Jan van Eyck, Portrait of a Man (Self Portrait?), 1433 – National Gallery London
Jan van Eyck, „Portrait of a Man (Self Portrait?)“, 1433, oil on wood, 33.1 × 25.9 cm (including original frame), © The National Gallery, London – Mit freundlicher Genehmigung von: nationalgallery.org.uk / National Gallery London

Wann: 21.11.2026 - 11.04.2027

Van Eyck: The Portraits – Wenn ein Gesicht zum Menschen wird

Plötzlich blickt uns ein Mensch aus dem Jahr 1433 an, als stünde er nicht seit fast sechs Jahrhunderten auf einer Holztafel, sondern unmittelbar vor uns. Mit „Van Eyck: The Portraits“ versammelt die National Gallery in London vom 21. November 2026 bis 11. April 2027 erstmals sämtliche zehn erhaltenen Porträts, die Jan van Eyck zugeschrieben werden können. Es ist eine Begegnung mit einem entscheidenden Moment der europäischen Kunstgeschichte: jenem Augenblick, in dem aus dem gemalten Gesicht ein unverwechselbarer Mensch wurde.

Van Eyck wollte nicht einfach zeigen, wie jemand aussah. Er wollte Gegenwart erzeugen. Gerötete Augen, nachwachsender Bart, einzelne Haare, Falten und die unregelmäßigen Spuren des Lebens waren für ihn keine Makel, die ein Maler verschönern musste. Sie waren das, was einen Menschen von jedem anderen unterschied. Während Porträts zuvor häufig gesellschaftlichen Rang, Macht oder ein idealisiertes Erscheinungsbild vermittelten, rückte bei ihm das Individuum in den Mittelpunkt.

Jan van Eyck Portrait of a Man with a Blue Chaperon about 1428–30 Oil on wood, 22.5 × 16.6 cm Brukenthal National Museum, Sibiu, Romania © Brukenthal National Museum, Sibiu, Romania. Photo: Daniel Fărcașiu
Jan van Eyck Portrait of a Man with a Blue Chaperon about 1428–30 Oil on wood, 22.5 × 16.6 cm Brukenthal National Museum, Sibiu, Romania © Brukenthal National Museum, Sibiu, Romania. Photo: Daniel Fărcașiu – Mit freundlicher Genehmigung von: nationalgallery.org.uk / National Gallery London

Gerade deshalb besitzt diese Ausstellung eine außergewöhnliche Bedeutung. Nur rund zwanzig eigenhändige Gemälde Jan van Eycks haben sich erhalten. Neun seiner gemalten Porträts werden nun gemeinsam gezeigt, ergänzt durch seine einzige erhaltene Porträtzeichnung. Fast die Hälfte seines heute bekannten Œuvres begegnet dem Besucher damit allein über das menschliche Gesicht.

Ein alter Mann und die Geburt eines Bildes

Zu den kostbarsten Leihgaben gehört die um 1438 entstandene Silber- und Goldstiftzeichnung „Portrait of an Elderly Man“ aus dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Ein dichtes Geflecht feinster Linien modelliert das Gesicht; sogar präzise Farbangaben hielt Van Eyck auf dem Blatt fest.

Die Zeichnung ist mehr als eine Vorstudie. Sie gilt als einzige gesicherte vorbereitende Studie zu einem niederländischen Gemälde dieser Epoche und als frühester erhaltener materieller Beleg für eine formelle Porträtsitzung. In London wird sie erst zum zweiten Mal überhaupt mit jenem Gemälde zusammengeführt, für das sie vermutlich entstand: dem „Portrait of an Elderly Man (A Scholar?)“ aus dem Kunsthistorischen Museum Wien.

Vielleicht liegt das Erstaunliche nicht in der Präzision der Linien. Vielleicht liegt es darin, dass zwischen ihnen plötzlich Zeit verschwindet. Wir sehen keinen „alten Mann des 15. Jahrhunderts“. Wir sehen einen Menschen, der einmal vor Jan van Eyck saß – und für einen Augenblick scheint es, als säße er noch immer dort.

Jan van Eyck  Portrait of Giovanni(?) Arnolfini and his Wife Short title The Arnolfini Portrait 1434 oil on wood 82.2 × 60 cm © The National Gallery, LondonJan van Eyck, „The Arnolfini Portrait“, 1434, Öl auf Holz, 82,2 × 60 cm, (c) The National Gallery, London
Jan van Eyck Portrait of Giovanni(?) Arnolfini and his Wife Short title The Arnolfini Portrait 1434 oil on wood 82.2 × 60 cm © The National Gallery, LondonJan van Eyck, „The Arnolfini Portrait“, 1434, Öl auf Holz, 82,2 × 60 cm, (c) The National Gallery, London – Mit freundlicher Genehmigung von: nationalgallery.org.uk / National Gallery London

Wer war der Mann im Arnolfini-Porträt?

Eine zweite Wiederbegegnung führt zu einem der berühmtesten Bilder der National Gallery: dem „Arnolfini Portrait“ von 1434. Erstmals wird es gemeinsam mit dem Berliner „Portrait of a Man (Giovanni Arnolfini?)“ von etwa 1435–38 gezeigt.

Sollte tatsächlich derselbe Mann auf beiden Werken dargestellt sein, öffnet sich eine faszinierende Frage. Warum porträtierte Van Eyck ihn zweimal? Außerhalb von Herrscherbildnissen war dies damals ungewöhnlich. Die beiden Bilder lassen deshalb eine persönliche Verbindung zwischen Maler und Modell vermuten.

Van Eyck beginnt hier mit etwas zu spielen, das uns heute selbstverständlich erscheint: Wiedererkennbarkeit. Ein Porträt soll nicht irgendeinen wohlhabenden Mann zeigen. Es soll diesen einen Menschen zeigen.

Jan van Eyck Portrait of Margaret van Eyck 1439 41.5 x 35cm (including original frame) City Museums, Bruges, Groeningemuseum © Municipal Museums Bruges, Groeningemuseum. Photo: The National Gallery, London
Jan van Eyck Portrait of Margaret van Eyck 1439 41.5 x 35cm (including original frame) City Museums, Bruges, Groeningemuseum © Municipal Museums Bruges, Groeningemuseum. Photo: The National Gallery, London – Mit freundlicher Genehmigung von: nationalgallery.org.uk / National Gallery London

Der Maler blickt zurück

Noch persönlicher wird die Ausstellung, wenn das frisch konservierte „Portrait of a Man (Self Portrait?)“ von 1433 aus der National Gallery auf das Bildnis von Van Eycks Ehefrau Margaret aus dem Jahr 1439 trifft.

Margarets Porträt ist kunsthistorisch bemerkenswert. Es handelt sich um das früheste datierte und identifizierbare Bildnis einer Frau außerhalb der Aristokratie. Das Porträt beginnt sich damit von dynastischer Repräsentation zu lösen. Nicht mehr allein Fürsten und Mächtige verdienen ein Gesicht für die Ewigkeit. Künstler, Handwerker, Freunde und Angehörige treten ins Bild.

Auch der Wiener Goldschmied „Jan de Leeuw“ von 1436 gehört zu dieser neuen Welt. Er sucht den Blickkontakt. Van Eyck macht den Betrachter damit nicht zum distanzierten Beobachter: Wir werden selbst Teil der Begegnung.

Für die Ausstellung erlaubt das Kunsthistorische Museum Wien erstmals in seiner Geschichte, seine beiden Van-Eyck-Gemälde gleichzeitig auszuleihen.

Nichts ist ganz das, was es zu sein scheint

Doch Van Eycks Wahrheit besitzt eine raffinierte Gegenseite. Während die Gesichter geradezu unerbittlich wirklich erscheinen, täuscht der Künstler bei den Materialien. Rahmen und Rückseiten verwandelt er malerisch in kostbare Steine oder Metalle. Schrift wirkt eingemeißelt, Oberflächen scheinen aus einem Material zu bestehen, das tatsächlich nur Farbe ist.

Die National Gallery macht diesen Gedanken räumlich erfahrbar. Mehrere Porträts sollen erstmals rundum betrachtet werden können. Dadurch werden auch die marmorierten Rückseiten sichtbar. Man versteht plötzlich, dass diese Werke ursprünglich nicht bloß Bilder an einer Wand waren. Sie waren Objekte, die man in die Hand nehmen, drehen, aus der Nähe untersuchen und miteinander besprechen konnte.

Dazu passt Van Eycks ungewöhnliches Selbstbewusstsein. Während viele Künstler des späten Mittelalters anonym blieben, signierte und datierte er seine Werke beinahe systematisch. Mitunter setzte er sogar sein berühmtes Motto hinzu: „Als ich kan“ – „So gut ich kann“.

Darin kündigt sich bereits ein neues Verständnis des Künstlers an. Aus dem anonymen Handwerker wird eine Persönlichkeit, die für ihre Erfindung einsteht.

Jan van Eyck, seit 1425 Hofmaler Philipps des Guten von Burgund, war zu Lebzeiten bereits international berühmt. Seine technische Virtuosität machte die Möglichkeiten der Ölmalerei sichtbar wie kaum zuvor. Doch „Van Eyck: The Portraits“ zeigt, dass seine eigentliche Revolution tiefer lag.

Er malte nicht einfach genauer als andere.

Er erkannte, dass Individualität selbst bildwürdig war.

Wenn die zehn Porträts nach fast sechs Jahrhunderten erstmals gemeinsam in London stehen, begegnen sich deshalb nicht nur Meisterwerke der nördlichen Renaissance. Es begegnen uns Menschen, deren Namen teilweise verloren oder umstritten sind, deren Gesichter aber geblieben sind. Vielleicht beginnt genau dort das moderne Porträt: in der Erkenntnis, dass ein einzelnes menschliches Gesicht genug Geschichte besitzt, um nicht vergessen zu werden.

Tags: Jan van Eyck, Renaissance, Porträtmalerei, Malerei, Kunstgeschichte, Alte Meister

Montag – Sonntag: 10:00 – 18:00 Uhr
Freitag: 10:00 – 21:00 Uhr