Frau im Einkaufswagen auf Landstraße, SAMMLUNG VERBUND Wien © Kirsten Justesen / Bildrecht, Wien 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien

Wann: 12.03.2026 - 28.06.2026

Die Albertina hat mit „CARE MATTERS“ eine Ausstellung eröffnet, die wie ein leiser Paukenschlag wirkt – sinnlich, politisch und von brennender Aktualität, eine Ausstellung Wien, die das Unsichtbare sichtbar macht und das Fundament unserer Gesellschaft neu verhandelt.

In der Tietze Galerie entfaltet sich vom 12. März bis 28. Juni 2026 die Schau „CARE MATTERS. Eine Ausstellung der SAMMLUNG VERBUND“, kuratiert von Gabriele Schor. Rund 50 Werke von 33 internationalen Künstlern spannen einen Bogen von der Feministischen Avantgarde der 1970er-Jahre bis zu zeitgenössischen Positionen. Viele Arbeiten sind erstmals in Österreich zu sehen und stammen aus jüngsten Erwerbungen der Sammlung. Im Zentrum steht ein Thema, das lange im Verborgenen blieb: Care- und Sorgearbeit als unsichtbares Rückgrat unseres Zusammenlebens.

Fürsorge, Pflege, Verantwortung – Begriffe, die selten im Rampenlicht stehen, obwohl sie jede Gesellschaft tragen. Bereits 1942 formulierte Albert Camus in Auseinandersetzung mit Martin Heidegger: „Die einfache Sorge ist aller Dinge Anfang.“ Die Ausstellung greift diese doppelte Bedeutung von Sorge auf – als emotionale Bindung ebenso wie als konkrete Tätigkeit – und zeigt ihre Ambivalenz zwischen Erfüllung und Belastung.

Birgit Jürgenssen, Hausfrauen-Küchenschürze, 1975, Schwarz-Weiss-Fotografie, SAMMLUNG VERBUND, Wien und Galerie Hubert Winter © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht, Wien 2026
Birgit Jürgenssen, Hausfrauen-Küchenschürze, 1975, Schwarz-Weiss-Fotografie, SAMMLUNG VERBUND, Wien und Galerie Hubert Winter © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht, Wien 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien
Der Rundgang beginnt in der Küche, einem Ort, der historisch wie symbolisch weiblich codiert ist. Künstlerische Positionen entwickeln hier eine eigenständige visuelle Sprache, die zwischen Objekt, Installation und gesellschaftlicher Analyse oszilliert.

Gabriele Schor beschreibt diesen Wandel präzise: „In den 1970er-Jahren tritt der weibliche Körper als Objekt häuslicher Ordnung auf, wie bei Birgit Jürgenssen, Martha Rosler, Margaret Raspé und Karin Mack. Die Hausfrau ist in ihrer Identitätspolitik im Kontext von Macht, Gender und Ökonomie gefangen. Die jüngere Künstlerinnengeneration rückt zwar Herd (Sophie Gogl), Küchengeräte (Lena Henke) und Geschirr (Nicole Wermers) ins Blickfeld, die Hausfrau, das Subjekt der Sorge- und Care-Arbeit, ist allerdings abwesend. Diese Abwesenheit verweist auf den Zeichencharakter zeitgenössischer Werke. Feministische Objektkultur wird zur Trägerin einer anderen sozialen Erfahrung.“

Internationale Perspektiven erweitern den Blick: Werke von Sandra Eleta, Natalia Iguiñiz Boggio, Letícia Parente, Mary Sibande und Lorna Simpson thematisieren die globale Verlagerung von Care-Arbeit. Sie machen sichtbar, dass diese häufig von marginalisierten Gruppen getragen wird – von Schwarzen Frauen, People of Colour und indigenen Gemeinschaften – und tief in kolonialen und sozialen Ungleichheiten verwurzelt ist. Mehrere dieser Arbeiten sind erstmals in Österreich zu sehen.

Ein weiterer Raum widmet sich der Spannung zwischen Elternschaft und künstlerischer Praxis. Werke von Renate Bertlmann, Annegret Soltau, Hannah Cooke und Hansel Sato zeigen Care-Arbeit als Balanceakt zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Erwartung. Fragen nach Mental Load, Gleichverteilung und Rollenbildern treten dabei eindringlich in den Vordergrund.

Małgorzata Markiewicz – Pinafores, 2002/2017, Fotografie, Frau beim Kartoffelschälen im häuslichen Kontext, SAMMLUNG VERBUND Wien © Małgorzata Markiewicz / Bildrecht, Wien 2026
Mary Sibande – They Don’t Make Them Like They Used To, 2008, Fotografie, Frau in historischer Dienstmädchenkleidung mit Symbolik, SAMMLUNG VERBUND Wien © Mary Sibande / Bildrecht, Wien 2026
Małgorzata Markiewicz – Pinafores, 2002/2017, Fotografie, Frau beim Kartoffelschälen im häuslichen Kontext, SAMMLUNG VERBUND Wien © Małgorzata Markiewicz / Bildrecht, Wien 2026 • Mary Sibande – They Don’t Make Them Like They Used To, 2008, Fotografie, Frau in historischer Dienstmädchenkleidung mit Symbolik, SAMMLUNG VERBUND Wien © Mary Sibande / Bildrecht, Wien 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien

Mit Blick auf eine alternde Gesellschaft rückt die Ausstellung auch die Pflege älterer Generationen ins Zentrum. Fotografien von Akihito Yoshida sowie die Collagen von Frida Orupabo zeigen Care als Beziehung, als fragile, aber essenzielle Form des Zusammenhalts. Sorge erscheint hier als gemeinschaftliche Praxis – als Ausdruck von Nähe, Abhängigkeit und Verantwortung.

Zum Abschluss entfalten Künstlerinnen wie Kirsten Justesen, See Red Women’s Workshop, Marlene Haring, Małgorzata Markiewicz, Anna Schölß und Christine Lederer eine widerständige Bildsprache. Mit Ironie und Schärfe artikulieren sie den Frust über strukturelle Ungleichheit und die zunehmende Last des Sorgetragens.

Nicole Wermers – Reclining Female #6, 2024, Skulptur auf Reinigungswagen mit Haushaltsobjekten, SAMMLUNG VERBUND Wien © Nicole Wermers / Bildrecht, Wien 2026
Nicole Wermers – Reclining Female #6, 2024, Skulptur auf Reinigungswagen mit Haushaltsobjekten, SAMMLUNG VERBUND Wien © Nicole Wermers / Bildrecht, Wien 2026 – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien

„CARE MATTERS unterstreicht einmal mehr die gute langjährige Kooperation zwischen ALBERTINA und SAMMLUNG VERBUND und passt hervorragend zur programmatischen Neuausrichtung mit mehr Solopräsentationen von Künstlerinnen und einem verstärkten Fokus auf Themenausstellungen. Ich danke der Gründungsdirektorin Gabriele Schor für diese großartig kuratierte Schau“, freut sich ALBERTINA Generaldirektor Ralph Gleis über die neue Ausstellung.

VERBUND CEO Michael Strugl ergänzt: „Mit der Ausstellung CARE MATTERS setzt die SAMMLUNG VERBUND ihr langjähriges Engagement für feministische und gesellschaftspolitisch relevante Kunst fort. CARE MATTERS beleuchtet ein aktuelles sozialpolitisches Thema, nämlich die Wertschätzung und Sichtbarkeit von Sorge- und Care-Arbeit in unserer Gesellschaft. Die künstlerische Auseinandersetzung trifft hier mit der sozialen Thematik zusammen, für die sich VERBUND ebenso einsetzt: Seit mehr als 15 Jahren sind die beiden großen karitativen Organisationen Caritas und Diakonie starke Kooperationspartner von VERBUND.“

Natalia Iguiñiz Boggio – Charo y Rosario (La Otra), 2001, Farbfotografie, zwei Frauen in kontrastierenden Rollenbildern im Innenraum, SAMMLUNG VERBUND Wien © Natalia Iguiñiz Boggio
Natalia Iguiñiz Boggio – Charo y Rosario (La Otra), 2001, Farbfotografie, zwei Frauen in kontrastierenden Rollenbildern im Innenraum, SAMMLUNG VERBUND Wien © Natalia Iguiñiz Boggio – Mit freundlicher Genehmigung von: AlbertinaMuseum / Albertina Wien

„CARE MATTERS“ ist mehr als eine Ausstellung Wien – sie ist ein eindringlicher Appell. Wenn Care-Arbeit das Fundament unserer Gesellschaft bildet, warum bleibt ihre Anerkennung so gering? Die Albertina stellt diese Fragen mit visueller Kraft und kuratorischer Präzision – und macht sichtbar, was lange übersehen wurde.

Tags: Malerei, Nicole Wermers, Sammlung Verbund, CARE MATTERS, Zeitgenössische Kunst, Feministische Kunst, Haushaltsgeräte, Gender Kunst, Gegenwartskunst, Installation

Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr Mittwoch 10.00 bis 21.00 Uhr