Irène Zurkinden, Marie-Eve au peigne bleu, 1941 – Porträt einer jungen Frau mit blauem Kamm in der Ausstellung bei Hauser & Wirth Basel. © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso
Irène Zurkinden, Marie-Eve au peigne bleu, 1941 – Porträt einer jungen Frau mit blauem Kamm in der Ausstellung bei Hauser & Wirth Basel. © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Wann: 27.08.2026 - 28.11.2026

Die junge Frau nimmt eine selbstbewusste, fast beiläufig wirkende Haltung ein. Ein Bein ruht angewinkelt auf einer kleinen Holzkiste, die linke Hand stützt sich locker auf das Knie, während die rechte selbstbewusst in die Hüfte greift. Die Pose vermittelt Präsenz und Eigenständigkeit, wirkt jedoch niemals aufgesetzt oder theatralisch.

Sie trägt eine lange weiße Jacke mit Spitzenabschlüssen über einem hellen, rot gepunkteten Oberteil mit tiefem Ausschnitt. Der grüne Rock reicht bis knapp unter das Knie, dunkle Nylonstrümpfe und schwarze Pumps verleihen der Figur Eleganz. Die Kleidung erinnert an das urbane Leben der 1940er-Jahre, ohne zum eigentlichen Mittelpunkt des Bildes zu werden.

Irène Zurkinden, Marie-Eve au peigne bleu, 1941 – Porträt einer jungen Frau mit blauem Kamm © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso
Irène Zurkinden, Marie-Eve au peigne bleu, 1941 – Porträt einer jungen Frau mit blauem Kamm © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth
Der Raum erzählt leise mit. Links scheint ein Paravent zu stehen, über den ein helles, geblümtes Kleid oder Stoff fällt. Rechts befindet sich ein roter Polsterstuhl, auf dessen Sitzfläche ein auffällig blauer Kamm liegt – jenes kleine Detail, das dem Gemälde seinen Titel gibt. Im Hintergrund hängt ein kleines Bild, das an eine tanzende Cancan-Tänzerin erinnert und den Blick unauffällig in eine zweite Erzählebene führt.

Je länger man das Gemälde betrachtet, desto deutlicher wird jedoch, dass Zurkinden weder Mode noch Interieur in den Mittelpunkt stellt. Möbel und Hintergrund bleiben skizzenhaft und zurückhaltend. Ihre Aufmerksamkeit gilt ganz der dargestellten Frau.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke Irène Zurkindens. Sie interessiert sich nicht für die perfekte Inszenierung eines Porträts, sondern für den Menschen hinter der äußeren Erscheinung. Die elegante Kleidung beschreibt eine Zeit, der Blick erzählt eine Stimmung. So entsteht ein Bild, das nicht nur eine Frau zeigt, sondern einen flüchtigen, beinahe intimen Moment ihres inneren Lebens festhält.

Sie steht selbstbewusst im Raum. Doch ihr Blick bleibt bei sich. Zwischen Eleganz und Nachdenklichkeit entsteht jene leise Spannung, die Zurkindens Porträts bis heute so berührend macht.

Irène Zurkinden, Ohne Titel (Untitled), 1953 – Zeichnung mit drei stilisierten Vögeln und handschriftlicher französischer Notiz „Fuyez, rentrez, n'hésitez pas“ in der Ausstellung bei Hauser & Wirth Basel. © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso
Irène Zurkinden, Ohne Titel (Untitled), 1953 – Zeichnung mit drei stilisierten Vögeln und handschriftlicher französischer Notiz „Fuyez, rentrez, n'hésitez pas“ in der Ausstellung bei Hauser & Wirth Basel. © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Drei Vögel genügen Irène Zurkinden, um Bewegung sichtbar zu machen. Darunter schreibt sie auf Französisch: „Fuyez, rentrez, n'hésitez pas“ – „Flieht, kehrt zurück, zögert nicht.“ Die Worte wirken wie ein flüchtiger Gedanke, die Linien wie eine Erinnerung. In diesen wenigen Strichen zeigt sich eine Künstlerin, die nicht das Sichtbare festhalten wollte, sondern den Augenblick, bevor er wieder verschwindet.

Zwischen den großen Namen der Moderne öffnet sich bei Hauser & Wirth in Basel eine Ausstellung, die nicht laut werden muss, um lange nachzuklingen. Die Einzelausstellung von Irène Zurkinden widmet sich einer Künstlerin, deren Bilder den Menschen nicht erklären wollen – sie begegnen ihm. Von den frühen 1930er-Jahren bis in die 1980er spannt sich ein Werk, das sich jeder einfachen kunsthistorischen Schublade entzieht und gerade deshalb heute überraschend aktuell wirkt.

Die Schweizer Malerin Irène Zurkinden in ihrem Atelier vor einem ihrer Gemälde. © Estate Irène Zurkinden. Foto: S. Zurkinden
Die Schweizer Malerin Irène Zurkinden in ihrem Atelier vor einem ihrer Gemälde. © Estate Irène Zurkinden. Foto: S. Zurkinden – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Während viele Künstler des 20. Jahrhunderts nach neuen Stilrichtungen, Manifesten oder ästhetischen Programmen suchten, scheint Irène Zurkinden eine andere Frage beschäftigt zu haben: Wie zeigt sich ein Mensch, wenn jede Rolle für einen Moment verschwindet?

Diese Haltung zieht sich durch die Ausstellung. Porträts, Selbstporträts und Arbeiten auf Papier erzählen nicht von gesellschaftlichem Glanz oder psychologischer Dramatisierung. Sie richten ihren Blick auf das Dazwischen – auf Nachdenklichkeit, Nähe, Unsicherheit und stille Selbstverständlichkeit. Ihre Figuren wirken nicht inszeniert. Sie scheinen einfach da zu sein.

Irène Zurkinden, Portrait Meret Oppenheim, um 1934 – Porträt der Schweizer Künstlerin und Weggefährtin Meret Oppenheim. © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso
Irène Zurkinden, Portrait Meret Oppenheim, um 1934 – Porträt der Schweizer Künstlerin und Weggefährtin Meret Oppenheim. © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth
Die Basler Malerin entwickelte eine eigenständige Bildsprache zwischen den Einflüssen des Surrealismus und des Neoimpressionismus, ohne sich einer bestimmten Kunstrichtung zu unterwerfen. Geboren 1909 in Basel, lebte sie über Jahrzehnte zwischen Basel und Paris. Dort begegnete sie unter anderem Meret Oppenheim, später wurde sie Mitglied der Basler Gruppe 33. Doch wichtiger als jede kunsthistorische Zuordnung erscheint ihr konsequent unabhängiger Blick. Die Ausstellung macht deutlich, dass Zurkinden nicht einer Bewegung folgen wollte – sie folgte ihrer eigenen Beobachtung des Menschen.

Gerade ihre Porträts zeigen diese Haltung eindrucksvoll. Sie verzichten auf Pathos und große Gesten. Stattdessen entsteht eine stille Spannung zwischen Nähe und Distanz. Die Gesichter scheinen nicht für den Betrachter zu posieren. Sie bleiben bei sich. Dadurch gewinnen die Bilder eine zeitlose Offenheit, die weit über ihre Entstehungszeit hinausweist.

Manche Bilder erzählen keine Geschichte. Sie warten darauf, dass der Betrachter seine eigene darin entdeckt. Vor Zurkindens Figuren entsteht nicht das Gefühl, jemanden anzusehen – sondern für einen Augenblick gemeinsam zu schweigen.

Ebenso aufschlussreich sind die ausgestellten Zeichnungen und Arbeiten auf Papier. Mit wenigen, scheinbar mühelosen Linien hält Zurkinden Bewegungen, Begegnungen und flüchtige Beobachtungen fest. Ihre Skizzenbücher waren keine Nebenarbeiten, sondern ein wesentlicher Teil ihres künstlerischen Denkens. Sie zeigen eine Künstlerin, die ihre Umwelt nicht katalogisierte, sondern aufmerksam begleitete.

Irène Zurkinden, Ohne Titel (Untitled), 1953 – Zeichnung und Collage mit französischem Zeitungsausschnitt über Charlie Chaplin, Modezeichnung und handschriftlicher Notiz „aimer pour vivre, vivre pour mourir“. © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso
Irène Zurkinden, Ohne Titel (Untitled), 1953 – Zeichnung und Collage mit französischem Zeitungsausschnitt über Charlie Chaplin, Modezeichnung und handschriftlicher Notiz „aimer pour vivre, vivre pour mourir“. © Estate Irène Zurkinden. Foto: Margherita Raso – Mit freundlicher Genehmigung von: hauserwirth.com / Gallery Hauser & Wirth

Auf der linken Seite integriert Irène Zurkinden einen französischen Zeitungsausschnitt mit einem Bericht über Charlie Chaplin. Die Nachrichtenwelt ihrer Zeit wird so Teil ihrer eigenen Bildsprache. Zusammen mit der flüchtigen Modezeichnung und der handschriftlichen Notiz „aimer pour vivre, vivre pour mourir“ („Lieben, um zu leben. Leben, um zu sterben.“) entsteht eine Collage, in der Alltagsbeobachtung, persönliche Gedanken und künstlerische Skizze zu einem visuellen Tagebuch verschmelzen.

Die Präsentation in Basel vereint Gemälde und Arbeiten auf Papier aus den frühen 1930er- bis in die 1980er-Jahre. Im Mittelpunkt stehen Porträts und Selbstporträts, die den Blick auf Zurkindens persönliche Bildwelt eröffnen und zugleich ihre Entwicklung über mehrere Jahrzehnte nachvollziehbar machen.

Heute wird Irène Zurkinden zunehmend neu entdeckt – nicht, weil sie einer vergessenen Kunstrichtung angehörte, sondern weil ihre Kunst Fragen stellt, die zeitlos geblieben sind. Ihre Bilder erzählen nicht von spektakulären Ereignissen. Sie erzählen von Menschen. Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb sie uns auch Jahrzehnte später noch so unmittelbar begegnen.

Tags: Irène Zurkinden, Malerei, Neosurrealismus, Surrealismus, 20. Jahrhundert Kunst, Arbeiten auf Papier, Porträtkunst, Zeichnungen, Moderne Kunst, Charlie Chaplin

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