Leoncillo Leonardi mit der Keramikskulptur „Taglio rosso“, 1961, im Atelier – historisches Porträt des italienischen Bildhauers während der Arbeit an seinem bedeutenden keramischen Werk.
Leoncillo Leonardi mit „Taglio rosso“, 1961 – historisches Atelierporträt des italienischen Bildhauers. – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Thaddaeus Ropac Salzburg

Wann: 16.09.2026 - 14.11.2026

Leoncillo – "Perché più bruci" bei Thaddaeus Ropac in Mailand zeigt, dass gebrannter Ton zu den emotionalsten Materialien der modernen Bildhauerei werden kann. In der Ausstellung Mailand widmet Thaddaeus Ropac dem italienischen Bildhauer Leoncillo Leonardi seine erste Einzelausstellung in der Galerie und eröffnet zugleich den Auftakt einer mehrjährigen Ausstellungsreihe. Was zunächst wie eine Präsentation expressiver Keramik erscheint, entpuppt sich beim Rundgang als eindrucksvolle Reise durch ein Werk, das Material, Natur und menschliche Erfahrung untrennbar miteinander verbindet.

Leoncillo verstand Ton nie als bloßen Werkstoff. Für ihn war Keramik ein lebendiges Material, das Spannung, Erinnerung und Veränderung sichtbar machen konnte. Die Ausstellung trägt den Titel „Perché più bruci“ – „Je mehr es brennt“ – und verweist damit nicht nur auf den Brennvorgang im Ofen, sondern auf einen schöpferischen Prozess, in dem Feuer das Material ebenso verwandelt wie den Künstler selbst.

Leoncillo Leonardi, „Taglio rosso“, 1964 – Skulptur aus Steinzeug und Email, Schlüsselwerk der italienischen Nachkriegsskulptur.
Leoncillo Leonardi, „Taglio rosso“, 1964 – Skulptur aus Steinzeug und Email, Schlüsselwerk der italienischen Nachkriegsskulptur. – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Thaddaeus Ropac Salzburg
Schon beim Blick auf die Arbeiten wird deutlich, dass die Skulpturen keine glatten Oberflächen suchen. Risse, Aufbrüche und offene Strukturen bestimmen das Erscheinungsbild. Die Keramik scheint zu wachsen, aufzubrechen und sich ständig weiterzuentwickeln. Gerade diese Verletzlichkeit verleiht den Arbeiten ihre außergewöhnliche Ausdruckskraft.

Vor den aufgerissenen Keramiken entsteht ein eigenartiger Moment der Stille. Die tiefen Spalten wirken wie offene Wunden, zugleich aber auch wie Orte neuen Lebens. Je länger man die Oberflächen betrachtet, desto mehr verlieren sie ihre Schwere. Aus gebrannter Erde wird plötzlich Bewegung.

Leoncillos künstlerische Entwicklung führte von einer zunächst figurativen Bildsprache zu einer immer freieren Abstraktion. Während frühe Werke wie Madre romana uccisa dai tedeschi (1944) die Schrecken des Krieges und des Faschismus noch unmittelbar darstellen, löst sich die menschliche Figur in den folgenden Jahrzehnten zunehmend auf. An ihre Stelle treten aufgerissene Formen, organische Strukturen und expressive Oberflächen. Leoncillo begann, Ton und Terrakotta bewusst mit Messern und Metalldrähten aufzuschneiden und aufzubrechen. Für ihn war dieser Eingriff kein Selbstzweck, sondern ein „entscheidender, grausamer und befreiender Akt“, durch den das Material selbst zum Träger von Erinnerung, Schmerz und Erneuerung wurde.

Im Zentrum der Ausstellung steht das wiederkehrende Motiv des Baumes, das Leoncillo seit seinen frühen Zeichnungen der 1930er-Jahre beschäftigte. Natur und menschlicher Körper verschmelzen dabei zu einer organischen Bildsprache, die sich durch sein gesamtes Werk zieht und in den späten Arbeiten nochmals an Intensität gewinnt.

Leoncillo Leonardi arbeitet zwischen monumentalen Keramikskulpturen im Atelier – Filmszene aus der Leoncillo Foundation.
Leoncillo Leonardi arbeitet zwischen monumentalen Keramikskulpturen im Atelier – Filmszene aus der Leoncillo Foundation. – Mit freundlicher Genehmigung von: ropac / Thaddaeus Ropac Salzburg

Die Mailänder Ausstellung vereint Skulpturen und Arbeiten auf Papier aus vier Jahrzehnten und macht nachvollziehbar, wie Leoncillo die Möglichkeiten keramischer Bildhauerei grundlegend neu definierte. Seine Werke lösen sich zunehmend von traditionellen Formen und entwickeln eine freie, beinahe malerische Sprache, in der Material und Geste untrennbar miteinander verbunden sind.

Leoncillo zählt zu den bedeutendsten italienischen Bildhauern der Nachkriegszeit. Seine Werke wurden mehrfach auf der Biennale von Venedig gezeigt und befinden sich heute unter anderem in den Sammlungen des Centre Pompidou in Paris, des Museo Reina Sofía in Madrid, des Solomon R. Guggenheim Museum in New York sowie weiterer internationaler Museen. Damit nimmt sein Werk bis heute eine bedeutende Stellung innerhalb der europäischen Nachkriegsskulptur ein.

Mit „Perché più bruci“ eröffnet Thaddaeus Ropac nicht nur den ersten Teil einer Leoncillo-Trilogie, sondern lädt dazu ein, einen Künstler neu zu entdecken, der die keramische Skulptur des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt hat und dessen Werk bis heute kunsthistorisch wie museal von außergewöhnlicher Bedeutung ist.

Tags: Leoncillo Leonardi, Skulpturen, Bildhauer, Keramik, Nachkriegskunst, Zeitgenössische Kunst

Montag–Freitag: 10:00–18:00 Uhr
Geschlossen: 1.–31. August 2026.