Wer an Andy Warhol denkt, hat meist Suppendosen, Marilyn Monroe oder Elvis Presley vor Augen. Seine Pop-Art-Ikonen machten ihn zu einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Doch Jahre bevor Warhol die Bildsprache der Konsumgesellschaft revolutionierte, entstand ein Werk, das kaum jemand kennt: eine poetische Welt aus Feen, Putten und märchenhaften Fantasiegestalten.
Ein besonders eindrucksvolles Blatt der Serie zeigt zwei nackte, frauenähnliche Feen- oder Puttenfiguren mit kleinen Flügeln. Im Vordergrund liegt eine Figur mit kurzem rötlichem Haar auf dem Rücken. Ein Bein ist angewinkelt und berührt mit dem Fuß den Boden, während das andere elegant nach oben ausgestreckt ist. Die weich modellierten Körperformen wirken zugleich anmutig und stilisiert.
Über ihr schwebt eine zweite, langhaarige Feenfigur in entspannter, nahezu schwereloser Haltung. Sie stützt den Kopf auf einen Arm und hält in der anderen Hand einen geöffneten Fächer. Die geschwungenen Körperlinien und die ruhige Pose verleihen der Szene eine träumerische Leichtigkeit.
Links erhebt sich eine einzelne rote Blüte, die den titelgebenden Garten andeutet und die Fantasiefiguren in eine märchenhafte Naturkulisse einbettet. Die reduzierte Komposition, die feinen Konturen und die sparsame Kolorierung sind charakteristisch für Warhols frühe Blotted-Line-Technik und verleihen dem Blatt eine elegante Leichtigkeit. Gleichzeitig lassen die unbekümmerten Posen und die sanft erotischen Anspielungen bereits jene subtile Mehrdeutigkeit erkennen, die sein späteres Werk auszeichnen sollte.
Auf den ersten Blick kaum vorstellbar: Diese poetischen Illustrationen stammen aus der Hand jenes Künstlers, der nur wenige Jahre später mit den Campbell's Soup Cans und den Porträts von Marilyn Monroe die Pop Art revolutionieren sollte. Gerade dieser Kontrast macht „In the Bottom of My Garden“ zu einem der faszinierendsten Frühwerke Andy Warhols.
Dieses Blatt steht exemplarisch für jene märchenhafte Bildwelt, die Andy Warhol lange vor seinen berühmten Pop-Art-Ikonen entwickelte. Heute bildet diese selten gezeigte Werkgruppe den Mittelpunkt der Sommerausstellung „In the Bottom of My Garden“ bei Shapero Modern in London. Bis zum 31. August 2026 eröffnet die Galerie einen außergewöhnlichen Blick auf den jungen Andy Warhol der 1950er-Jahre – einen Künstler, der bereits als erfolgreicher Werbegrafiker in New York arbeitete und zugleich nach seiner eigenen Bildsprache suchte.