Niki de Saint Phalle, La tempérance, Modell für den „Jardin des tarots“, 1985, in der Ausstellung „Dream Machine“
Niki de Saint Phalle, La tempérance, Modell für den „Jardin des tarots“, 1985, in der Ausstellung „Dream Machine“ – Mit freundlicher Genehmigung von: smkp / Museum Kunstpalast

Wann: 10.09.2026 - 07.02.2027

Niki de Saint Phalle wollte nicht schöne Kunst schaffen. Sie wollte sich befreien. Ihre Werke sind Antworten auf Verletzungen, auf gesellschaftliche Rollenbilder und auf eine Kunstwelt, in der Frauen lange als Muse betrachtet wurden, aber selten als gleichberechtigte Künstlerinnen. Farbe wird bei ihr nicht Dekoration, sondern Widerstand. Jede Figur behauptet sich gegen eine Welt, die ihr Grenzen setzen wollte.

Niki de Saint Phalle, La tempérance
Der Engel scheint sich leichtfüßig durch den Raum zu bewegen. Doch seine wahre Kraft liegt nicht im Tanz, sondern im Gleichgewicht. Zwischen den beiden Kelchen fließt das Leben – ruhig, ununterbrochen und ohne einen Tropfen zu verlieren. Niki de Saint Phalle macht aus der Tarotkarte der Mäßigkeit ein Bild für die Kunst, Gegensätze miteinander zu verbinden. Denn wahre Stärke entsteht nicht aus Kampf, sondern aus Harmonie.

Mit der Ausstellung „Dream Machine“ zeigt der Kunstpalast nicht nur mehr als 100 Werke einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Schau zeichnet nach, wie Niki de Saint Phalle über vier Jahrzehnte hinweg ihre persönliche Geschichte in eine universelle Bildsprache verwandelte. Schießbilder, Nanas, Filme, Happenings und Modelle ihrer monumentalen Skulpturen erzählen von einer Künstlerin, die Kunst als Ausdruck von Mut, Unabhängigkeit und Veränderung verstand.

Niki de Saint Phalle, I am the Nana Dream House, 1967, Entwurf einer begehbaren Nana in der Ausstellung „Dream Machine“
Niki de Saint Phalle, I am the Nana Dream House, 1967, Entwurf einer begehbaren Nana in der Ausstellung „Dream Machine“ – Mit freundlicher Genehmigung von: smkp / Museum Kunstpalast

Doch dieser Weg begann nicht mit den berühmten Nanas. Am Anfang stand Wut. Anfang der 1960er-Jahre schuf Niki de Saint Phalle ihre legendären Schießbilder. Mit einem Gewehr ließ sie Farbbeutel aufbrechen, die hinter einer Gipsschicht verborgen waren. Der Moment der Zerstörung wurde zum schöpferischen Akt. Jeder Schuss war zugleich Protest und Befreiung – gegen persönliche Verletzungen ebenso wie gegen gesellschaftliche Konventionen. Aus Aggression entstand Farbe, aus Schmerz ein neues Bild.

Wer anschließend den Nanas begegnet, erkennt sie mit anderen Augen. Ihre leuchtenden Farben und üppigen Formen wirken zunächst heiter und unbeschwert. Doch sie sind weit mehr als fröhliche Figuren. Sie feiern Frauen, die Raum einnehmen, Selbstbewusstsein ausstrahlen und sich nicht länger nach den Erwartungen anderer richten. Aus dem jahrhundertelang idealisierten Frauenbild der Kunstgeschichte wird bei Niki de Saint Phalle eine selbstbestimmte Persönlichkeit.

Niki de Saint Phalle, Nana rouge jambes en l'air, um 1968, Skulptur in der Ausstellung „Dream Machine“
Niki de Saint Phalle, Nana rouge jambes en l'air, um 1968, Skulptur in der Ausstellung „Dream Machine“ – Mit freundlicher Genehmigung von: smkp / Museum Kunstpalast

Niki de Saint Phalle, Nana rouge jambes en l'air, um 1968

Auf den ersten Blick wirkt ihre Fülle fast spielerisch. Erst beim längeren Betrachten wird sie zu einer Haltung. Keine Rüstung aus Stahl, sondern eine Hülle aus Farbe, Lebensfreude und Selbstvertrauen. Sie schützt nicht vor der Welt – sie macht Mut, ihr ohne Angst zu begegnen.

Die Ausstellung bleibt jedoch nicht bei diesen ikonischen Werken stehen. Schießbilder, Frauenfiguren, Happenings, Filme und Modelle ihrer monumentalen Skulpturen im öffentlichen Raum zeigen, wie konsequent die Künstlerin ihre Bildsprache weiterentwickelte. Zugleich eröffnet der Kunstpalast den Blick auf ihr künstlerisches Umfeld und stellt ihre Arbeiten in einen Dialog mit Weggefährten wie Jean Tinguely und Robert Rauschenberg sowie mit Künstlerinnen wie Yayoi Kusama, Dorothy Iannone und Alina Szapocznikow. So wird deutlich, dass Niki de Saint Phalle nicht nur eine außergewöhnliche Einzelposition war, sondern Teil einer Generation, die Kunst und Gesellschaft neu dachte.

Zwischen den kräftigen Farben und den spielerischen Formen geschieht etwas Unerwartetes. Die Werke wollen nicht bewundert werden – sie wollen berühren. Sie erzählen davon, wie aus Verletzlichkeit Stärke entstehen kann und wie Kunst manchmal der mutigste Weg ist, das eigene Leben neu zu erfinden.

Tags: Niki de Saint-Phalle, Skulpturen, Nanas, Tarot, Nachkriegskunst, Zeitgenössische Kunst, Blue Chip Art

Di-So 11–18 Uhr, Do 11-21 Uhr