Linda Berger, Hard Facts From The Fiction Department, Ausstellungsansicht bei Suppan Fine Arts Wien mit großformatigen abstrakten Zeichnungen und farbintensiven Bildwelten.
Linda Berger, Hard Facts From The Fiction Department, Ausstellungsansicht bei Suppan Fine Arts Wien mit großformatigen abstrakten Zeichnungen und farbintensiven Bildwelten. – Mit freundlicher Genehmigung von: suppanfinearts / Suppan Fine Arts Wien

Wann: 21.05.2026 - 03.07.2026

Mit der Ausstellung „Hard Facts From The Fiction Department“ präsentiert die Wiener Galerie Suppan Fine Arts aktuelle Arbeiten von Linda Berger. Die Ausstellung in Wien gibt Einblick in die Arbeitsweise der Künstlerin, deren großformatige Zeichnungen aus Tausenden von Federstrichen, vielschichtigen Tuscheschichten und einem offenen, prozessorientierten Ansatz entstehen. Im folgenden Text beschreibt Linda Berger selbst ihre künstlerische Praxis, ihren Umgang mit Farbe und Material sowie die Bedeutung von Risiko, Intuition und Wiederholung im Entstehungsprozess ihrer Werke.

Meine Technik besteht darin, unzählige Federstriche in einer sich wiederholenden, fast meditativen Weise aufzutragen, um eine lebendige, organische Oberfläche zu schaffen. Ich verwende kurze, oft vertikale Linien/Striche mit Tusche und Zeichenfeder. Es ist für mich die einfachste Art, ein starkes Zeichen zu schaffen. 

Am Beginn des Zeichenprozesses finde ich eine Positionsbestimmung. Ich beginne und mache erste emotionale und physische Erfahrungen mit der Feder auf der Leinwand, ohne Konzept und Vorlage. Ich kann nicht gut erklären, wie das geht, es fühlt sich an, wie wenn ich immer noch herauszufinden versuche, wie man zeichnet! Es entsteht wie ein Gespräch zwischen der Leinwand und mir. Und dann beginnt ein Prozess, in dem man akzeptieren muss, dass es naturgemäß viele Risiken gibt und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Dinge nicht nach Plan verlaufen, und das ist ein wirklich guter und wichtiger Teil des Prozesses! Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr sich die Zeichnung im Laufe ihres Entstehungsprozesses verändert. Wenn man sich auf eine Art Reise mit seinem Werk begibt, kann man zu Beginn nicht wissen, wo man am Ende landen wird und man lernt nichts, wenn man schon zu Beginn versucht, das Ende zu erreichen. Ich muss also schon im Prozess scheitern. Die Zeichnung muss brodeln, sie muss kämpfen, ich kämpfe dagegen an, in mir entsteht ein Zerstörungswunsch und deshalb werden Schicht über Schicht aufeinander gezeichnet. Es ist ein ständiges Hin und Her.

Linda Berger, The Future Of An Illusion (2024), abstrakte Zeichnung mit farbintensiven Federstrukturen in Grün-, Gelb- und Violetttönen
Nocturnal (2026) von Linda Berger – vielschichtige abstrakte Zeichnung mit feinen Liniengeflechten, dunkler Farbpalette und atmosphärischer Tiefenwirkung.
Linda Berger, The Future Of An Illusion (2024), abstrakte Zeichnung mit farbintensiven Federstrukturen in Grün-, Gelb- und Violetttönen • Nocturnal (2026) von Linda Berger – vielschichtige abstrakte Zeichnung mit feinen Liniengeflechten, dunkler Farbpalette und atmosphärischer Tiefenwirkung. – Mit freundlicher Genehmigung von: suppanfinearts / Suppan Fine Arts Wien

Der Umgang mit der Farbe ist ebenso wichtig, ich mische alle Farben selbst aus den gängigen Zeichentuschefarben und verwende sie selten in ihrer reinen Form. Stattdessen werden die Farbtöne geschichtet und gemischt, um eine dynamische, sich verändernde Palette zu schaffen. Die Farben jagen einander. Es ist wichtig, die Oberfläche ständig herauszufordern. Dabei entsteht ein monotones Kratzgeräusch, das nur durch das erneute Eintauchen der Feder in das Tuschefass unterbrochen wird. Diese Beschreibung hört sich rasant an, in Wirklichkeit dauert es ewig, bis ein Bild fertig ist. Meistens Monate, schonmal ein Jahr. Ich versuche, unsere komplexe Realität verständlich zu machen. So wie sich ein Mathematiker mit Formeln, Gleichungen, Hypothesen verständlich macht, versuche ich durch meine Werke ein Ergebnis dieses Verständnisses zu zeichnen. Wenn man mit dem Auge ganz nah an die Leinwand geht, offenbaren die Striche eine Komplexität, bei der jeder Strich zu einem größeren, zusammenhängenden Ganzen beiträgt. Diese Methode der Schichtung und des Aufbaus der Oberfläche spiegelt die Anhäufung von Gedanken und Erfahrungen im menschlichen Geist wider und betont die Verflechtung einzelner Momente zu einer umfassenden, komplexen, inneren Landschaft. Dabei geht es stark um die Empfindung und ein Gefühl im Moment. Und dann ist die Frage, wann die Zeichnung fertig ist. Wenn man noch einen Schritt weiter geht, verliert man sehr oft die Zeichnung. Die Momente kurz vor der Fertigstellung können die Zerstörung bedeuten. Aber wenn man dieses kleine Risiko nicht eingeht, bleibt es in der Regel in einem Bereich, der nicht gut genug ist. Es braucht also das, was es fast zerstört, um es zu vollenden. Und genau das ist rätselhaft.

In gewisser Weise beginne ich irgendwann im Leben der Zeichnung zurückzutreten – es ist, als würde ich am Ende verschwinden und es ist das Ding, das lebt. Die Oberfläche muss an irgendeiner Stelle etwas beinhalten, das ich mir wünsche, aber zu Beginn weiß ich noch nicht, wonach ich eigentlich suche. Man muss also in der Lage sein, auch das Unerwartete zu erkennen. Mit meiner Strich- Wiederholung schaffe ich mir einen ganz eigenen Kosmos, der für mich zugleich wunderschön und überwältigend ist. Das schönste für mich ist, dass ich immer weiter zeichnen kann, es gibt keinen Grund aufzuhören. Dadurch entsteht eine Dynamik irgendwo zwischen Meditation und selbst erbautem Gefängnis. Für mich ist der interessanteste Teil, das Werk einfach aus der Lust und dem Prozess heraus entstehen zu lassen, mit all diesen Komplikationen.

Linda Berger

Mit „Hard Facts From The Fiction Department“ gewährt Linda Berger einen persönlichen Einblick in ihre Arbeitsweise und ihre Auffassung von Zeichnung als offenen, risikoreichen Prozess. Die Ausstellung bei Suppan Fine Arts in Wien zeigt, wie aus Wiederholung, Verdichtung und Farbe vielschichtige abstrakte Bildräume entstehen und vermittelt einen unmittelbaren Zugang zum Denken und Schaffen der Künstlerin.

Tags: Linda Berger, Zeitgenössische Kunst, Tuschmalerei, Gegenwartskunst, Zeichnungen, Federzeichnungen

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