Der Umgang mit der Farbe ist ebenso wichtig, ich mische alle Farben selbst aus den gängigen Zeichentuschefarben und verwende sie selten in ihrer reinen Form. Stattdessen werden die Farbtöne geschichtet und gemischt, um eine dynamische, sich verändernde Palette zu schaffen. Die Farben jagen einander. Es ist wichtig, die Oberfläche ständig herauszufordern. Dabei entsteht ein monotones Kratzgeräusch, das nur durch das erneute Eintauchen der Feder in das Tuschefass unterbrochen wird. Diese Beschreibung hört sich rasant an, in Wirklichkeit dauert es ewig, bis ein Bild fertig ist. Meistens Monate, schonmal ein Jahr. Ich versuche, unsere komplexe Realität verständlich zu machen. So wie sich ein Mathematiker mit Formeln, Gleichungen, Hypothesen verständlich macht, versuche ich durch meine Werke ein Ergebnis dieses Verständnisses zu zeichnen. Wenn man mit dem Auge ganz nah an die Leinwand geht, offenbaren die Striche eine Komplexität, bei der jeder Strich zu einem größeren, zusammenhängenden Ganzen beiträgt. Diese Methode der Schichtung und des Aufbaus der Oberfläche spiegelt die Anhäufung von Gedanken und Erfahrungen im menschlichen Geist wider und betont die Verflechtung einzelner Momente zu einer umfassenden, komplexen, inneren Landschaft. Dabei geht es stark um die Empfindung und ein Gefühl im Moment. Und dann ist die Frage, wann die Zeichnung fertig ist. Wenn man noch einen Schritt weiter geht, verliert man sehr oft die Zeichnung. Die Momente kurz vor der Fertigstellung können die Zerstörung bedeuten. Aber wenn man dieses kleine Risiko nicht eingeht, bleibt es in der Regel in einem Bereich, der nicht gut genug ist. Es braucht also das, was es fast zerstört, um es zu vollenden. Und genau das ist rätselhaft.
In gewisser Weise beginne ich irgendwann im Leben der Zeichnung zurückzutreten – es ist, als würde ich am Ende verschwinden und es ist das Ding, das lebt. Die Oberfläche muss an irgendeiner Stelle etwas beinhalten, das ich mir wünsche, aber zu Beginn weiß ich noch nicht, wonach ich eigentlich suche. Man muss also in der Lage sein, auch das Unerwartete zu erkennen. Mit meiner Strich- Wiederholung schaffe ich mir einen ganz eigenen Kosmos, der für mich zugleich wunderschön und überwältigend ist. Das schönste für mich ist, dass ich immer weiter zeichnen kann, es gibt keinen Grund aufzuhören. Dadurch entsteht eine Dynamik irgendwo zwischen Meditation und selbst erbautem Gefängnis. Für mich ist der interessanteste Teil, das Werk einfach aus der Lust und dem Prozess heraus entstehen zu lassen, mit all diesen Komplikationen.
Linda Berger
Mit „Hard Facts From The Fiction Department“ gewährt Linda Berger einen persönlichen Einblick in ihre Arbeitsweise und ihre Auffassung von Zeichnung als offenen, risikoreichen Prozess. Die Ausstellung bei Suppan Fine Arts in Wien zeigt, wie aus Wiederholung, Verdichtung und Farbe vielschichtige abstrakte Bildräume entstehen und vermittelt einen unmittelbaren Zugang zum Denken und Schaffen der Künstlerin.