Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956), frühe Illustration mit märchenhaften Feenfiguren und Blume, ausgestellt bei Shapero Modern in Londo
Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956), frühe Illustration mit märchenhaften Feenfiguren und Blume, ausgestellt bei Shapero Modern in Londo – Mit freundlicher Genehmigung von: shaperomodern.com / Shapero Modern London

Wann: 18.07.2026 - 31.08.2026

Wer an Andy Warhol denkt, hat meist Suppendosen, Marilyn Monroe oder Elvis Presley vor Augen. Seine Pop-Art-Ikonen machten ihn zu einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Doch Jahre bevor Warhol die Bildsprache der Konsumgesellschaft revolutionierte, entstand ein Werk, das kaum jemand kennt: eine poetische Welt aus Feen, Putten und märchenhaften Fantasiegestalten.

Ein besonders eindrucksvolles Blatt der Serie zeigt zwei nackte, frauenähnliche Feen- oder Puttenfiguren mit kleinen Flügeln. Im Vordergrund liegt eine Figur mit kurzem rötlichem Haar auf dem Rücken. Ein Bein ist angewinkelt und berührt mit dem Fuß den Boden, während das andere elegant nach oben ausgestreckt ist. Die weich modellierten Körperformen wirken zugleich anmutig und stilisiert.

Über ihr schwebt eine zweite, langhaarige Feenfigur in entspannter, nahezu schwereloser Haltung. Sie stützt den Kopf auf einen Arm und hält in der anderen Hand einen geöffneten Fächer. Die geschwungenen Körperlinien und die ruhige Pose verleihen der Szene eine träumerische Leichtigkeit.

Links erhebt sich eine einzelne rote Blüte, die den titelgebenden Garten andeutet und die Fantasiefiguren in eine märchenhafte Naturkulisse einbettet. Die reduzierte Komposition, die feinen Konturen und die sparsame Kolorierung sind charakteristisch für Warhols frühe Blotted-Line-Technik und verleihen dem Blatt eine elegante Leichtigkeit. Gleichzeitig lassen die unbekümmerten Posen und die sanft erotischen Anspielungen bereits jene subtile Mehrdeutigkeit erkennen, die sein späteres Werk auszeichnen sollte.

Auf den ersten Blick kaum vorstellbar: Diese poetischen Illustrationen stammen aus der Hand jenes Künstlers, der nur wenige Jahre später mit den Campbell's Soup Cans und den Porträts von Marilyn Monroe die Pop Art revolutionieren sollte. Gerade dieser Kontrast macht „In the Bottom of My Garden“ zu einem der faszinierendsten Frühwerke Andy Warhols.

Dieses Blatt steht exemplarisch für jene märchenhafte Bildwelt, die Andy Warhol lange vor seinen berühmten Pop-Art-Ikonen entwickelte. Heute bildet diese selten gezeigte Werkgruppe den Mittelpunkt der Sommerausstellung „In the Bottom of My Garden“ bei Shapero Modern in London. Bis zum 31. August 2026 eröffnet die Galerie einen außergewöhnlichen Blick auf den jungen Andy Warhol der 1950er-Jahre – einen Künstler, der bereits als erfolgreicher Werbegrafiker in New York arbeitete und zugleich nach seiner eigenen Bildsprache suchte.

Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Zwei geflügelte Fantasiefiguren mit farbenprächtigen Schmetterlingsflügeln in einer frühen Illustration aus Warhols seltenem Frühwerk.
Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Zwei geflügelte Fantasiefiguren mit farbenprächtigen Schmetterlingsflügeln in einer frühen Illustration aus Warhols seltenem Frühwerk. – Mit freundlicher Genehmigung von: shaperomodern.com / Shapero Modern London

Zwei geflügelte, androgyne Fantasiefiguren stehen sich nahezu spiegelbildlich gegenüber. Ihre Gesichter nähern sich so weit an, dass sich die Nasenspitzen beinahe berühren. Die farbenprächtigen Schmetterlingsflügel verleihen der Komposition eine ornamentale Leichtigkeit, während eine stilisierte Blüte den titelgebenden Garten andeutet. Mit wenigen Linien und sparsamer Kolorierung schafft Warhol eine poetische Bildwelt zwischen Märchen, Fantasie und Jugendstil.

Die großen, dekorativen Schmetterlingsflügel erinnern an die ornamentale Formensprache des Jugendstils. Warhol greift ein Motiv auf, das um 1900 häufig mit Feen, Blumen und Naturwesen verbunden wurde, interpretiert es jedoch auf seine ganz eigene Weise. Aus der Verbindung von zarten Konturen, leuchtenden Farben und einer subtilen erotischen Spannung entsteht eine Bildwelt, die weniger an religiöse Engel als an märchenhafte Wesen zwischen Fantasie und Traum erinnert.

Die 1956 in einer kleinen privaten Auflage veröffentlichte Serie „In the Bottom of My Garden“ zählt zu den außergewöhnlichsten Frühwerken Warhols. Inspiriert von dem Kindergedicht „There Are Fairies at the Bottom of Our Garden“ der britischen Autorin Rose Fyleman schuf der damals erst 27-jährige Künstler 21 zarte Illustrationen. Feen, Engel und Putten bevölkern darin eine traumhafte, bisweilen humorvolle und überraschend sinnliche Welt. Warhol hatte sich zu dieser Zeit bereits als erfolgreicher Werbegrafiker in New York etabliert und entwickelte mit seiner Blotted-Line-Technik eine unverwechselbare Handschrift. Weit entfernt von den späteren Stars der Pop Art offenbart sich hier ein Künstler mit feinem Gespür für Poesie, Eleganz und erzählerische Fantasie.

Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Gruppe tanzender Putten mit leuchtend orange- und gelbfarbenem Haar in einer frühen Illustration aus Warhols poetischem Frühwerk.
Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Gruppe tanzender Putten mit leuchtend orange- und gelbfarbenem Haar in einer frühen Illustration aus Warhols poetischem Frühwerk. – Mit freundlicher Genehmigung von: shaperomodern.com / Shapero Modern London

Das Kindergedicht erzählt aus der Perspektive eines Kindes, das fest daran glaubt, dass am Ende des Gartens Feen leben. Tagsüber bleiben sie verborgen, doch nachts tanzen und feiern sie zwischen Blumen und Gräsern. Erwachsene können diese Welt nicht sehen – nur Kinder kennen ihr Geheimnis. Diese märchenhafte Atmosphäre voller Fantasie, Unschuld und kindlicher Vorstellungskraft griff Warhol auf und verwandelte sie in eine Bildwelt, die gleichermaßen verspielt wie persönlich wirkt.

Technisch markieren die Blätter einen entscheidenden Schritt in Warhols Entwicklung. Bei der Blotted-Line-Technik werden gezeichnete Linien durch einen Übertragungsprozess auf Papier vervielfältigt und anschließend von Hand koloriert. Dadurch erhielt jedes Blatt einen individuellen Charakter. Diese Verbindung von Reproduktion und Einzigartigkeit sollte Warhols künstlerisches Denken noch Jahrzehnte prägen und später zu einem zentralen Element seiner Pop Art werden.

Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Fantasiegestalt mit Geige neben einer geflügelten Figur – frühe Illustration aus Warhols poetischem Frühwerk der 1950er-Jahre.
Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Fantasiegestalt mit Geige neben einer geflügelten Figur – frühe Illustration aus Warhols poetischem Frühwerk der 1950er-Jahre. – Mit freundlicher Genehmigung von: shaperomodern.com / Shapero Modern London

Ein grünes, grashüpferartiges Fantasiewesen spielt auf einer Geige und erinnert mit seiner aufrechten Haltung an einen Musiker auf einer Bühne. Ihm gegenüber liegt eine nackte Frauenfigur mit langen blonden Haaren und kleinen Engelsflügeln. Obwohl sie in Rückenansicht dargestellt ist, richtet sie ihren Blick mit einem kecken, beinahe verschmitzten Ausdruck über die Schulter zum Betrachter. Die geschwungene Körperhaltung und die betont modellierten Hüften verleihen der Figur eine zugleich sinnliche und märchenhafte Präsenz.

Die ungewöhnliche Gegenüberstellung eines musizierenden Insektenwesens und einer geflügelten Frauenfigur verbindet Humor, Fantasie und subtile Erotik. Mit wenigen Linien, sparsamer Kolorierung und einer spielerischen Leichtigkeit erschafft Warhol eine surreale Bildwelt, in der Märchen, Traum und Illustration zu einer poetischen Einheit verschmelzen. Gerade in solchen Blättern zeigt sich die Freiheit seiner frühen Schaffensphase – lange bevor er mit den Ikonen der Pop Art weltberühmt wurde.

Besonders faszinierend ist, wie sich hinter der scheinbaren Unschuld der Märchenwelt bereits jene Ambivalenz verbirgt, die Warhols späteres Werk prägen sollte. Zwischen Blumen, geflügelten Wesen und spielerischen Figuren entfalten sich subtile erotische Anspielungen und ein feiner Humor, die den frühen Zeichnungen überraschende Tiefe verleihen. Hier begegnet uns ein sensibler Beobachter, der lange vor seinen berühmten Siebdrucken eine eigenständige Bildsprache entwickelte.

Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Zwei Putten begegnen einer violett gekleideten Blumenfee in einer poetischen Illustration aus Warhols frühem Schaffen.
Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Zwei geflügelte Fantasiefiguren in leuchtenden Gelb-, Grün- und Rottönen aus Warhols seltenem illustrativen Frühwerk.
Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Frühe Illustration mit geflügelter Fantasiefigur und kleiner Fee in einer roten Blüte aus Warhols seltenem Frühwerk.
Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Zwei Putten begegnen einer violett gekleideten Blumenfee in einer poetischen Illustration aus Warhols frühem Schaffen. • Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Zwei geflügelte Fantasiefiguren in leuchtenden Gelb-, Grün- und Rottönen aus Warhols seltenem illustrativen Frühwerk. • Andy Warhol, In the Bottom of My Garden (1956): Frühe Illustration mit geflügelter Fantasiefigur und kleiner Fee in einer roten Blüte aus Warhols seltenem Frühwerk. – Mit freundlicher Genehmigung von: shaperomodern.com / Shapero Modern London

Die Londoner Ausstellung macht deutlich, dass Andy Warhol weit mehr war als der Chronist der amerikanischen Konsumgesellschaft. Seine frühen Illustrationen erzählen von Fantasie, Intimität und künstlerischer Experimentierfreude. Sie eröffnen einen seltenen Blick auf einen jungen Illustrator, den nur wenige kennen – einen Künstler, dessen poetische Fantasie bereits jene kreative Radikalität erkennen lässt, mit der er wenig später die Kunstgeschichte verändern sollte. Gerade deshalb zählt „In the Bottom of My Garden“ zu den faszinierendsten Wiederentdeckungen seines Frühwerks.

Tags: Andy Warhol, Illustration, Feen, Putten, Fantasie, Kinder, Kunstgeschichte, Erotik, Zeichnung, Druckgrafik, Jugendstil, Frühe Moderne, Blotted-Line-Technik, Pop Art

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