Der Maler blickt zurück
Noch persönlicher wird die Ausstellung, wenn das frisch konservierte „Portrait of a Man (Self Portrait?)“ von 1433 aus der National Gallery auf das Bildnis von Van Eycks Ehefrau Margaret aus dem Jahr 1439 trifft.
Margarets Porträt ist kunsthistorisch bemerkenswert. Es handelt sich um das früheste datierte und identifizierbare Bildnis einer Frau außerhalb der Aristokratie. Das Porträt beginnt sich damit von dynastischer Repräsentation zu lösen. Nicht mehr allein Fürsten und Mächtige verdienen ein Gesicht für die Ewigkeit. Künstler, Handwerker, Freunde und Angehörige treten ins Bild.
Auch der Wiener Goldschmied „Jan de Leeuw“ von 1436 gehört zu dieser neuen Welt. Er sucht den Blickkontakt. Van Eyck macht den Betrachter damit nicht zum distanzierten Beobachter: Wir werden selbst Teil der Begegnung.
Für die Ausstellung erlaubt das Kunsthistorische Museum Wien erstmals in seiner Geschichte, seine beiden Van-Eyck-Gemälde gleichzeitig auszuleihen.
Nichts ist ganz das, was es zu sein scheint
Doch Van Eycks Wahrheit besitzt eine raffinierte Gegenseite. Während die Gesichter geradezu unerbittlich wirklich erscheinen, täuscht der Künstler bei den Materialien. Rahmen und Rückseiten verwandelt er malerisch in kostbare Steine oder Metalle. Schrift wirkt eingemeißelt, Oberflächen scheinen aus einem Material zu bestehen, das tatsächlich nur Farbe ist.
Die National Gallery macht diesen Gedanken räumlich erfahrbar. Mehrere Porträts sollen erstmals rundum betrachtet werden können. Dadurch werden auch die marmorierten Rückseiten sichtbar. Man versteht plötzlich, dass diese Werke ursprünglich nicht bloß Bilder an einer Wand waren. Sie waren Objekte, die man in die Hand nehmen, drehen, aus der Nähe untersuchen und miteinander besprechen konnte.
Dazu passt Van Eycks ungewöhnliches Selbstbewusstsein. Während viele Künstler des späten Mittelalters anonym blieben, signierte und datierte er seine Werke beinahe systematisch. Mitunter setzte er sogar sein berühmtes Motto hinzu: „Als ich kan“ – „So gut ich kann“.
Darin kündigt sich bereits ein neues Verständnis des Künstlers an. Aus dem anonymen Handwerker wird eine Persönlichkeit, die für ihre Erfindung einsteht.
Jan van Eyck, seit 1425 Hofmaler Philipps des Guten von Burgund, war zu Lebzeiten bereits international berühmt. Seine technische Virtuosität machte die Möglichkeiten der Ölmalerei sichtbar wie kaum zuvor. Doch „Van Eyck: The Portraits“ zeigt, dass seine eigentliche Revolution tiefer lag.
Er malte nicht einfach genauer als andere.
Er erkannte, dass Individualität selbst bildwürdig war.
Wenn die zehn Porträts nach fast sechs Jahrhunderten erstmals gemeinsam in London stehen, begegnen sich deshalb nicht nur Meisterwerke der nördlichen Renaissance. Es begegnen uns Menschen, deren Namen teilweise verloren oder umstritten sind, deren Gesichter aber geblieben sind. Vielleicht beginnt genau dort das moderne Porträt: in der Erkenntnis, dass ein einzelnes menschliches Gesicht genug Geschichte besitzt, um nicht vergessen zu werden.